Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 37 (11.5.1891)
- Date
- 1891-05-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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694 Der Himmel fing bereits an, sich mit dem goldenen Roth der aufsteigenden Sonne zu färben, als das blinde Schneiderlein mit seiner traurigen Lebensgeschichte zu Ende war. Eine kleine Weile darauf saß er stille und in sich verloren neben uns. Dann erhob er sich mit einem tiefen Seufzer, nahm sein kleines Bündelchen, das er immer mit sich trug, und legte es von seiner Brust hinter seinen Rock, schritt gedankenvoll auf die heilige Bundeslade zu und dieser sein Gesicht zuwendend, begann er mit einer tiefrührenden Melodie das Todtengebet zu verrichten: „Gott ist voller Barmherzigkeit, denn alle Seine Wege sind gerecht!" Noch eine lange Zeit nachher saßen wir wie festgebannt auf unseren Plätzen, Jeder für sich träumend, ja auch unser Aristoteles, der soust nicht eine Minute ruhig bleiben konnte und stets, wie aus einem Füllhorn, seine „Psukim"*) herausschüttete, verweilte diesmal ruhig auf seinem Sitze und starrte mit weitgeöffneten Augen, wie ein Träumer, vor sich hin. Noch viele Tage später sahen wir das blinde Schneiderlekn in der Synagoge, immer betend oder mit dem Ordnen der Bücher beschäftigt. Kein Todter in der Gemeinde wurde zu Grabe getragen, hinter dessen Bahre er nicht bis auf den Friedhof folgte. Nie hörten wir ihn über sein Schicksal klagen, nur so oft er in der letzten Zeit von einem Leichenbegängnisse zurückkehrte, hörten wir ihn fast immer wieder zu sich selber die Worte sprechen: „Wieder hat der liebe Gott Einen zu sich in den Himmel gerufen, nur ich allein muß noch dableiben — o Gott, wann willst Du auch niich befreien von dem Jammer und der Qual des Daseins? Wann wirst Du auch mich von der traurigen Warte des Lebens ablösen?" * * Der gute Gott hat* auch ihn abgelöst. Als wir einige Monate später uns an einem Samstage zum Beten versammelten, fanden wir ihn auf seinem Stammplatze, auf der Bank hinter dem Ofen, hingestreckt liegen, angethan mit der zerschliffenen Atlaspekesche, die altersgraue, abgerissene Sabbatmütze auf dem Haupte und hinter demselben sein kleines Bündelchen als Kopfkissen. Er lag mit geschloffenen Augen, seine Lippen umspielte ein seliges, verklärtes Lächeln, kein Zug in seinem Gesichte war entstellt, nur schien dasselbe etwas blasser als gewöhnlich. Wir glaubten, er schlafe nur, allein wir vermochten ihn aus diesem Schlafe nicht mehr aufzuwecken, denn es war jener süße, lange Schlaf, nach dem er sich so viele, lange Jahre gesehnt hatte, — Gott hatte ihn von der traurigen Warte des Lebens abberufen. Das Bündelchen, das immer sein Kopfkissen bildete und das auch jetzt unter seinem Haupte zu sehen war, enthielt seine Sterbekleider. Tags darauf ging die ganze Gemeinde, Jung und Alt, hinter seiner Bahre, die wir, seine Meistvertrauten, abwechselnd bis auf den Friedhof auf unseren Schultern trugen. Dort senkte man ihn neben seinen Theuren, denen sein heißes Sehnen und Gedenken all' die Jahre gegolten, in die kleine, schmale Grube, die, wie er immer zu sagen pflegte, Raum genug in sich hatte, den riesengroßen Jammer eines ganzen Lebens auszunehmen. Und als sie sich über ihm schloß, die kleine, schmale Grube, da stimmte der Vorbeter mit tiefergreifender Stimme das Todtengebet an, das wir so oft aus seinem Munde vernommen: „Gott ist voller Barmherzigkeit!" Noch nie habe ich diese Worte wie diesmal verstanden nnd auch noch nie war ich in meinem Herzen mit ihnen so ausgesöhnt, wie diesmal. Ja, Gott ist voller Barmherzigkeit und alle Seine Wege sind gerecht! Ach, wie manchem Unglücklichen in diesem Leben erscheint der Tod als ein guter, milder, barmherziger Erlöser! *) Bibelstellen. „3*awÖt* und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und DonnerftagS, jedrSmal in mindesten» 2 ««gen. Kreis de» Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 13 Reichs-Mark, für'» Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Kuchhaudrl }U beziehe» bet E. F. Kleirrackrr« Leipzig« Uohpiah 18. — Inserate 26 Pfennige die dreigefpaltene Petitzeile oder deren R«mm. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusenduna unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 st. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expediten stumm» etnPchrnden. Inhalt LHanptblatt): Leitender Artikel: Synodale Zukunftsmusik. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Mainz. Berlin. — Oesterr. - Ungar. Monarchie: Budapest. — Schweiz: Bern. — Frankreich: Paris. — Rußland. — Vermischtes. — Feuilleton: Die Recrutirung. Erzählung von Nathan Samuely (Schluß). Inhalt der Beilage: Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Mainz. Berlin. Frankfurt a. M. Ans Württemberg. — Rußland: Moskau. — England: London. — Griechenland: Athen. — Vermischtes. Inhalt der Extra-Beilage: Spenben-Verzeichnisse. Verantwortliche Redaction: OSear Lehmann in Mainz.—Expedition des „Israelit" u. „Jeschurnn", Schottstr. Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu zwei Beilagen.