Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 39-40 (20.5.1891)
- Date
- 1891-05-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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724 daß es, soweit Menschenaugen sehen, kaum eine befriedigende Antwort auf die Frage gibt, daß alles, was von Einzelnen und der Gesammtheit hier geschehen könnte, ungenügend sein und bleiben muß, Angesichts der gräßlichen Dimensionen, welche das Unglück bereits angenommen hat und täglicb mehr annimmt. Aber es wäre dennoch ungerecht, gar nichts zu thun, weil wir beim besten Willen nur Weniges und Unzulängliches zu leisten vermögen. — Wir wissen zur Zeit kein Plätzchen Erde, wohin die Versagten in ihrer großen Masse sich wenden könnten, um dort einen Ruhepunkt zu finden. Um so dringendere Pflicht ist es, die Unglücklichen, so lange sie von Ort zu Ort flüchten müssen, liebevoll aufzunehmen und sie nach Kräften zu unterstützen. Zu diesem Zweck sollte sich in jeder jüdischen Gemeinde, sei sie groß oder klein, ein ständiges Comitä bilden, das eine Vereinigung sämmtlicher Gemeindemitglieder für diesen Zweck zu veranlassen hätte. Jeder, der diese Zeilen liest, vor allem aber die Herren Vorsteher, Rabbiner, Prediger und Lehrer, sollten sofort die nöthigen Schritte für eine solche Vereinigung thun. Es sollte ein Minimalbeitrag von etwa 3 Mark festgesetzt und jeder Erwachsene zu diesem Liebeswerk zugezogen werden. Denn, was auch geschehen möge für unsere vertriebenen Brüder und Schwestern, Geld wird immer dazu erforderlich sein. Wird in jeder jüdischen Gemeinde ein einziger Mann sich finden, der mit Hingebung sich der Anregung zu diesem Liebeswerk unterzieht, so können leicht mehrere Hunderttausend Mark für diesen Zweck gesammelt werden. Dieses Geld soll verwendet werden, um die Passanten zu unterstützen und sollte zu diesem Zweck an eine zu bestimmende Centralkasse zur Vertheilung geschickt, theils an dem Orte selbst verausgabt werden. Wohl wissen wir, daß selbst Millionen sich als unzulänglich für das große Rettnngswerk erweisen, und daß Hundcrttausende gewiß nicht genügen, aber wir müssen das unselige thun, um auf den Segen Gottes zählen zu dürfen. xsd’ -iOm npna *yrn 3'n:n ’no pnsr ’m ibn nVn npis sxd’ npns dutd iddi npna D"n mj?D n'LQv n"apn npns hm *pnn i? hü'b .np-ur inn ntenjn „Wer der Zedakapflicht ernstlich nachstrebt, ja geradezu nachjagt, den läßt der Heilige, gesegnet sei Er, auch die Geldmittel finden, um Zedaka üben zu können." (Talmud Baba Bathra, 9, 6.) Mit einem Schupvenpanzer und einem Kleide vergleicht das Prophetenwort das Werk der Zedaka, und die Weisheit der Weisen deutet diesen Vergleich dahin, daß, wie der Panzer aus einzelnen Schuppen und das Kleid aus einzelnen schwachen Fäden sich zusammensetzt, so verbindet Gottes Beistand die vereinzelten, kleinen Gaben zu einem großen, vollendeten Ganzen. (Talmud Baba Bathra ibiä.) Ueber die Art und Weise der Verwendung des zu sammelnden Geldes wird man verschiedener Ansicht sein können. Aber darüber, daß Mittel, wie groß oder klein sie auch sein mögen, beschafft werden müssen, darüber kann es keine Meinungsverschiedenheit geben. Darum sollte dieses Werk s osort in Angriff genommen und zu Ende geführt werden. Mehr aber, als die bloße Gabe an Geld und sonstigen Mitteln, fällt die Gesinnung ins Gewicht, mit der sie gereicht wird und die dabei zum Ausdruck kommt. Wer dem Armen eine Gabe reicht, lehren in diesem Sinne die Weisen, wird vom Himmel mit einem sechsfachen Segen bedacht, wer ihm aber mit thcilnehmcnden Worten zu Herzen redet, mit einem elffachen. Aus dieser an ein Prophetenwort sich anlehnenden Bemerkung darf man schließen, daß es nicht erst seit heute und gestern leichter fällt, dem Armen bloßes, kaltes Geld als ein gutes, warmes Wort entgegen zu bringen. — Wir glauben, daß auch bei uns in dieser Hinsicht noch Vieles der Verbesserung bedürftig ist. — Unsere heilige Sprache hat für die dem Armen zu reichende Gabe die Bezeichnung Zedaka, und sagt damit, daß dieselbe kein den- Empfänger erniedrigendes Almosen, sondern ein Akt der Pflicht, der Gerechtigkeit ist. Es ist eine Schuld, die wir von Rechtswegen abzutragen verpflichtet sind und über die uns nur ein Verfügungsrecht zusteht, das aber selbst nicht ganz uneingeschränkt ist. (Vergl. Sch. A. Jore Dea, Cap. 251.) Unsere deutsche Sprache nennt das dem Armen zuzuweisende Gute: Wohlthun und spricht damit in sinniger Weise dieselbe Wahrheit von einem anderen Gesichtspunkte aus, daß nämlich das, was wir dem Armen thun, diesem wirklich wohl thun müsse. Vielen geht diese Kunst des „Wohlthuns" ab, sie thun weh mit dem Gelde, das sie vielleicht mit vollen Händen hingeben, indem sie cs in übermüthiger, geringschätziger oder doch kalter Weise darreichen. Wer den Armen Geld und nur Geld gibt, hat damit noch keineswegs bekundet, daß ihm ein gutes Herz in der Brust schlägt. Das Elend kann ihn schmerzen und er gibt, um sich diesen Schmerz zu lindern. Es können noch viele andere, mehr oder weniger lautere Motive sein, die ihn zum Geben veranlassen. Wer aber mit guten, warmen, trostreichen Worten sich dem Armen nähert, der achtet in ihm wirklich den leidenden Bruder, der bekundet damit seine aufrichtige Theilnahme.