Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 37 (11.5.1891)
- Date
- 1891-05-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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692 und als Moschee eingerichtet werden. Die Petersburger Synagoge ist für 700,000 Rubel verkauft worden. In einer Versammlung ausgewiesener Juden in Moskau ist beschlossen worden, zunächst die Angestellten und die nicht russischen Gläubiger zu bezahlen; die Russen mögen sich dann aus dem Rest entschädigen. So verlieren durch die Schuld der russischen Regierung viele Russen Geld, welches sonst ganz sicher war, und man erwartet in Folge dessen viele Bankerotte. Sehr bezeichnend ist der Befehl, daß die jüdischen Kaufleute die Namen auf ihren Schildern in der jüdisch-polnischen Form schreiben müssen — vermutlich, damit die Russen bei einer Judenhetze gleich wissen, an wen sie sich zu halten haben. So darf sich z. B., wie die „Times" mittheilt, die Firma Max Leopoldowitsch Cohn nicht schreiben, wie sie sich wirklich nennt, sondern es muß heißen: Moses Leibowitsch Cohn! Fremde Importeure halten derselben Quelle zufolge ihre Maaren an der Grenze zurück. Eine Schweizer Seidenfirma soll auf diese Meise in einer Woche 200,000 Fr. verloren haben. — Aus Kaluga, wo 300 jüdische Familien bisher in gutem Einvernehmen mit ihren christlichen Nachbarn lebten, haben mehrere Familien Befehl erhalten, binnen drei Tagen die Stadt zu verlassen. Eine arme Wittwe mit 2 Kindern habe den Gouverneur Bulygin gebeten, ihr einen weiteren Tag zuzugestehen, derselbe habe aber erklärt, daß er das Gesetz des Kaisers nicht wegen „jüdischer Bestien" brechen werde! Eine ähnliche Behandlung haben die Juden in Kasan, Tula und anderen Städten erlitten. Der „Kiew ljanin" behauptet, daß seit dem Beginn der neuesten Judenverfolgungen 50,000 Juden zur griechischen und lutherischen Kirche übergetreten seien; Jedem zur griechischen Kirche Uebertretenden wurden 15 Rubel gegeben — wenn es wahr ist. Zwei russischen „Bischöfen", welche in ihren öffenlichen Reden die russischen Juden gelobt hatten, ist gerathen worden, dies nicht mehr zu thun. Vier Bücher, welche den Beweis zu führen suchten, daß auch die Juden gute Bürger sein können, sind verboten worden. Eines dieser Bücher enthielt lediglich Briefe des Grafen Tolstoi und anderer hervorragender Russen. — > Vermischtes. < Berlin. Im großen Saal des Architektenhauses fand vor Kurzem die konstituirende Versammlung des von Dr. Karl Peters angeregten „Allgemeinen deutschen Verbandes" statt. Dr. Peters hielt die einleitende Rede, in welcher er darlegte, daß, um Deutschlands Machtstellung dem Auslande gegenüber auf die gebührende Höhe zu heben, vor Allem eine Stärkung des nationalen Bewußtseins erforderlich sei. An der Debatte betheiligten sich verschiedene konservative Abgeordnete, wie v. Kardorff, Schulz-Lupitz, Dr. Arendt, Dr. Mehnert, v. Werdeck, welcher letzere den Ausschluß der Juden aus dem Verbände forderte, wogegen Dr. PeterS Widerspruch erhob. Als statutenmäßige Zwecke des Verbandes dienen nach dem Beschluß der Versammlung: 1) Belebung des vaterländischen Bewußtseins in der Heimath und Bekämpfung aller der nationalen Entwickelung entgegengesetzten Richtungen. 2) Pflege und Unterstützung deutsch-nationaler Bestrebungen in allen Ländern, wo Angehörige unseres Volkes um die Behauptung ihrer Eigenart zu kämpfen haben, und Zusammenfassung aller deutschen Elemente auf der Erde für diese Ziele. 3) Forderung einer thatkräftigen deutschen Jnteressenpolitik in Europa und über See, insbesondere auch Fortführung der deutschen Kolonialbewegung zu praktischen Ergebnissen. Berlin, 25. April. Aus Veranlassung von Freunden des vor 40 Jahren verstorbenen Mathematikers Dr. Meyer Hirsch wird dessen Grabhügel und Grabstein auf dem jüdischen Friedhofe in der Schönhauserallee wiederhergestellt werden. Frankfurt a. M., 22. April. Der israelitische Frauenverein meldet in seinem 43. Jahresbericht, daß im Jahre 1890 fünf Zöglinge neu ausgenommen werden konnten. Von den 28 Waisenmädchen besuchen 23 hiesige Burger- und Volksschulen und empfangen den Religionsunterricht in der von Herrn Rabbiner Dr. Horovitz geleiteten Religionsschule. An Geschenken gingen Mk. 16,012, an Zinsen Mk. 7600, an Mitgliederbeiträgen (von ca. 800 Mitgliedern) Mk. 4877 ein. Die Ausgaben betrugen Mk. 21,329. Für die Sparkassenbücher der Zöglinge u. dgl. wurden ca. Mk. 1050 geschenkt. Hamburg, 25. April. Der seit 43 Jahren bestehende „Verein zur Unterstützung dürftiger Familien an Sabbat und Festtagen", welcher seine gesammten Einnahmen in discretester Weise zur Vertheilung bringt, hat während der letzten sechs Jahre 13400 Pfd. Fleisch und 15000 Pfd. Mehl armen Familien zugehen lassen. Göttingcn, 25. April. Herr Dr. Jacob ist zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde gewählt worden. Memmelsdorf (Bayern). Nach längerem Krankenlager hauchte H. Abr. Nordheimer 'llDE? n&?“iD seine reine Seele aus. Die hiesige Gemeinde verliert in dem Verblichenen eines ihrer würdigsten Mitglieder, einen Mann von edlen Eigenschaften u. großem Wohlthätigkeitssinn. Während einer langen Reihe von Jahren war er Vorstand der hiesigen israel. Cultusgemeinde, in deren Dienste er viele Stunden seines Lebens opferte. An den Traditionen des alten, unverfälschten Judenthums hing der Verstorbene mit jeder Faser seines Herzens Strenge Rechtschaffenheit, ungeschmückte Wahrhaftigkeit und ungeheuchelte Aufrichtigkeit schmückten sein ehewürdiges Haupt mit dem DN2 de? 1DD, mit der Krone eines guten Namens. Vor dem Trauerhause schilderte Lehrer Freudenberger in längerer Rede den Lebensgang, die Tugenden und die vielfachen Verdienste des Entschlafenen. Lemberg. Herr Rabbiner Dr. I. Caro aus Pilsen hat die auf ihn gefallene Wahl zum Prediger der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde definitiv angenommen. Paris. Herr Elias Scheid, der Chef-Verwalter der Baron Edmund Rothschild'schen Colonien in Palästina erhielt vom Sultan den großen Osmanieh-Orden. Rom. Eine landwirthschaftliche Ausstellung, der man allgemein mit großen Erwartungen entgegensieht, ist am 1. Mai in Asti durch den König eröffnet worden und hat sich zu einem Ereigniß von nationaler Bedeutung gestaltet. Es ist ein Verdienst unseres Glaubensgenossen, des Cavaliere Leoneto Ottolenghi, diese Ausstellung angeregt und einen großen Theil der vorbereitenden Arbeiten ausgeführt zu haben. —