Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 37 (11.5.1891)
- Date
- 1891-05-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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691 dem die Rechte des Staates gegenüber den Religionsgenossenschaften nach langen und mühevollen Kämpfen endlich festgestellt seien, es den Religions- und Konfessionsgenossenschaften anheimftellen wolle, was sie als Sache der Religion und des Ritus betrachten wollen und was nicht, „so werden die Begehren auf diesem Boden und in dieser Richtung sich bald vermehren und es werden wieder Kämpfe entstehen über die Befugnisse des Staates und der Kirche, wie sie schlimmer nie bestanden." Zum Nachweis, daß das Schächten gar keine rituelle Handlung sei, werden nun zwei rabbinischtheologische Gutachten, des Rabbiners Dr. Stein in Frankfurt und des Rabbiners Dr. Stern in Württemberg angeführt welche allerdings in bestimmter Weise zeigen, daß das Schächten, mosaisch nicht geboten, in der Religion nicht begründet ist und daß die Schlachtgebote des Talmud „der Einführung einer bessern Schlachtmethode nicht entgegenstehen." Es wird auch noch auf den Art. 4 der Bundesverfassung hingewiesen, welcher erklärt: Alle Schweizer sind vor dem Gesetze gleich. Es gibt in der Schweiz keine Vorrechte des Orts, der Geburt, der Familie oder Personen« Neben diesem verfassungsmäßigen Grundsatz könne das Ausnahmegesetz zu Gunsten der jüdischen Schlachtmethode nicht mehr sortbestehen. Die beiden Regierungen schließen mit den zwei Sätzen: „Das Schächten ist keine religiöse Handlung und genießt deshalb den Schutz des Art. 50, 1. der Bundesverfassung nicht. Selbst wenn das Schächten eine religiöse Handlung wäre, so ist dasselbe doch eine Thierquälerei und darf daher aus Gründen der Sittlichkeit und öffentlichen Ordnung von den Kantouen verboten werden." Daher sei der Eutscheid des Bundesrathes aufzuheben. Man ist auf die weitere Entschließung des Bundesrathes sehr gespannt. Frankreich. Paris, 24. April. Bekanntlich ist es trotz einer sehr heftig begonnenen Agitation nicht gelungen, dem Antisemitismus in Frankreich Boden zu verschaffen. Bet den letzten Wahlen in die Kammer und in den Gemeinderath brachten es selbst die Oberhäupter des Antisemitismus, und obgleich einige von ihnen sich mit dem Boulangtsmus verbanden, nicht einmal zu einer beachtenswerthen Stimmenanzahl, geschweige denn zu einem Mandat. Und da obendrein das unaufhörliche Schimpfen gegen die Juden den Parisern sehr bald langweilig geworden ist, wendete sich ein Guttheil von Jenen, welche den Antisemitismus für lebensfähig gehalten haben mochten, auch von dieser Richtung wieder ab. Selbst das bemerkenswertheste Oberhaupt der Bewegung, Herr Eduard Drumont, scheint für den Augenblick eine Pause in seinem öffentlichen Wirken etntreten lassen zu wollen, wenigstens nach dem Titel seines letzten Werkes zu urtheilen, welches „Das Testament eines Antisemiten" heißt. Man weiß, daß Herr Eduard Drumont in seinen Büchern nicht blos die Juden, sondern viele reiche Leute überhaupt und einen großen Theil des Adels angriff. In seinem letzten Buche wendete er sich nun mit solcher Heftigkeit gegen die französischen Bischöfe und den hohen Clerus, daß es in katholischen Kreisen großes Aergerniß erregte und daß sogar ernstlich davon die Rede war, vom Vatican aus werde sein Werk auf den Index gesetzt werden. Dieses Gerücht hat bisher keine Bestätigung erhalten. Allein Herr Drumont mag wohl selbst an eine solche Möglichkeit glauben, da er in einem Pariser Blatte schon eine Präventiv - Vertheidigung veröffentlichte, worin er nicht ohne Bitterkeit klagte, daß man ihn auf den Index setzen wolle, während „so viele Andere nicht darauf sind", und worin er hinzufügte: „Man hat nicht vergessen, welch unsaubere Rolle Zola in einem seiner Romane eine Person spielen läßt, die er mit einem Namen bekleidet, welchen Carlyle in einem profanen Werke nicht auszusprechen wagte." Angesichts dieses Hinweises auf Zola's Werke besuchte ein Berichterstatter des „Echo de Paris" den bekannten französischen Romancier Emil Zola, um dessen Meinung über Herrn Drumont's Aeußerungeu zu hören. Emil Zola hat Drumont's Brief nicht gelesen, und der Berichterstatter machte ihn daher mit der ihn betreffenden Stelle bekannt. „Er ist immer liebenswürdig", entgegneteZola unter Anderm, „dieser Herr Drumont! Sagen Sie, was kann mir das machen? Dieser Mensch bringt sein Leben damit zu, seine Zeitgenossen anzuspeien, ohne selbst seine Freunde auszunehmen... Es ist nicht das erstemal, daß er mich packt, ich habe mir nie die Mühe genommen, ihm zu antworten. Etwa vor acht Jahren, noch vor seiner antisemitischen Bücherserie, habe ich mit ihm bei einem gemeinschaftlichen Freunde gespeist. Ich erinnere mich, daß wir uns damals ordentlich über eine religiöse Frage zankten. Zu jener Zeit machte er mir den Eindruck eines Exaltirten. Rußland. Unsere Mittheilungen über die barbarische Behandlung der Juden in Moskau werden jetzt durch die Berichte englischer Blätter vollständig bestätigt. Die Synagoge, welche nach vielen Chikanen und mit großen Kosten vor Kurzem fertig gestellt, aber noch nicht eröffnet worden ist, wird zum Kauf ausgeboten und wird, wie man dem „Standard" berichtet, wahrscheinlich von den Tataren erworben