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Der Israelit · 1891-05-07 · Heft 36 (7.5.1891) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 36 (7.5.1891)
Date
1891-05-07
Page
– (sequence 18)
Language
German
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684 Leiser mußte sich sein Geld ziemlich schwer verdienen und deßhalb traf ihn ein Verlust um so härter. Die Gesellschaft, mit der er gespielt hatte, sagte ihm zu und manche Stunde, die er früher bei Frau und Kind verbracht, sah man ihn jetzt am Spieltische. Wie es so geht, wechselten auch bei ihm Gewinn mit Verlust ab, und wenn er am Ende der Woche das Facit zog, hatte er stets verloren, wenn auch nur die 'Zeit, die er am Spieltische verbrachte. Anfangs hatte es die junge Frau gerne gesehen, daß Leiser hie und da ein Stündchen fortging, um sich zu erholen, und da er Vergnügen am Spiele fand, hatte sie ihn selbst aufgefordert, seine Gesellschaft aufzusuchen. Aber bald wurden die Stunden, die er beim Spiel verbrachte, zu halben Tagen, die Abende zu Nächten. Leiser blieb am Spieltische sitzen und vernachlässigte sein Geschäft. Wenn ihm seine Frau dann Vorwürfe machte, kam es zu Verstimmungen, zu heftigen Auftritten, welche das Glück des noch jungen Paares zu zerstören drohten. Als die junge Frau sah, daß Bitten und Weinen nichts über ihren Mann vermochten, daß er trotz aller Vorstellungen die langen Winterabende, ja fast die ganzen Nächte am Spieltische verbrachte und oft erst mit dem Frühlichte in seine Wohnung heimkehrte, da ergab sie sich in ihr Schicksal und versuchte das, was ihr Mann in Folge seiner Leidenschaft versäumte, durch eigenen Fleiß wieder einzubringen. Sie nahm eine Pensionärin in's Haus und deckte auf diese Weise den Ausfall des Verdienstes ihres Gatten. Dieser schien nicht zu sehen, wie seine Frau sich quälte und grämte. Apathisch gegen seine Umgebung, hatte er nur noch Sinn für die Karten und bemerkte nicht, wie die Rosen auf den Wangen seiner Frau verblaßten, wie Kummer und Seelenschmerz aus ihrem Antlitz sprachen. Trotz seiner Gleichgültigkeit gegen Frau und Kind waren diese freundlich mit ihm und wenn er in kalten Winternächten gegen Morgen sein Haus aufsuchte, fand er sein vor Kälte erstarrtes Weib in Thränen gebadet vor dem Bette des Kindes sitzen, seiner harrend. Das war ihm freilich unangenehm und er schalt oft darüber, aber nichtsdestoweniger fand er am nächsten Morgen seine Frau am gewohnten Platze. So verging der Winter. Das Peßachsest kam und Leiser fastete am Rüsttag des Passah für seinen Knaben, da dieser ein Erstgeborener war. Er hatte einen Weg nach der nahen Stadt vor und wußte nicht, wann er seine Geschäfte beendet haben konnte. Wenn es sehr spät werden sollte, wollte er aus dem Rückweg gleich die Synagoge in B. besuchen und seine Frau durfte ihn dann nach beendetem Gottesdienste erwarten. Für diesen Fall sollte sie die Sederschüfsel bereit stellen, alles dazu Gehörige besorgen, daß Leiser, wenn er von der Synagoge käme, sofort mit dem Seder beginne. Sie that, wie verabredet. Als der Abend hereinbrach, holte sie Alles herbei, was für den Sedertisch erforderlich war, zündete Lichter an, betete und wartete mit Sehnsucht der Rückkehr ihres Gatten. Stunde auf Stunde verrann, er kam nicht. Sie lief an das Fenster und blickte hinaus; so weit sie auch sehen mochte, sie konnte ihren Mann nicht erblicken. Bei jedem Geräusch fuhr sie auf, hoffend, daß der Erwartete endlich käme. Der Knabe, der den Tag über schon sehr unruhig war, klagte über Schmerzen im Halse und sie brachte ihn zu Bette. Da raffelt ein Wagen über die Chaussee; vielleicht bringt dieser ihren Mann. Sie verläßt das Bett des Kindes und das Zimmer, geht vor die Thüre und das Hausthor, legt die wenigen Schritte bis zur Chauffee zurück und späht aus, lugt wie ein Luchs in die dunkle Nacht hinein — vergebens, der Wagen raffelt vorüber; ihren Mann hat er nicht gebracht. Da schlägt die Thurmuhr zwölf; ein Frösteln durchzieht ihren Körper und erschauernd kehrt sie zum Hause zurück. Da sieht sie ihren Knaben am offenen Fenster liegen und hört, wie er ihr zuruft: Nun, Mama, bringst Du Papa mit?" Ohne zu antworten, eilt sie in das Haus, reißt das fiebernde Kind vom offenen Fenster und legt es wieder in sein Bettchen. Mit Schrecken sieht sie die hochrothen Wangen, die glänzenden Augen des Knaben; sollte das Kind krank sein? Es klagt fortwährend über Schmerzen im Halse und hustet rauh und heiser. Wenn sie nur Jemand hätte, den sie zum Arzte hätte schicken können. Sie konnte doch das fiebernde Kind nicht allein im Hause liegen lassen und selbst zum Arzte laufen. Vielleicht war es auch nur eine starke Erkältung und sie ängstigte sich ohne Ursache. Ihr Mann mußte ja jeden Augenblick kommen und dann — Großer Gott! Da schlug die Uhr zwei. Wo nur ihr Mann blieb? Wenn ihm nur kein Unglück zugestoßen ist? Sie ist in furchtbarer Angst und entschließt sich, ihre Pensionärin, eine ältere Dame, zu wecken, da das Kind immer unruhiger wird und sich, als ob es keine Luft bekommen könnte, im Bettchen hin und her wirft. Die Pensionärin kommt denn auch nach einer Viertelstunde. Das erste, was sie thut, ist, dem Kinde in den Hals zu sehen. Kaum hatte sie jedoch einen Blick in den Mund des Knaben getha», da sprach sie zu der erschreckten Mutter: „Eilen Sie, Frau Spieß, rufen Sie den Arzt; der Knabe hat Diphteritis im höchsten Grade." Wie von Furien gepeitscht, rannte das unglückliche Weib durch die Straßen des Dorfes der Villa des Arztes zu. Sie sah weder rechts noch links, sondern eilte ihrem Ziele zu. Nach langem Klopfen öffnete sich denn auch ein Fenster der Villa und eine verdrießliche Stimme rief: „WaS gibt es denn wieder?" „Ich lasse den Herrn Dr. bitten, sogleich zu meinem Kinde zu kommen. ES ist an Diphterie erkrankt und Eile thut noth." „Zu wem soll der Herr Tr. kommen?" „Zu Leiser Spieß." „Schön; der Herr Dr. ist um zwölf Uhr nach der B. Mühle geholt worden. Er muß jeden Augenblick zurückkommen, und ich werde ihn dann sofort zu Euch schicken. Bis dahin „gute Besserung." Das Fenster schloß sich wieder und das arme Weib raste die Torfstraße zurück ihrem Häuschen zu. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, so jagte sie die Angst. Was blieb ihr übrig, wenn die Diphteritisj dieser Würgengel unserer Kleinen, ihr Kind raubte? Ihr Knabe, der Trost und die Hossnung in ihrem Elende, durfte nicht sterben, wenn das Leben noch Werthfürsie haben sollte. Warsie doch amheutigen heiligen Festesabend von ihrem Manne verlassen, allein auf sich und ihr Kind angewiesen! Dieses Kind, das jetzt vielleicht — o, sie durfte nicht daran denken; ein Schauder ergriff sie bei dem Gedanken an die Möglichkeit des Verlustes ihres Knaben, und in Schweiß gebadet erreichte sie ihr Häuschen. Das Kind lag in heftigem Fieber, das sich von Minute zu Minute steigerte. Nun traten Athmungsbeschwerden ein, und die Angst des kranken Kindes stieg auis Höchste. Die Augen quollen aus ihren Höhlen, die Händchen faßten krampfhaft nach der Decke und hielten diese eisenfest, während die kleine Brust röchelnd auf und nieder ging. Jetzt konnte es wieder keine Luft bekommen. Es sprang auf, kletterte an der Wand in die Höhe und fiel, mit den Händen um sich schlagend, wieder auf sein Lager zurück. Die Mutter konnte die Qualen ihres Lieblings nicht mehr mit ansehen. Sie lief wie wahnsinnig aus dem Zimmer, rannte auf die Straße, fiel dort auf die Kniee und betete in herzzerreißenden Tonen: „O, Du Allvater, der Du unsere Vorfahren in dieser Nacht einst gerettet, rette auch mein Kind heute. Wie Du in dieser Nacht einst dem Todesengel geboten, die Hauser unserer Vorfahren zu überschreiten, wie Du die Erstgebornen Deines Volkes in der UeberschreitungSnacht einst vom

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