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Der Israelit · 1891-05-07 · Heft 36 (7.5.1891) · page 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 36 (7.5.1891)
Date
1891-05-07
Page
– (sequence 19)
Language
German
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685 Tode verschont hast, so laß auch heute den Engel des Todes an meinem Hause vorübergehen und erhalte mein Kind. Schicke Deine heiligen Boten, daß sie es beschützen, Du Vater im Himmel, auf dessen Hilfe ich vertraue. Amen!" Sie erhob sich schluchzend. Da sah sie einen Herrn auf ihre Wohnung zuschreiten und erkannte in ihm den Arzt. „Gottlob, daß Sie kommen!" rief sie ihm enrgegen, „eilen Sie, Herr Doktor, retten Sie mein Kind." Der Arzt sprang die kleine Treppe zum Hause hinauf und trat ins Zimmer an das Bett des kleinen Patienten, der mit allen Anzeichen des nahen Erstickungstodtes dalag. Rach kurzer Untersuchung sprach ber Arzt: „Ja, da bleibt keine Wahl; wir müssen sogleich den Luftröhrenschnitt machen. Sind Sie damit einverstanden, Herr Spieß?" „Mein Mann ist nicht zu Hause", entgegnete Frau Spieß weinend. „Mutz es denn sein, Herr Dr.?" „Wenn wir länger zögern, erstickt das Kind", sprach der Arzt und nahm das Besteck heraus. „Thun Sie, Herr Doktor, als ob es Ihr Knabe wäre", sprach die Mutter mit vor Weinen erstickter Stimme. Rasch war der Sedertisch abgeräumt. Der Arzt legte den Knaben auf den Tisch und unter Assistenz der Pensionärin war in wenigen Sekunden die Operation mit geschickter Hand vollzogen. Wie erlöst blickte das Kind dankbar seinen Retter, den Arzt an, denn die Angst war von ihm genommen und regelmäßig konnte es wieder athmen, und in tiefen Zügen athmete es die Luft durch die Cannüle ein. Matt lag es wieder in seinem Bettchen, neben welchem der Arzt Platz genommen hatte, während die Mutter weinend am Fenster stand. Ein ruhiger Schlummer hatte sich des kleinen Patienten bemächtigt und der Arzt hoffte, daß dieser Schlummer wohlthuend für den Kranken werde. Da schallte ein eiliger Schritt durch die Nacht. Das bleiche, weinende Weib am Fenster dort erkannte diesen Schritt sofort; es war der Schritt ihres Mannes. Der Schall kam immer näher; jetzt öffnete sich das Hansthor und wurde sofort wieder verschlossen. Die Hausthüre wurde nun geöffnet, ein leichter Fuß schritt über den Flur, die Zimmcrthüre öffnete sich und Leiser Spieß trat in das Zimmer. Wirr hing ihm das Haar im Gesicht, die Augen glänzten fieberhaft und er wollte schon leise in das Schlafzimmer schreiten, da sah er seine Frau weinend am Fenster stehen. „Wie oft schon habe ich Dir gesagt", begann er zu schelten, „daß Du nicht auf mich warten, sondern zu Bett geben sollst? Heute schadet es freilich nichts, denn heute bin ich glücklich gewesen. Heute habe ich mehr gewonnen, als ich alles zusammen je verloren habe." Und er zog einen mit Goldstücken gefüllten Beutel aus derTasche und warf ihn aus den Tisch. „Nun freue Dich mit mir, meine Frau, nun haben wir Geld im Hause, viel Geld. —" Ehe die Frau antworten konnte, erschien der Doktor an der Thüre des Schlafzimmers und bat um Ruhe. Als ob er ein Gespenst sähe, so starrte Leiser den Arzt an, der die Thüre hinter sich schließend wieder ins Schlafzimmer an das Bett des Knaben zurückgekehrt war. Dann sprang Leiser auf seine Frau zu, faßte ihren Arm so fest, daß dieser sie schmerzte und sprach, auf die Thüre deutend, mit leiser Stimme: „Was thut der Doktor zur Nachtzeit hier? Jst Berthold krank, oder was ist sonst mit dem Kind?" Die weinende Frau konnte keine Antwort geben. Ihre Thränen fioflen um so reicher, je länger sie ihren Mann sprachlos ansah. Dieser sah sich wild im Zimmer um. Da erblickte er die zur Seite gesetzte, noch unberührte Sederschüffel; er sah das Besteck des Arztes auf der Fensterbank stehen, und sein Blut erstarrte. Was sollte das alles bedeuten? Heute war der erste Sederabend, den er, seiner Leidenschaft folgend, auf solch niederträchtige Meise entweiht! Sollte Gott sein Vergehen so rasch ahnden, sollte der Sünde die Strafe auf dem Fuße folgen? Leiser wollte gegen die Thüre des Schlafzimmers sich wenden, da trat der Arzt wieder heraus und sprach: „Das Kind schläft und darf nicht gestört werden. Wachen Sie weiter bei demselben; der Schlaf ist ein gutes Zeichen. Ich hoffe, daß wir es retten. Wenn das Kind wach wird, will ich gerufen werden." Da trat Leiser zu dem Arzt und sprach: „Was fehlt denn dem Kinde, Herr Doktor? Ich bin soeben erst nach Hause gekommen und meine Frau kann vor Aufregung nicht sprechen — sagen Sie mir, was dem Kind fehlt! „Ihr Knabe hat Diphterie und ich habe soeben, um ihn vom Tode zu retten, den Luströhrenschnitt machen müssen. „Und das Kind wird leben?" Bang tönte diese Frage aus dem Munde des Vaters, doch der Arzt zuckte die Achseln und sprach: „Wenn Gott es erhalten will, kann er immer helfen," und dann entfernte sich der Arzt. Als ob ein Keuleuschlag ihn unvermuthet getroffen und betäub: hätte, so stand Leiser in der Mitte des Zimmers. Leise drang das Schluchzen seiner Frau, welche, nachdem der Arzt fortgegangen war und auch die Pensionärin sich wieder entfernt, wortlos am Betle ihres Kindes Platz genommen hatte, an sein Ohr. Auf den Zehen schlich er sich hin nach der Thür des Schlafzimmers und blickte durch einen kleinen Spalt. An der gegenüberliegenden Wand stand das Bett seines Kindes; vor diesem saß seine Frau und weinte still vor sich hin. Er konnte nur die Tücher sehen, mit denen der Hals des Knaben umwickelt war. Ob er näher treten darf? Nein. lieber nicht; das Knarren der Thüre hatte den Knaben erwecken können. Und so setzte er sich auf einen Stuhl neben dem Eingang und bewachte mit blutendem Herzen Frau und Kind. Die aufgehende Sonne sandte ihre feurigen Strahlen über den Horizont und noch saß Leiser auf seiner Stelle. Die paar Stunden waren für ihn eine Ewigkeit geworden; in der kurzen Zeit hatte er Höllenqualen ausgestanden. Was für ein elender, schlechter Mann war er schon deßhalb, daß er den Sederabend, den jeder Jude, wenn es ihm nicht unmöglich gemacht wird, im Kreise seiner Familie verbringt, bei seinen Spielgefährten zugebracht und aus diese Weise entweiht und entheiligt hatte! Wie hatte er sich gegen seine Frau versündigt, die ihm doch nur Liebe und Treue erwiesen und freudigen Herzens seiner Wiederkehr geharrt hatte! War er nicht ein Elender, daß er sich von seiner unseligen Leidenschaft so beherrschen ließ! Wie lange war es her, daß er seine Frau zum letzten Male munter und vergnügt gesehen! Wer trug die Schuld an ihrem Kummer, ihrem Schmerz? Er, nur er allein. Je länger er darüber nachdachte, um so schwerer fiel ihm seine Schuld aufs Herz und er sah ein, daß er gefrevelt, schwer gefehlt an seinem Weibe, seinem Kinde. Sein Kind? Gehörte denn das Kind noch ihm? Hatte nicht schon ein Höherer seine Hand nach dem Knaben ausgestreckt, um ihm denselben zu entreißen? Und wenn ihm das Kind entrissen wurde, war er nicht schuld an seinem Tode? Schreckliche Bilder zogen an seinem Geiste vorüber und der anbrechende Tag schien ihm Erlösung zu bringen. Er erhob sich, trat ganz leise in das Schlafzimmer, um seinen Knaben zu sehen, seiner Frau guten Morgen zu sagen und sie um Verzeihung zu bitten, sowie um ihr fest und

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