Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 37 (11.5.1891)
- Date
- 1891-05-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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XXXII. Jahrgang. Beilage,»M 37 „Israelit & Iefchurun" Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Mainz, 10. Mai. Mit nächster Nummer dieses Blattes beginnend, gelangt eine größere geschichtliche Erzählung, „Sabbatet Zewi", von Ernst Schwarz, zum Abdruck, worauf wir unsere geehrten Leser schon heute aufmerksam zu machen uns erlauben. Berlin, 30. April. Im „Deutschen Reichs¬ und königlich preußischen Staats-Anzeiger" wurde dieser Tage mitgetheilt, daß gegen den Verfasser eines zweibändigen Werkes, betitelt: „Eine jüdisch-deutsche Gesandtschaft und ihre Helfer", vom Staatssekretär des Auswärtigen Amtes wegen verleumderischer Beleidigung Strafantrag gestellt worden sei. Zugleich wird bemerkt, daß dieser Strafantrag gestellt sei, wenngleich der „Inhalt der Schrift den Eindruck erweckt, daß der Verfasser sich in einem bedauerlich krankhaften Zustande befindet." Man könnte fragen, so wird der „Bresl. Ztg." geschrieben, warum der „Reichsanzeiger", wenn in dem betreffenden Buche so böse Dinge stehen, durch die erwähnte Notitz auf dasselbe erst die allgemeine Aufmerksamkeit hinlenke, die ihm bis jetzt nicht zu Theil geworden, warum das Organ der Regierung für das Buch, wie der landesübliche Ausdruck in solchen Fällen lautet, erst „Reklame mache". Indessen muß demgegenüber betont werden, daß das Buch vorläufig noch gar nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt ist. Der Verfasser hat es vielmehr, wie das auch im „Reichsanzeiger" mitgetheilt wird, zunächst nur an die deutschen Bundesfürsten, an die Bevollmächtigten zum Bundesrath, sowie an die Mitglieder des Reichstages und der einzelnen deutschen Landesvertretungen versandt. Man darf also annehmen, daß es sich zur Zeit in den Händen von mehr als tausend Menschen befindet, die von dem Verfasser des Vorzuges für würdig erachtet wurden, eher als das xrokanum vulxus in den Besitz seines Werkes zu gelangen. Diese Erwägung mag das Auswärtige Amt bestimmt haben, die Mittheilung von der beantragten Strafverfolgung des Autors im „Reichsanzeiger" zu veröffentlichen. Wer das Buch gelesen, der mußte entweder ein strafrechtliches Einschreiten gegen den Verfasser bestimmt erwarten, oder aber die Erklärung voraussehen, die der Verfasser übrigens selbst in seinem Buche bereits als möglicherweise bevorstehend, angekündigt hat: daß er geisteskrank sein müsse. Es ist undenkbar, daß die schweren Beschuldigungen, welche der Verfasser in seinem > zweibändigen Werke gegen den deutschen Gesandten in Peking, Herrn v. Brandt, gegen den Fürsten Bismarck, gegen die Herren Rudolf Lindau und Dr. Kayser im Auswärtigen Amt, gegen den ehemaligen Reichsgerichts-Präsidenten v. Stmson und gegen andre in Amt und Würden stehende resp. früher in hervorragenden Stellungen thätig gewesene, hohe Reichsbeamte schleudert, ungestraft in die Welt gehen können, wenn auch nur ein Tausenstel dessen wahr wäre, was der Verfasser als Verbrechen und Vergehen kennzeichnet, die unter den Auspizien des Auswärtigen Amtes angeblich begangen worden sind und systematisch weiter begangen werden. Man wird bei der Lektüre des Buches zu der Annahme gedrängt, daß der Verfasser nicht seiner Sinne mächtig ist. Alle die haarsträubenden Anklagen erhebt er von einem einzigen, sonderbaren Gesichtspunkt aus, er wittert überall Juden, überall jüdischen Einfluß. Wie wett seine Vorstellungen nach dieser Richtung hin sich verirren, mag aus dem Umstande hervorgehen, daß er sich das nach seiner Ansicht „undeutsche" Verhalten des Fürsten Bismarck in einer ihn, den Verfasser, betreffenden Angelegenheit nur dadurch erklären kann, daß Bismarck mütterlicherseits durch jüdisches Blut „verdorben" sei. Das ganze Deutsche Reich, die ganze deutsche Politik ist in den Augen des Verfassers der Spielball jüdischer Machenschaften. Ganz Europa, Amerika und noch einige andere kleine Erdtheile dazu sind nach der fixen Idee des Verfassers die Beute einer in Paris residirenden geheimen jüdischen Nebenregierung, unter deren Joch die Völker seufzen. Die traurigste Rolle soll hierbei das Deutsche Reich spielen; das Auswärtige Amt ist nach des Verfassers Ansicht weiter nichts als das Comptor eines die Geschäfte der Central- Nebenregierung besorgenden viel genannten Berliner Banquiers. In solchen unglaublichen Vorstellungen bewegt sich der ganze Inhalt des Werkes, der von persönlichen Bezichtigungen und Vorwürfen schwerster Art gegen mehrere hundert namentlich aufgeführte Männer in den hervorragendsten Lebensstellungen strotzt. Der zweite Theil des Werkes ist ein Compendium der in der gesammten zeitgenössischen Literatur des Antisemitismus zu Hetzereien, Verleumdungen und Beschuldigungen gebrauchten Uebertreibungen, Entstellungen und Lügen; ein Hetzmaterial von solcher Mannigfaltigkeit, daß ein antisemitischer Agitator damit zehn Jahre lang hausiren gehen könnte. Indem die Reichsregierung durch die im „Reichsanzeiger" veröffentlichte Notiz bekundet, daß sie das erstaunliche Buch des Herrn