Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1891-05-20 · Heft 39-40 (20.5.1891) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 39-40 (20.5.1891)
Date
1891-05-20
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448122-2448159--32129-2479960
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

741 Schule. Obgleich die Juden nahezu die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, und die Schule von einem Juden gegründet worden war, wurden doch nur acht Schüler jüdischen Glaubens neben 80 christlichen zugelassen, damit dem Gesetze genügt war, welches nur einen Prozentsatz von zehn jüdischen Schülern gestattet. In Goslwka hatte der bekannte'Eisenbahnunternehmer S. S. von Poljakow eine Bergakademie gegründet. Eine große Anzahl junger Leute bereitete sich unter Opfern zum Studium auf dieser Schule vor, aber nur fünf Prozent von ihnen erhielten Zutritt. Vor wenigen Wochen fand in Petersburg das Jubiläum eines adligen Damenstiftes statt, das Baron Günzburg vor 25 Jahren aus eigenen Mitteln begründet hatte. Natürlich war auch der Gründer zu dem Feste geladen, dem auch der Zar in eigeiler Person beiwohnte. Aber die anderen Geladenen scheuten sich nicht, den Begründer der Anstalt in so gröblicher Weise zu beleidigen, daß Baron Günzburg den Entschluß gefaßt haben soll, Petersburg zu verlassen. Einer der demüthigendsten Erlasse ist der des Generalgouverneurs von Odessa, welcher der Ortspolizei die Bestrafung eines Juden anheimstellt, wenn dieser es an der erforderlichen Achtung auf der Straße fehlen läßt. Um ihrer Entrüstung Ausdruck zu geben, beschlossen die Juden in Odessa, kein öffentliches Lokal zu besuchen, und es scheint, daß der Befehl zurückgezogen wurde. Aber sie müssen vor jedem Beamten den Hut ziehen, wenn sie nicht bestraft werden sollen. Eine besondere Klasse bilden die von der Polizei als „ausländische Vagabunden" bezeichneten Juden. Eigentlich gilt dieser Terminus nur für ausländische Juden, die nicht sofort dem Ausweisungsbefehle der Polizei Folge leisten. Aber es kommt auch nicht darauf an, auch mal einen Einheimischen unter diese Rubrik zu bringen und demgemäß zu behandeln. Zwei Einwohner Letetschews in Podolien, der Eine ein in der Stadt geachteter und wegen seiner Wohlthätigkeit bekannter Mann, der von seinem Vater ein kleines Haus und etwas Vermögen geerbt hatte, der Andere, ein fleißiger, ordentlicher Fuhrmann, wurden von dem Bezirksgericht und im weiteren Verfahren von dem Kriminalgericht in Odessa als Vagabunden erklärt. Sie sitzen seit 18 Monaten im Gefängniß und werden dort wahrscheinlich auch bleiben, bis ihre Verwandten den Nachweis erbringen, daß sie geborene Russen sind. In einem anderen Falle erschien vor Kurzem ein Mann aus Trostcaniz vor dem Bezirksgericht als Vagabund, weil er seinen Geburtsort nicht nachzuweisen vermochte. Man ließ ihm sieben Tage Frist, und als er es dann noch nicht konnte, wurde er zu vier Jahren Gefängniß und zu lebenslänglicher Verbannung nach Sibirien verurtheilt. Später konnte zwar der Beweis geführt werden, aber das Gericht ließ ihn nicht zu und wollte auch sein Urtheil nicht kasfiren. Der Mann hat Frau und sieben Kinder, die nun ihres Ernährers beraubt und dem Hungertode preisgegeben sind. Weiß der Zar, was in seinem großen Reiche geschieht? Nein. Seit Jahren werden dem Herrscher Berichte der Unterbeamten vorgelegt, die von Lügen und Verleumdungen strotzen. Denn der vogelfreie Jude ist die beste Quelle ihrer Einnahmen. An einem einzigen Tage ist der russische Polizeimann in der Lage, von dem eingeschüchterten Juden so viel herauszupressen, wie sein monatliches Gehalt beträgt. Darum ist sein Bericht, welcher den meist feindselig gemeinten Anfragen der obersten Behörden entspricht, eine Sammlung falscher Anklagen. Und der Herrscher des Landes, irregeleitet durch die Uebereinstimmung der Klagen, erhebt durch seine Unterschrift Bestimmungen zu Gesetzen, die lediglich der schnöden Habgier entsprungen sind. Die europäischen Völker, die dem inquisitorischen Treiben der russischen Regierungsmänner unthätig zuschauen, übersehen den Zusammenhang der Maßregeln gegen die Juden mit der allgemeinen GeisteSrichtung, die jetzt in Rußland die Herrschaft hat. Die Juden sind — wie sie es in der Geschichte immer waren — die ersten Opfer. Aber nicht die letzten. Nur was russisch-orthodox ist, soll geduldet werden; alles Andere ist dem Untergange geweiht. Ob es sich durch jahrelange, ehrliche Arbeit das Bürgerrecht erworben, ob es auf verbriefte Rechte sich stützt, ob es sich im Jahrhundert der Humanität auf die ungeschriebenen Satzungen der Menschlichkeit beruft, ob es sich in Religion oder Sprache unterscheidet — es ist dem Untergange geweiht! „Rußland für die Russen" ist das Feldgeschret einer Partei, die nicht weiß oder nicht wissen will, daß aller Fortschritt auf dem Austausch von Völkerbeziehungen beruht und alle Kultur die Frucht geistiger Wechselwirkungen ist. Edle Männer, wie Bischof Nikanor, werden nicht gehört, Stimmen, wie die des Bischofs Ambrosius, der die gebildete Gesellschaft bei allen Heiligen beschwört, sich von der Idee der Gewissensfreiheit und der allumfassenden, allversöhnenden Liebe zu emanzipiren, wird lauter Beifall gezollt! Man suche, so schließt das „Berl. Tagebl.", dem wir diese Ausführungen entnehmen, in den Thatsachen, die sich neben einander abspielen, den inneren Zusammenhang; dann wird man in den Judenaustretbungen nur ein Moment in einer Reihe von kulturfeindlichen Handlungen sehen, deren Ende wir nicht kennen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.