Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 37 (11.5.1891)
- Date
- 1891-05-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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693 Feuilleton. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben in Galizien vor fünfzig Jahren von Nathan Sanruely. (Schluß.) Schreckensstarr stand ich an der Thüre und vermochte vor Angst und Entsetzen kein Wort hervorzubringen. „Rachele!" entrang es sich endlich meinen Lippen. „Was thust Du, Rachele?" Sie achtete nicht darauf, schien mich nicht einmal zu bemerken und fuhr in ihrem Gesänge fort, indem sie das Kleidchen des todten Kindes an ihr Herz drückte und sanft in ihren Armen wiegte: „Draußen ist Nacht und Wind, O, fürchte nicht, liebherziges Kind! Tausend lichte Engelein Schweben um Dein Wiegelein. Singen Dir sanft und lind, Schlaf' nur schlaf', liebherziges Kind!" „Rachele," schrie ich, wie man nur in einem so entsetzlichen Zustande schreien kann, „kennst Du mich nicht mehr, Rachele?" Sie riß die Augen unheimlich weit auf und stierte mich wie aus einer fremden Welt an. „A, a, a!" begann sie, als ob sie wieder zu sich komme. „Es heißt, Jankele entgegen gehen. Da bin ich ja schon gekleidet in dem schönen weißen Hochzeitskleid." Sie strich einigemale mit der Hand über die unheimlichen Gewänder. „Gut, gut, gehen wir . . . doch, doch . .", fing sie wieder mit stockender Stimme an, „Goldele . . . was macht man mit Goldele? Sie schläft ja noch. . . . Goldele, Goldele!" begann sie wieder mit markerschütternder Stimme zu rufen. „Goldele, herzlieb' Goldele, wach auf, Goldele!" Laut und furchtbar klang dieser Ruf in die Nacht hinaus, daß die Nachbarin im angrenzenden Hause aus dem Schlafe fuhr und mit einem Lichte in der Hand ins Zimmer stürzte. „Was ist geschehen?" rief sie. „Was ist geschehen?" Ich brauchte ihr nicht erst zu sagen, was geschehen war. Sie wich beim Anblicke Racheles erblaßt zurück und stieß einen Schreckensruf aus. Bald war das Zimmer mit Nachbarinnen gefüllt, die schreckensbleich, wie stumme Bildsäulen, umherstanden. Rachele beachtete keine von ihnen und fuhr fort, ihr Goldele zu rufen, laut und immer unheimlicher, so daß zuletzt ihre Stimme dem Heulen einer Wölfin glich, der man das Junge geraubt. „Goldele!" schrie sie unausgesetzt in die Nacht hinein und schaukelte immer heftiger und ungestümer das Kleidchen des todten Kindes in ihren Armen. „Goldele, wach auf! wach auf! willst Du nicht mehr aufwachen? Wach auf, mein Herz, auf, auf, auf, auf!!!..." Da plötzlich brach ein Thränenstrom aus ihren Augen und ihre Stimme klang nicht mehr wild und verzweifelt, sondern tief, unendlich tief und schmelzend. „Mein Kind," weinte sie, „mein herzsüßes Kind will ja nicht mehr aufstehen. Wie soll ich jetzt meinem Jankele entgegengehen, ohne unser Kind, ohne unser Goldele, unser süßes, unser einziges, unser goldenes Goldele?!" So fuhr sie ohne Unterlaß fort. In ihre wirren Reden drängte sich manches schaurige Wort. Sie sprach unter Anderem von einer rothen Schlange, die ihr, ihrem Jankele und ihrem Goldele ins Herz gebissen, dann sprach sie von einer Hochzeit und tanzenden Leichen — Reden, bei deren Anhören mir das Blut in den Adern erstarrte. Tags darauf wurde Rachele in den Sterbegewändern, die sic sich nicht vom Leibe herunterbringen ließ, und mit dem Kleidchen des todten Kindes in den Armen, ins Irrenhaus überführt. Sie befand sich dort gegen sechs Monate. Das Einzige, was ihr inl Kopfe hangen geblieben und was immer in ihren wirren Reden wiederkehrte, war, daß sie zu ihrem Jankele nicht kommen könne, weil ja ihr Goldele noch immer schläft und nicht erwachen will. Endlich kam sie doch zu ihrem Jankele. Der gute Engel aller Unglücklichen, der Tod erbarmte sich ihrer und führte sie zu ihrem Manne, ihrem Jankele. Sie starb mit dem Kleidchen des todten Kindes in den Armen. . . . Und was geschah dann mit mir? Ihr wisset es, meine lieben Kinder, ich nähte weiter Todtenkleider, doch nicht länger, als ein Jahr. Nach und nach legte sich eine immer dichtere Nachtdecke vor meine Augen, bis ich ganz erblindet war. Welche Augen haben auch je mehr geweint, als die meinen? Die letzten Todtenkletder, die ich genäht, waren die jenes Mannes, der mein Leben so vergiftet hat, die des rothen Wölwele. Er starb nicht auf seinem Bette, sondern im Strafhause, wo man ihn aufgehenkt gefunden, nachdem er von den zehn Jahren, zu welchen er für allerlei Verbrechen verurtheilt wurde, nur zwei abgebüßt hatte. ... So schlafen sic schon Alle den süßen Schlaf des Todes, Alle, die ich im Leben geliebt und gehaßt; nur ich allein blieb als verlorener Posten auf der traurigen Warte des Lebens, allein mit meinen Erinnerungen an all' den Jannner, all' das Weh, das mir das Leben bereitet. Mehr habe ich Euch, meine lieben Kinder, von meinem Leben nicht zn erzählen. Jetzt wisset Ihr schon alles, was Euch von meinem Schicksal interessiren könnte; Ihr wisset, woher es kommt, daß auf einem Tage die Jahreszeit meiner Frau und meines einzigen Sohnes zusammenfällt.