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Der Israelit · 1891-05-28 · Heft 42 (28.5.1891) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 42 (28.5.1891)
Date
1891-05-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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den Heileslehren eines Istozi und Konsorten eine Zeit hindurch Gehör zu schenken nicht abgeneigt war, ist eben durch die Vorgänge der letzten Wochen auf dem ungarischen Tieflande zur Ueberzeugung gekommen, welche Früchte die Judenhetze gezeitigt hat. Das Beksser Komitat, welches seit dem 1. Mai unaufhörlich der Schauplatz des wildesten Ausbruches des Sozialismus ist, war seinerzeit der Sitz des Antisemitismus'. Die sonst friedlichen Bürger der dortigen Wahlbezirke, welche zwei antisemitischen Abgeordneten das Mandat gaben und dann durch diese zu Ausschreitungen gegen die Juden aufgehetzt wurden, mußten dieser Tage die Brust vor die Schießwaffen der eigenen Soldaten herhalten und bezahlten mit theuerem Blute die Lehren der Weltbeglücker. Die durch Judenhaß fanatisirte Menge hatte sich, nachdem der Antisemitismus aus der Mode war, nur zu leicht dem Sozialismus in die Arme geworfen und büßte schwer dafür, während den eigentlichen Urhebern kein Haar gekrümmt wurde. Aber nicht nur in der Gesellschaft ist eine Aenderung zum Besseren eingetreten, auch die ungarische Regierung, die ihrem liberalen Charakter nicht selten untreu geworden, scheint in jüngerer Zeit mehr Neigung zu haben, die Interessen der Israeliten zu berücksichtigen. Ganz besonders gilt dies von den Ministerial-Erlässen. Da die Angelegenheiten der israelitischen Konfession im Gesetzbuche nicht genügend geregelt sind, wendet man sich in jedem strittigen Fall an das Kultusministerium, welches überhaupt die auf die Ehe bezüglichen Satzungen unserer heiligen Religion nur selten einer Beachtung zu würdigen Pflegt. Aus diesem Verfahren entstanden dann hauptsächlich den Rabbinen große Schwierigkeiten, da sie, wenn sie den Verordnungen des Ministers Folge leisten wollten, mit dem jüdischen Religionskodex in Konflikt gerathen wären. Es ist daher leicht erklärlich, daß der in Ihrem Blatte bereits abgedruckte Erlaß des Kultus- und Unterrichtsministers über die jüdische Ehescheidung in jüdischen Kreisen nicht geringes freudiges Aufsehen erregt hat. Es erfüllt uns dieser Erlaß, der den Rabbiner vor einer Zwangslage schützt, mit Befriedigung als Anzeichen einer größeren Rücksichtnahme auf die Vorschriften der jüdischen Religion. Leopold Großberg. (Wie uns Herr Heinrich Löffler in Budapest schreibt, fällte der Minister bereits im Jahre 1889 unter Zahl 11510 eine derartige Entscheidung, in welcher er, eine Anfrage des Nagy-Könöser Matrikenführers betreffend folgende Antwort ertheilte: „Ihre Anfrage betreffend, erkläre ich, daß wenn einer durch das Curialurtheil gesetzlich und entgültig geschiedene Ehehälfte eine neue Ehe eingehen will, der Seelsorger oder dessen Stellvertreter wohl nicht berechtigt ist, ihm ein Hinderniß km Wege zu legen, wenn er aber bei einer derartig zu schließenden Ehe, sich auf die Glaubensprinzipien der jüdischen Religion berufend, seine Mitwirkung verweigert, kann man ihn laut den in Giltigkeit bestehenden Staatsgesetzen zu seiner Mitwirkung nicht zwingen." Red.) Frankreich. Paris, 24. Mai. Der Präsident der Republik hat heute in Bayonne bei Beantwortung einer Ansprache des Großrabbiners Astruc unter Ändern! bemerkt: „In Frankreich sind die Juden frei und den andern Bürgern gleich, und sie würden es überall sein, wenn dies in meiner Macht läge." Das wird weder dem Antisemitenhäuptltng Drumont, noch den Russomanen behagen und vielleicht sogar in Petersburg etwas verschnupfen. vermischtes. Berlin. — In der Versammlung der christlich-sozialen Partei sprach in Marten's Salon Herr Stöcker, der Hofprediger „aller Deutschen", wie das „a. D." jetzt gedeutet wird, über: „Die Bedrohung des christlich-deutschen Charakters unseres Volkes." Nachdem noch vr. Paul Förster als Vertreter der „Deutsch - sozialen Partei" gesprochen, genehmigte die Versammlung folgende Resolution: „In Erwägung, daß der preußische Staat noch immer auf dem Boden des Christenthums steht, und daß demgemäß auch die Verwaltung desselben bei aller Duldsamkeit gegen andere Religionen es mit Freuden begrüßen muß, wenn die Staatsbeamten ihrer christlichen und nationalen Ueberzeugung offen Ausdruck geben, protestirt die Versammlung gegen die Haltung des preußischen Herrn Justizministers, der deutsche Referendare in der Wahl ihres gesellschaftlichen Verkehrs und der berechtigten Bethätigung ihrer christlich-deutschen Gesinnungen beschränken will und spricht dagegen den juristischen Beamten, die die Rechtsprechung gegen die Eingriffe des Judenthums möglichst zu schützen suchen, ihre volle Zustimmung aus." In Dresden herrscht, wie man uns von dort schreibt, in Bezug auf den Ausfall der Ausloosung zu den Geschworenen ein eigenthümliches Verhängniß. Wiewohl sich gerade in dem intelligentesten, urtheilssähigsten Theile der Bevölkerung ein verhältnißmäßig starker Prozentsatz israelitischer Bürger befindet, verfehlt das Loos dieselben dennoch mit einer merkwürdigen Beharrlichkeit. Der Kassenwart des Dresdener antisemitischen „Reform- Vereins" ist, kurz nach dem Verkauf seines Cigarrengeschäfts, dem Konkurs verfallen. Wien, 19. Mai. Dem Prof. Nothnagl wurde gestern von seinen zahlreichen Hörern eine stürmische, begeisterte Ovation dargebracht, die Ursache dieser Kundgebung war die schwungvolle Rede, welche Pros. Nothnagl anläßlich der Constituirung des „Vereines zur Bekämpfung des Antisemitismus" gehalten hat. Herr Prof. Nothnagl war sichtlich überrascht und erklärte, daß, trotzdem diese Kundgebung nicht am Platze, ihn selbe dennoch freue, weil sie ihm als Beweis gelte, daß die akademische Jugend, die Hoffnung und Blüthe des Staates, Herz und Verständniß für Humanität und wahre Bildung besitze. ________

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