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Der Israelit · 1891-05-20 · Heft 39-40 (20.5.1891) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 39-40 (20.5.1891)
Date
1891-05-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Daß schon früher die Stimmung gegen die Juden in Corsu eine sehr feindselige war, beweist der Umstand, daß in früheren Jahren bei den öffentlichen Wahlen die Juden unter Gendarmerie-Begleitung zu den Wahllokalen geführt werden mußten, um gegen die Angriffe des Pöbels geschützt zu sein, bis ihnen vor einigen Jahren gestattet wurde, in der Synagoge im Judenviertel, in der sogenannten Ebraica, abznstimmen. Bemerken will ich noch, daß außer in Corfu im übrigen Griechenland nur wenige jüdische Familien sich aufhalten und dem Versuche der Ansiedlung fremder Juden stets erbitterter, sogar in Thätlichkeiten ausartender Widerstand entgegengesetzt wurde. Ernst sind die gegenwärtigen Vorgänge auf Corfu jedenfalls zu nehmen, denn sobald der Fanatismus der Griechen erregt ist, so kennensie keine Grenzen mehr, und das Messer und der Revolver spielen die Hauptrolle. Wenn die jetzige - griechische Regierung nicht energisch vorgeht, so steht noch Schlimmeres für die Juden auf Corfu zu befürchten. Während meines dreijährigen Aufenthaltes in Corfu hatte ich sehr viel Gelegenheit, diese Beobachtungen tagtäglich zu machen, und bin überzeugt, daß meine Vermuthungen volle Bestätigung finden werden. Wie uns eine Privatcorrespondenz meldet, soll der Oberrabbiner von Corfu entlassen und mit seiner Familie der größten Roth preisgegeben sein. Wettere Nachrichten hierüber fehlen uns noch bis zur Stunde. Red. > vermischtes. 4 Mainz. Die Verfolgung der Juden in Rußland. Im Verlag der „Jüdischen Presse" ist unter dieser Aufschrift ein Buch erschienen, das in durchaus sachgemäßer und maßvoller Beweisführung die Bedrückung des jüdischen Elementes in Rußland schildert. Fünf Millionen Menschen seufzen unter einem physischen und geistigen Druck, unter welchem sie moralisch verkümmern und materiell zu Grunde gehen müssen! In der Schrift sind die Anklagen, welche den Vorwand für die Verfolgungen bilden, widerlegt, so die Anschuldigung, daß die russischen Juden sich der Militärpflicht entziehen, daß sie dem Ackerbau abgeneigt sind rc. rc. Das Buch wird wesentlich dazu beitragen, die öffentliche Meinung in Deutschland zu Gunsten der Unterdrückten in ähnlichem Sinne zu stimmen, wie es in Großbritannien der Fall ist. In einem zweiten Abschnitt wird der lehrreiche Verlauf des Guildhall-Meetings zu Gunsten der russischen Juden mitgetheilt. Die Schrift wird voraussichtlich günstig im Sinne der Humanität wirken. Breslau. In den letzten Tagen lief die Meldung durch die Presse, die Regierung zu Breslau habe die Zulassung jüdischer Arbeiter aus Russisch-Polen untersagt, weil dieselben in der Regel herüber kommen, um Handel zu treiben. Ein Erlaß der Breslauer Regierung dieses Inhalts ist, wie die „Boss. Ztg." festgestellt, neuerdings nicht ergangen; die Mitteilung ist augenscheinlich nur die um einige Monate verspätete ungenaue Wiedergabe einer Stelle I aus den im Februar ergangenen Bestimmungen des Breslauer Regierungspräsidenten über die zeitweise Zulassung russisch-polnischer Arbeiter, in welcher den Behörden zur Pflicht gemacht wurde, bei der Zulassung von Einwanderern jüd. Religion zu prüfen, ob dieselben nicht etwa des Handels wegen herüberkommen. Da die Zulassung russisch-polnischer Einwanderer lediglich zu Gunsten der landwirthschaftlichen und industriellen Betriebe erfolgt ist, sollen die Behörden darüber wachen, daß die Einwanderung wirklich diesen Zwecken dient. Das ist etwas Anderes als ein grundsätzliches Verbot der Einwanderung jüdischer Arbeiter. — Uebrigens wird die Erlaubniß zur Zulassung russisch-polnischer landwirthschaftlicher Arbeiter immer mehr ausgedehnt. Jetzt sind auch in mehreren uiederschlesischen Kreisen solche Fremdlinge zugelassen, deren Aufenthalt man zuerst auf die Grenzdistricte zu beschränken beabsichtigte. Die russisch-polnischen Arbeiter haben bereits in diesem Jahre ihre Forderungen etwas gesteigert, da sie starker Nachfrage begegnen und die Theuerung der Lebensmittel erheblich ins Gewicht fällt. Bromberg, 19. Mai. Dem Rabbiner Dr. Klemperer wurde wegen der Uebernahme des Rabbinats der Berliner Reformgemeinde der Zutritt zum hiesigen Tempel verweigert. Wien. Das Mitglied des Währinger Bezirksschulrathes Herr Em. Hoffmann, hat an den niederösterreichischen Landesschulrath und den Bezirksschulrath von Währing eine Zuschrift gerichtet, in welcher er auführt, daß er das weitere Verbleiben der Bürgerschullehrer Ludwig Arnhart und Ferdinand Rauscher au der Bürgerschule in Währing, für ungesetzlich halte, da dieselben sich offen als Anhänger der antisemitischen Partei bekennen und von dieser in den Gemeinderath aus den Bezirken Hernals und Währing gewählt worden sind. Wien. Das hiesige Antisemiten-Organ Deutsches Volksblatt wurde confiscirt wegen Mittheilung eines angeblichen Briefes aus Korfu, worin behauptet wird, das dort gefundene todte Mädchen sei ein Opfer rituellen Mordes anläßlich des Passahfestes. Das Blatt knüpfte daran aufreizende Bemerkungen gegen die Juden. — Der israelitische Freitisch-Verein in Prag veranstaltete auch am diesjährigen Passahfeste für seine zahlreichen Kostnehmer (Mittelschüler und Handwerkslehrlinge) eine solenne Seder-Feier in den schön renovierten Speisesälen des Hotel Fluffer. An beiden Seder-Abenden waren die Tische von 160 Kostnehmer dicht besetzt und wurden dieselben nach verrichtetem rituellen Gebete festlich bewirtet. Als Gäste hatten sich bei diesem Feste Herr Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld, Herr Oberrabbiner-Stellvertreter Dr. Tauber, mehrere Religionslehrer und Vorsteher von Synagogen eingefunden. Aus Ungarn. Das Hiuscheiden des Sarospataker Kollegium-Professors Paul Kun hat aufrichtige Theilnahme hervorgerufeu. Die Sarospataker Hochschule hat alle Ursache, den Heimgang dieses ausgezeichneten Mannes, der mit so viel Ernst und Eifer auch für die allgemeinen Interessen eintrat, tief zu beklagen. Als zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts die antisemitische Strömung ihren düstersten Triumph feierte und auch ein großer Theil der Intelligenz dieser Gegend die liberale und tolerante Gesinnung verlor, hat der Verblichene treu und rückhaltslos der konfessionellen Toleranz das Wort geredet. Sein Leichenbegängniß hat unter riesiger Theilnahme stattgefunden. — Ueber eine grausige Blutthat wird aus Tanger Folgendes berichtet: In der Nähe der Hauptstadt Fez wurde ein Jude und eine Maurin überrascht, als sie sich gegenseitig küßten und umarmten. Der fanatische Stamm der Brannest schleppte die Liebenden vor den Kaid und klagte sie an. Beide wurden zum Tode durch das Beil verurtheilt; dann sollten die Körper verbrannt werden. Umsonst war das Bitten und Flehen der Berurtheilten. Der

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