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Der Israelit · 1891-05-14 · Heft 38 (14.5.1891) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 38 (14.5.1891)
Date
1891-05-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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707 des Pasfahfestes, hier stattgefunden hat, wurden bekanntlich zahlreiche Personen auch mehr oder minder arg verwundet. Unter diesen Unglücklichen befand sich nun ein jüdisches Mädchen, das gleich seinen übrigen Gefährten in das hiesige Spital „Deila Consolazione“ geschafft wurde. Königin Margherita, die bald nachher diese Verwundeten mit ihrem Besuche erfreute, kam dabei nun auch an das Bett dieses Mädchens und erkundigte sich nach dem Grade ihrer Verletzungen. „Majestät", erwiderte das Mädchen, „ich bin jetzt eine Bettlerin, da mir bei der Explosion beide Füße beschädigt wurden, so daß ich kaum mehr ohne Krücken werde gehen können." Als die Königin dann auch erfuhr, daß die Arme weder einen Vater noch eine Mutter mehr habe, versprach sie ihr unter Thränen, daß sie für ihre Zukunft sorgen werde. Griechenland. Athen, 11. Mai. Die Lage in Corfu verschlimmert sich. Das jüdische Stadtviertel ist förmlich belagert und es droht eine Hungersnoth auszubrechen. Seit drei Tagen ist es unmöglich, Beerdigungen vorzunehmen. Athen, 13. Mai. Aus Korfu wird gemeldet, die Lage habe sich noch nicht gebessert. Neuerdings sind zwei Juden getödtet worden. Das Judenviertel ist von einem Truppen-Kordon umgeben, den die Juden nicht überschreiten dürfen. Die Läden blieben geschlossen. Der Präfect von Korfu wurde hierher abberufen und nach Korfu ein Stabsoffizier entsendet, mit dem Aufträge, die Ordnung wiederherzustellen. Corfu, 3. Mai. Meldungen gemäß, welche auswärtigen Blättern zugehen, ist die Ruhe hier noch nicht ganz hergestellt. Der Kanzler des französischen Konsulats, ein Jude, wurde auf der Straße vom Pöbel mißhandelt. Rabbiner Fano erbat von der Regierung weitere und umfassendere Schutzmaßnahmen. Täglich treffen neue Truppen ein. Anläßlich des Osterfestes wurde der Ring um das Judenviertel verstärkt; viele jüdische Familien wandern aus. Von verschiedenen Seiten, so z. B. neuerdings in einer Athener Korrespondenz des „Pesth. Ll." ist darauf hingewiesen worden, daß die auf verschiedenen griechischen Inseln (Corfu, Zante, St. Maura, Chalcis) verübten Gewaltthaten gegen Juden auf eine planmäßige Zettclung zurückzuführen sind, um die Juden zum Verlassen der Inseln zu zwingen — sei es aus politischen, sei es aus geschäftlichen Gründen. Wenn einerseits rühmend das rasche und besonnene Einschreiten der Behörden anerkannt werden muß, kann man doch andererseits die griechische Presse von dem Vorwürfe nicht sreisprechen, daß sie wohl unabsichtlich die tatsächlich vorhandene Erregung angesacht habe, indem sie auf die Kunde von den ersten Ausschreitungen in Corfu hin in behaglicher Breite alle die an die angeblichen Blutopfer der Juden sich knüpfenden Märchen auftischte und ganz ernsthafte Betrachtungen darüber anstellte; denn solches hieß das ohnehin unwissende und abergläubische Volk geradezu aufstacheln, was aber durchaus nicht in der Absicht der Blätter lag, denn der „praktische" Antisemitismus hat in Griechenland keinen Platz. Das Triester Blatt „Picolo" meldet aus Korfu: Seit dem 14. April werden die Juden dort in ihren Häusern gefangen gehalten und gezwungen, sogar die Fenster geschlossen zu halten. Um sich Lebensmittel zu besorgen, müssen sie früh Morgens vorsichtig ausgehen und bei den Kaufleuten alles dreifach bezahlen. Die Roth unter den Unglücklichen ist außerordentlich. Seit dem 23. April sind alle Synagogen geschlossen. Eine jüdische Leiche konnte erst 60 Stunden nach dem Tode und unter Eskorte von zwanzig Soldaten beerdigt werden. Der Handel liegt völlig darnieder. Aber die Bevölkerung bewahrt ihre feindliche Haltung, und die aus Korfu gebürtigten Soldaten unterstützen das Volk bei den Ausschreitungen gegen die Juden. Wiederholt wurde auch schon versucht, durch mit Petroleum begossene und an den Thüren befestigte Fetzen, welche dann entzündet wurden, das Ghetto in Brand zu stecken. Telegramm. Basel, 14. Mai. Der RecurS der Regierung der Cantone Bern und Aargau gegen eine Entscheidung des Bundesrathes vom 17. März 1890, betreffend das Schächten der Schlachtthiere, wurde von der Kommission der Bundesversammlung verworfen. (Siehe Artikel Bern in Nr. 37.) > Vermischtes. < Berlin, 20. April. Der soeben zur Ausgabe gelangte Bericht über das „Reichenheim'sche Waisenhaus der jüdischen Gemeinde" für das Jahr 1890 enthält einen einleitenden Aufsatz über die „Berufswahl der männlichen Zöglinge." Die Verwaltung ist bestrebt, durch pädagogische Mittel und praktische Maßnahmen in den Zöglingen Vorliebe und Befähigung für den Handwerksberuf zu wecken, ohne jedoch auf die Berufswahl in irgend einer Form einen Zwang auszuüben. Bisher hat sich fast die Hälfte der Zöglinge dem Handwerksberufe zugewandt. In der Anstalt wurden durchschnittlich 76 Zöglinge verpflegt und erzogen. Die gesummten Ausgaben betrugen rund 52,000 Mark und wurden zum Theil durch die Zinsen der eigenen Fonds, zum Theil durch einen Zuschuß der jüdischen Gemeinde (29,000 Mark) bestritten. Alle Zöglinge besuchen öffentliche Schulen. Daneben ist Gesang und Turnunterricht in der Anstalt eingerichtet, und für die Knaben besteht ein Handfertigkeitsunterricht, in dem die größeren Knaben mit gutem Erfolg in der Anfertigung von Holzarbeiten unterwiesen werden. Das Waisenhaus steht unter der Verwaltung eines Curatoriums, dessen Vorsitzender Herr Geheimrath Wilhelm Herz ist, und unter der Leitung des Herrn Direktors Dr. Jutrosinski.

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