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Der Israelit · 1891-05-20 · Heft 39-40 (20.5.1891) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 39-40 (20.5.1891)
Date
1891-05-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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725 An dieser wahrhaften, brüderlichen Theilnahme fehlt es leider viel öfter, als wir es uns zugestehen möchten, besonders' aber den Unglücklichen gegenüber, die vom fernen Osten zu uns kommen, um unsere Hilfe zu beanspruchen. Wir empfinden es z. B. schmerzlich, wenn man in außerjüdischen Kreisen den Namen „Jude" als Synonym für alles Unrechte, Häßliche und Unanständige gebraucht und vergessen dabei, daß wir selber es genau geradeso machen, wenn wir den Inbegriff alles Listigen, Verschlagenen, Characterlosen z. B. in das Wort: „Pollack" zusammenpressen und damit einen gehässigen Schatten auf den größten Theil unserer eigenen Brüder und Schwestern werfen. Es kann sich doch kein billig denkender Mensch daran stoßen, daß Leute, die Hunderte von Meilen entfernt, in anderen Ländern und unter anderen Verhältnissen geboren und erzogen sind, daß solche Leute in manchen Punkten von uns abweichende Anschauungen und Gewohnheiten haben mögen. Wer das nicht einsieht, der denkt eben nicht billig, der ist unduldsam und stellt sich mit dem Wort „Pollock^, das er im Munde führt, in ein viel ungünstigeres Licht, als diejenigen, gegen die er es richtet. Wenn es nun gar vorkommt, daß der eine oder andere dieser Unglücklichen auf seinem dornenreichen Lebensweg wirklich die Offenheit des Characters, die unbeugsame Wahrhaftigkeit lin Wort und That vermissen läßt, dann bricht Alles über die „Pollacken" in einer Weise den Stab, als ob wir alle ausnahmslos unfehlbare Tugendengel wären! Das muß aufhören. Ohne jeden Rückhalt, mit brüderlicher Herzlichkeit müssen wir den Vertriebenen durch jedes Wort bekunden, daß wir uns als ihre Brüder und Schwestern fühlen. Wir dürfen nicht Richter sein, wo wir Helfer sein sollen. Unter allen Vertriebenen ist nicht ein einziger Unwürdiger! Wer wirklich von ihnen je unwürdig gewesen wäre, wer je auf einer tieferen Stufe gestanden hätte, verdient heute vielleicht erst recht unsere Hochachtung und Bruderliebe. Die Edlen, die Würdigen, die Gelehrten und Wackeren, die lieber zum Bettelstab als zur Lüge griffen, die konnten nicht anders handeln, wenn sie ihrer ganzen Persönlichkeit keine unerträgliche Vergewaltigung anthun wollten. Aber die Lockeren, die Halben, die Schwankenden, welche dennoch fest und treu blieben, haben damit doch unzweideutig bekundet, wie auch sie als vollwerthig sich bewährten in der Stunde der Prüfung. Und diejenigen, die ohne Bildung, ohne Gelehrsamkeit, ohne besondere Vorzüge des Geistes und des Herzens dennoch die schwere Probe so glänzend bestehen, daß sie nun arm an unserer Thüre stehen, weil sie zu Hause ihr Judenthum nicht abschwören wollten, denen hätte ihr hartes Exil nicht längst alle etwa anhaftenden Schwächen und Fehler so vollständig gesühnt, daß wir m-it unserer Bruderliebe knittern dürften? Wem Gottes Gnade solche Exulanten in sein Haus schickt, der mag dem Himmel dafür danken, daß ihm einmal Gelegenheit geboten ist, zweifellos würdigen Brüdern und Schwestern die Bruderhand zu reichen. Je fremdartiger ihre Sprache, ihre Sitten, ihre Lebensgewohnheiten erscheinen mögen, um so großartiger wird die Thatsache zu Tage treten, daß trotz aller dieser Aeußerlichkeiten, ein und derselbe Gedanke an Gott und Sein Gesetz uns Alle zu einem Volk von Brüdern macht. Wenn wir alle solche kleinlichen Vorurtheile angesichts des erschütternden Ernstes der Zeit ablegen, dann wird das jüdische Herz mit der alten Schwungkraft wieder lebendig in uns werden und seine Wunder vollbringen. Dann wird es nicht mehr einer Mahnung nach dieser Seite hin bedürfen, dann werden die auf uns angewiesenen flüchtenden Märtyrer unseren Blick dankerfüllten Herzens zu unserem himmlischen Vater mit den Worten lenken, mit welchen wir uns zu jeder Mizwah rüsten, heiß guillts dann aus den jüdisch schlagenden Herzen, ■paa “ijrfc nanw bw rwv rosa d*^ MNvi pia »an, und aus der Gesinnung, wie sie sich in diesen Worten ausspricht, wird dann die That in einer Weise erblühen, die sich aller Schätzung und Berechnung entzieht. Diese mächtig aufflammende Bruderliebe wird überall Mittel und Wege suchen und finden, um vereinzelte Familien hie und da unterzubringen, kurz, um zu retten und zu helfen, soweit es in ihrer Macht steht und mehr als in ihrer Macht steht. Ist diese Menschenliebe erst bei uns lebendig geworden, dann tritt die Pflicht an uns heran, uns in öffentlichem Gebet für das Schicksal der Unglücklichen an den himmlischen Vater zu wenden. Dann haben wir das Recht, die Gnade Gottes zu erbitten, nachdem wir es unsererseits an der Bekundung unserer Nächstenliebe nicht fehlen ließen. Wir schlagen zu diesem Zwecke vor, daß täglich das Gebet hinter iaw da eingeschaltet wird, wo man es sonst nur an Fasttagen betet. In den Gemeinden, in welchen dieses Gebet ohnedies täglich gebetet wird, empfiehlt es sich, nach dem täglichen Gebete besondere Psalmen zu beten, und schlagen wir hierfür die Psalmen: ,p ,a"p ,i"p ,a vor. Daß unsere durch ihre sociale Stellung hervorragenden Glaubensgenossen ihren Einfluß bei Fürsten und Regierungen aufbieten mögen, um diesen grausamen Ausweisungen Einhalt zu thun und das Loos der bereits Ausgewiesenen erträglich zu

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