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Der Israelit · 1891-05-20 · Heft 39-40 (20.5.1891) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 39-40 (20.5.1891)
Date
1891-05-20
Page
– (sequence 11)
Language
German
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783 an bewegte sich die Judenverfolgung auf gebahnten Wegen. Während die Behörden der Insel bis heute die „Identität" der Leiche nicht haben feststellen können, von der gleich anfangs behauptet wurde, daß sie diejenige eines jüdischen Mädchens sei, und über den Fortgang der Untersuchung und ob überhaupt ein Verbrechen vorlag, nichts verlautet, wurde der Eifer der Bevölkerung durch plötzlich aufgetauchte Agitatoren, die auch reichlich mit den für solche Fälle stets bereit gehaltenen bildlichen Darstellungen des angeblichen rituellen Mordes versehen waren, gestachelt und wach erhalten. Dieser Vorgang entspricht so sehr bekannten und bewährten Vorbildern, daß kaum zu bezweifen ist, daß nicht einheimische Agitatoren die Hand im Spiele haben. Wenigstens hat man seit vielen Jahren von gegen die Juden herrschenden Feindseligkeiten auf den ljonischen Inseln nichts gehört, und speciell auf Corfu herrschte seit Menschengedenken zwischen griechischen und jüdischen Bewohnern ein ungetrübter Verkehr. Die an den Juden verübten Verbrechen mögen aber wo immer ihren Grund haben; es ist die höchste Zeit, daß denselben ein Ziel gesetzt werde. Die Regierung in Athen scheint sich vollkommen ihrer Verpflichtungen bewußt und vom besten Willen beseelt zu sein, dieselben zu erfüllen; allein ihre guten Absichten scheinen theils durch die Lässigkeit der Localbehörden, theils durch den Mangel an hinlänglichen Streitkräften vereitelt worden zu sein; wenigstens meldeten die Depeschen, daß bei der erwähnten Erstürmung der Judenhäuser die zum Schutze herbeigeeilten Truppen von dem Pöbel entwaffnet werden konnten. Die griechische Regierung wird daher, wenn nicht binnen kürzester Frist die Ordnung wieder hergestellt ist und durch die neuerlich abgesendeten Truppen und Schiffe Leben und Eigenthum auf der Insel vollkommen geschützt sind, nichts dagegen einwenden können, wenn diejenigen europäischen Staaten, welche Interessen auf Corfu zu schützen haben, selbst zum Rechten sehen und namentlich ihre Staatsangehörigen aus eigenen Mitteln zu schützen trachten werden. Von England und Frankreich wurde bereits gemeldet, daß sie zu diesem Behufs Kriegsschiffe nach Corfu entsendet haben, und auch die österreichisch-ungarische Regierung wird nicht umhin können, ähnliche Maßregeln zu ergreifen, wenn auch die heute gemeldete Absendung einer Batterie und einer Truppenverstärkung aus Athen sich als nicht zureichend erweisen sollte. Da zwischen Triest und Corfu ein nicht unbedeutender Verkehr besteht, die Lloydschiffe regelmäßig in Corfu anlegen, so scheint sogar die österr.-ungar. Regierung in erster Linie berufen, um die Wiederherstellung der Ordnung sich zu bemühen, hoffentlich hat es nicht erst der Interpellation Luzzatto im Abgeordnetenhause bedurft, um ihr diese Pflicht zum Bewußtsein zu bringen. Man darf sich indeß der begründeten Hoffnung hingeben, daß die Regierung in Athen es auf das Eingreifen fremder Mächte nicht wird ankommen lassen, sondern in dem Maße, als die Lage auf Corfu ernster geworden ist, Alles aufbieten wird, um ihre gesunkene Autorität wiederherzustellen. Von dem Verdachte wenigstens, mit dem Corfuer Pöbel zu sympathisiren, ist die griechische Regierung frei, und das will in unseren Tagen schon etwas bedeuten. Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen Deutschland. Berlin, 14. Mai. Der „Kölnischen Ztg." wird aus Petersburg gemeldet: Der Generalgouverneur Kuropatkin hat aus Transkaspien alle Juden ausgewiesen. Aus Kiew werden jetzt auch Musiker, wenn sie Juden sind, sortgeschickt. Moskau verlassen allein auf der Brester Bahn täglich ungefähr 300 ausgewiesene jüdische Familien. Auch mit der Südbahn reisen viele ab. Die Stimmung gegen die Juden an allerhöchster Stelle dauert an. Frankfurt a. M. Die Antisemiten ergehen sich fortwährend über die hessische Kammer und gegen die hessischen Behörden in allen sihren Organen in den heftigsten Schmähungen. Sie können die Kammerverhandlungen vom Februar nicht vergessen. Das Berliner, den früheren Hofprediger Stöcker besonders verehrende antisemitische „Volk" geht in seiner Verhimmelung der Antisemiten so weit, daß es sie für rettende Engel erklärt. Große Schichten des Volkes würden sie aus ihrem sozialen Elend befreien. Wolle man die Antisemiten zurückdrängen, so würden nur Sozialdemokraten den Vortheil davon haben. Gerade umgekehrt. Ließe man die Antisemiten schalten und walten, ohne ihnen entgegen zu treten, so werden sie überall nur die Vorarbeit für die Sozialdemokraten besorgen. Mit der Hetze gegen jüdisches Kapital fängt die Sache an, mit der Hetze gegen alles Kapital endet sie. Diese widrige Hetze kann nichts zur Folge haben, als Verbitterung, Haß und Unfrieden. Die Männer aller Parteien, welche es mit dem inneren Frieden der Bevölkerung ehrlich meinen, dürfen nicht eher ruhen, als bis die Hetzer in die Schranke zurückgewiesen sind. Vor Allem aber sollte nicht geduldetwerden, daß die Diener der Kirche im Namen des Chriftenthums und der Menschenliebe diese Hetze fördern. Aus Baden. Die Jury der „Hygienischen- und Nahrungsmittel-Ausstellung" in Brüssel hat der Firma Max Hamburger-Karlsruhe die goldene Medaille zuerkannt. Malch. (Baden), 12. Mai. Am Freitag den 8. und 's naiy den 9. Mai fand hier eine hochwichtige religiöse Feier statt. Von dem religiösen Geiste, welcher noch die ganze hiesige isr. Gemeinde beherrscht, legt das Fest Zeugniß ab, daS an oben genannten Tagen hier gefeiert wurde. Herr A. Marsch all, einer der angesehensten Bürger der israelitischen Gemeinde und ein echter Jehudi im wahren Sinne des Wortes, stiftete eine neue Thora-Rolle für die hiesige Synagoge. Von nah und fern waren Gäste herbeigeströmt, um an dieser erhebenden Einweihungsfeier theilzunehmen. Unter den Klängen der Musik wurde die Thorarolle aus dem Hause des Spenders abgeholt und begleitet von einer sehr zahlreichen Menge Festgästen bewegte sich der Zug durch die mit Guirlanden und Fahnen geschmückten Straßen in die festlich geschmückte Synagoge. Den Mittelpunkt des hier stattfindeuden Gottesdienstes bildete

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