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Der Israelit · 1891-05-28 · Heft 42 (28.5.1891) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 42 (28.5.1891)
Date
1891-05-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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der Berichterstatter des „Berl. Tagbl." folgende Tageschronik: 12. April. Ein jüdisches Mädchen von acht Jahren, Rubi na Sar d a, Tochter eines armen Schneiders, die von ihrem Vater einen Saldo erhalten, verläßt Morgens das Haus, um sich Backwerk zu kaufen. Ais das Mädchen nicht zurückkommt, verständigt der geängstigte Vater die Polizei und läßt zugleich durch einen Ausrufer die öffentliche Aufforderung ergehen, man möge ihm sein Kind — das vielleicht aus Furcht vor Strafe nicht zurückgekehrt — zurückbringen. 13. April. Morgens 3 Uhr, d. h. in der Nacht selbst, wird vom Vater und seinen jüdischen Freunden der Leichnam des Kindes in einen Sack genäht in einem Hausflur neben der Synagoge gefunden. Der Leichnam zeigte drei schwere Hiebe (mit einem stumpfen Instrument) auf den Kopf; die Beine sind zusammengeschnürt; am Kopf sind sieben Messerschnitte zu sehen, die Halsader und die sämmtlichen Venen am Halse sind mit einem chirurgischen Instrumente (wie sich dessen die Aerzte bedienen!) völlig durchschnitten, und zwar in der Tiefe von 10 Centimetern. Ebenso durchschnitten sind die Pulsadern und die Venen der Arme. Da der Leichnam absolut blutlos ist, so wird seitens griechischer Fanatiker (oder Interessenten) sofort das Gerücht ins Volk geschleudert, die Ermordete sei gar nicht die Tochter des jüdischen Schneiders Vita Sarda gewesen, sondern vielmehr eine gewisse Maria Desilla aus Janina, die der erwähnte Schneider als kleines Kind ihren Eltern entführt habe, um sie späterhin zu rituellen Zwecken zu opfern. 14. April. Eine nach Tausenden zählende fanatische Volksmenge dringt mit Messern, Revolvern, Pistolen bewaffnet 4 Uhr Nachmittags in das Judenviertel ein. Vom Militär mit Mühe herausgedrängt, stürmt und plündert die Menge den bei der Porta Reale befindlichenjüdischen „Concordia"- Klub und zieht mit der erbeuteten Standarte des Klubs auf die Esplanade, wo dieselbe verbrannt wird. Den ganzen Tag über halten die Unruhen an; zahlreiche Juden, die während der Ereignisse außerhalb des Ghetto waren und nach ihren Häusern zurück wollen, werden schwer mißhandelt und gesteinigt. Das Volk zieht unter Spottliedern auf die jüdische Religion vor das Haus des Großrabbiners und sucht es zu stürmen. 15. April. Fortsetzung der Tumulte. Von jetzt an bleiben die Juden (bis zum 18. Mai) ununterbrochen im Ghetto eingeschlossen. Die Lebensmittel werden ihnen durch griechische Händler nach dem Ghetto gebracht und zu enormen Preisen verkauft. Nachdem inzwischen das Blutmärchen geradezu bedenkliche Verbreitung gefunden, veröffentlichen der Präfekt und der Staatsanwalt das vom Rabbiner ihnen gelieferte Geburtszeugniß der Ermordeten, was ihnen seitens der Bevölkerung die Anklage einbringt, beide seien um je 50,000 Fr. von den Juden gekauft. Inzwischen wird das Militär verstärkt. An demselben Tage schießt ein in den Ghetto eingedrungenes Individuum eine Jüdin hinterrücks nieder. 16. bis 17. April werden von auswärts kommende Juden, die das Osterfest mit ihren Familien feiern wollen, schwer mißhandelt, einige davon in's Meer geworfen. Die Mannschaft eines griechischen Kriegsschiffes bringt die Unglücklichen in Sicherheit. Dabei wird den Juden streng befohlen, ihre Fenster und Thüren hermetisch zu schließen und in den Häusern zu bleiben. 17. bis 25. April. Neue Tumulte im Judenviertel. 27. April. Im Hausflur eines jüdischen Hauses in der Calle d’oro werden Blutspuren entdeckt. Der Pöbel, im Wahn, hier sei die „Maria Desila" „geschlichtet" worden, schleppt sieben jüdische Schächter mit sich, um sie zu lynchen. Das Militär befreit die sieben von der Menge fast todt geprügelten Schächter und bringt sie in Sicherheit. Das Blut erwies sich später als das Blut geschachteter Hühner. Inzwischen zieht eine große Volksmenge heulend und tobend vor den Palast des Präfekten und verlangt unter wüsten Beschimpfungen die sofortige Freilassung der bisher verhafteten Christen. 1. Mai. Auf der gleichfalls jonischen Insel Zante hat die Bevölkerung von dem Blutmärchen ut Korfu erfahren und zieht am Charfreitag in Prozession durch den Ghetto, um die Juden zu provozireu. Als die Behörde dies verhindern will, insultirt die Menge den Präfekten und den Gendarmerie-Kommandeur. Darauf macht das Militär von den Waffen Gebrauch, und es kommt zum Kampfe, wobei drei Civiliften und zwei Soldaten erschossen, viele Civiliften und Soldaten verwundet werden. Alle Juden verlassen Zante. Die Menge plündert darauf die Magazine und die Villa des jüdischen Kaufmanns Ferro, sowie mehrere jüdische Modistengeschäfte. 2. Mai. Auf die Kunde der Vorgänge von Zante bemächtigt sich der Bevölkerung Korfus neue Erregung. Wiederbeginn der Revolte. 2.-5. Mai. An drei Punkten der „Ebraica“ (Judenviertel) wird Feuer gelegt, das aber bald erstickt wird. 8. Mai wird der bisherige Präfekt Leoni das Vlach o s wegen „Energielosigkeit" abgerufen. Neue Truppen und ein neuer Kommandeur, Oberst Notaras, treffen ein.

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