Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 42 (28.5.1891)
- Date
- 1891-05-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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774 12. Mai, 3 Uhr Nachmittags, schleicht sich ein Grieche, Namens Stini — ein mehrfach vorbestraftes Subjekt — in den Ghetto ein, schlitzt mit einem Dolch dem Juden Moise Belleli (Vater von sieben Kindern!) den ganzen Bauch auf, schießt eineu anderen, Daniela Nacson (der Belelli später in den Tod gefolgt ist) hinterrücks nieder und verwundet durch einen Revolverschuß einen Soldaten. Der Mörder entkommt. Dagegen werden die reichen Oelhändler, Gebrüder Damiri, in deren Magazin der fliehende Mörder seine Waffen versteckt hat, verhaftet. 14. Mai. Ankunft des neuen Präfekten. Bis dahin waren 600 Juden ausgewandert. Dem „Berl. Tagebl." wird ans Korfu vom 24. Mai telegraphirt, daß der von der „Staatsbürger-Ztg." veröffentlichte Bericht eines ehemaligen griechischen Abgeordneten, angeblich des Herrn Georgios Zervos, über die Ermordung des Mädchens, welche den Anlaß zu der Judenhetze gab, von Anfang bis zu Ende erdichtet sei; der Abgeordnete Zervos hat dem Berichterstatter des genannten Blattes erklärt, daß außer ihm kein Deputirter gleichen oder ähnlichen Namens existtre oder existirt habe und daß er selbst, Zervos, nie einen Bericht über die Vorgänge in Korfu an eine Berliner Zeitung abgesandt habe. Der die Untersuchung in Korfu leitende Staatsanwalt, Herr Bensis, brandmarkte in einer Unterredung mit dem Korrespondenten energisch das ungeheuerliche Lügengewebe der Berliner Antisemitenpreffe, speziell der „Kreuzzeitung" in Bezug auf den angeblichen „rituellen Mord". Der Staatsanwalt konstatirte ausdrücklich den unseligen Einfluß der genannten Presse auf die Vorgänge in Korfu. Daß das ermordete Mädchen eine Jüdin sei, unterliege nicht dem geringsten Zweifel. Das Mädchen sei, wie der Beamte angab, außerdem in widernatürlicher Weise vergewaltigt. Von dem Mörder habe man jedoch bisher noch keine Spur. Die fünf Hauptanftifter der Unruhen würden, wie der Staatsanwalt meinte, zum Tode verurtheilt werden. Die Regierung wird überhaupt sehr streng Vorgehen. Die Auswanderung der Juden dauert in Korfu fort. Der italieuische Konsul versicherte dem Berichterstatter, daß alle Juden Korfu verlassen werden. Der italienische Konsul bat Rudini um Entsendung von Kriegsschiffen behufs Verhinderung von Attentaten gegen die auswandernden Juden. Die Mißhandlung von Israeliten daure fort. Zeitungsnachrichten und Correspoudenzen. Deutschland. Aus dem Großherzogthum Hessen. Vor einigen Wochen erhielten die Mitglieder des hessischen Landeslehrervereins mit dem Vereinsorgane als Beilage die bekannte Fiedler'sche Broschüre, welche sich sehr energisch gegen den Antisemismus wendet. Es geschah dies jedenfalls auf Veranlassung des Vereins zur Abwehr d. A., welcher damit nach meiner Ansicht einen sehr klugen Schritt gethan hat, denn die Antisemitenführer scheinen gerade die Lehrer und zwar die V o lks schult eh rer für ihre Zwecke gewinnen zu wollen, da sie den großen Einfluß kennen, welchen gerade diese Herren auf die Landbevölkerung hat. Meine heutigen Zeilen bezwecken nun, die Aufmerksamkeit der Vorstände des genannten Vereins gerade auf diesen Gegenstand zu lenken, denn wie sehr meine Ansicht berechtigt ist, geht aus Folgendem hervor. Dieser Tage erzählte mir ein Lehrer einer rheinhessischen Stadt, daß ihm ein College, der mit ihm im vorigen Jahre das Seminar verlassen habe, den Böckel'schen „Reichsherold" zugeschickt habe, um denselben in Lehrerkreisen zu verbreiten. Der Lehrer, der mir natürlich nicht genannt wurde, ist im Odenwald angestellt; also trotz Verbot der Regierung wagen es die jungen Herren dennoch, sich in den Dienst der Herren Böckel und Genossen zu stellen. Also Belehrung nach dieser Seite und große Vorsicht ist hier sehr dringend am Platze. Frankfurt a. M. In der vorigen Woche verstarb dahier Frau B r e i n l e E1 t l i n g e r, eine Schwester des berühmten Altonaer Oberrabbiners Rabbi Jakob Ettlinger Von frommen Eltern erzogen, gewöhnte sie sich schon früh an einen gottgefälligen Wandel, den sie ihr ganzes Leben hindurch bewahrte. Schon früh verlor sie ihren Gatten und von dieser Zeit an widmete sie sich hauptsächlich den Werken der Wohlthätigl'eit. Der Frauen- Verein zu Karlsruhe verdankt ihr sein Entstehen, lange Zeit entfaltete sie in demselben eine rege Thätigkeit, in den letzten Jahren ihres Lebens war sie seine Ehrenpräsidentin. Sic erreichte das seltene Alter von 95 Jahren. Ihre Leiche wurde nach Karlsruhe überführt. Am Grabe hob Herr Rabbiner Dr. Schiffer in tiefempfundenen Worten die Verdienste der Verstorbenen hervor; Herr Rabbiner Dr. Horovitz sprach im Namen der Familie. irason Bielefeld, 21. Mai. In den Berichten antisemitischer Blätter über den in dieser Woche in Leipzig stattgehabten „Deutsch-sozialen Parteitag" wird riesig renommirt mit der großen Zahl der Begrüßungstelegramme, die aus allen Theilen des