Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 38 (14.5.1891)
- Date
- 1891-05-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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706 umriß. Wie weit diese gemeinen Hetzereien führen, wird die Zukunft lehren. Aber es wäre endlich an der Zeit, wenn diesem Treiben, das der hochselige Kaiser Friedrich als eine Schmach des Jahrhunderts bezeichnet^ ein Ende bereitet würde. Aus dem Großherzogthum Hessen. Das Großherzogliche Regierungsblatt veröffentlicht die im Laufe des 1. Quartals bestätigten Stiftungen und Vermächtnisse, worunter sich auch wieder 2 Stiftungeu resp. Geschenke von Juden finden. 1. Vermächtniß des Elias Dreifuß von Germersheim an die isr. Religionsgemeinde zu Bingen im Betrage von M. 1714,29. 2. Schenkung des Rudolf Bamberger zu Mainz an die Pensionsaustalt der städt. Musikkapelle zu Mainz im Betrage von M. 3000. Berlin, 11. Mai. Interessant und bezeichnend für die edle Denkweise des Grafen Moltke ist ein Schreiben, welches derselbe im October v. I. an einen in einer größeren Stadt amtirenden Rabbiner gerichtet hat. Letzterer theilt dem B. T. hierüber — mit*dem Ersuchen, seinen Namen und und Wohnort bei einer etwaigen Veröffentlichung zu verschweigen — Folgendes mit: Zum 90. Geburtstage übermittelte ich dem General- Feldmarschall Moltke die Gratulation meiner Gemeinde nebst Bericht über unfern Feftgottesdkenst und erhielt folgende Antwort mit eigenhändiger Unterschrift: „Sehr geehrter Herr Rabbiner! Nehmen Sie meinen verbindlichsten Dank" für die freundlichen Worte, mit denen Sie mir die Glückwünsche der *** Gemeinde zu meinem Geburtstage ausgesprochen haben. Es freut mich aufrichtig, aus Ihrem Schreiben zu ersehen, daß auch unter den Mitgliedern Ihrer Gemeinde die Erinnerung an jene große Zeit lebendig geblieben ist, in der alle Unterschiede der Confession und der Landesangehörigkeit zurücktraten vor dem Bewußtsein der Zugehörigkeit zum großen deutschen Vaterlande, das mit Einsetzung seines Lebens zu vertheidigen jedes Staatsbürgers schönste Ehrenpflicht ist. Berlin, 30. October 1890. Hochachtungsvoll ergebenst Gr. Moltke, Feldmarschall." Hamburg, 8. Mai. Die „Hamburgische Börsenhalle" bringt einen geharischten Artikel gegen Rußland betreffs der Moskauer Judenverfolgungen. Der Artikel schließt damit, daß diesem Lande, welches früher oder später zum Krieg gegen Deutschland schreitet, unter deutscher Mitwirkung kein Geld geliehen werden soll. Rußland betreibe eine barbarische innere und eine zweifelhafte äußere Politik. Die biete keinerlei Gewähr für geordnete Finanzen. Aus Baden. In Frendenberg (Amt Wertheim) ist durch einen Brand auch die Synagoge eingeäschert worden. Dieselbe war Ende der 50er Jahre erbaut; nur mit Mühe gelang es, die Thorarollen zu retten. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 11. Mai. Der gegenwärtig hier anwesende König von Dänemark äußerte gegenüber dem Wiener Gemeinderathe Djörup, einem Dänen von Geburt, seine Befriedigung darüber, daß sich ein geborener Däne aus eigener Kraft zur Stellung eines Wiener Gemeinderathes emporgearbeitet habe; gleichzeitig drückte der König seine Verwunderung darüber aus, daß in einer rein administrativen Körperschaft wie dem Wiener Gemeinderath eine antisemitische Strömung zum Durchbruch kommen könne. In Dänemark habe diese Bewegung, welche der König entschieden mißbillige keinen Boden. Wien, 11. Mai. Im Abgeordnetenhause begründete der Abgeordnete H o f f m a n n den Antrag, betreffend den Erlaß eines Gesetzes gegen die Bildung von Ringen und Kartellen. Der Antisemit Lueger unterstützte den Antrag unter Ausfällen auf die Juden und die Börse. Olwütz. Der Führer der Antisemiten in Mährisch-Neustadt, Kaufmann Alois Ferbus, der im März des Vorjahres wegen Wuchers mit einem Monate strengen Arrestes bestraft wurde, stand fünf Monate später abermals vor dem hiesigen Kreisgerichte unter der Anklage des Verbrechens des Betruges, begangen durch Ablegung eines falschen Eides, und wurde hier zu schwerem Kerker in der Dauer von zwei Monaten verurtheilt. Seine gegen dieses Urtheil überreichte Nichtigkeitsbeschwerde wurde nunmehr vom obersten Gerichtshöfe verworfen; dagegen erhöhte das Oberlandesgericht auf Berufung der hiesigen Staatsanwaltschaft die Strafe auf fünf Monate schweren Kerkers, -verschärft mit einem Fasttage alle 14Tage. (DenAntisemitenblättern zum geneigten Nachdruck'bestens empfohlen. Red.) Rußland. Moskau. Der grausamste Zug der neuen Moskauer Judenhetze besteht wohl darin, daß das Edict gerade am Vorabende des orthodoxen und jüdischen Osterfestes in Kraft trat. Beim Osterfeste der Orthodoxen artet ohnehin religiöse Begeisterung leicht in Fanatismus aus. Den Juden wurde das Osterfest ein bitteres Trauerfest. Polizisten und Gendarmen begannen um Mitternacht die Haussuchungen zum Zwecke der Paßrevision. In der Geschäftswelt stockt alle Thätigkeit. Das Verschwinden der jüdischen Agenten und Unter-Agenten erschwert die Oster-Liguidation, welche neben der Messe in Nischnei-Nowogrod und Weihnachten die wichtigste Liquidation des Geschäftsjahres ist. Täglich werden Hunderte von Wechseln vor dem Handelsgerichte protestirt. Italien. Rom, 4. Mai. Bei der furchtbaren Pulverexplosion, die am 23. v. Mts., am ersten Tage