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Der Israelit · 1891-05-07 · Heft 36 (7.5.1891) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 36 (7.5.1891)
Date
1891-05-07
Page
– (sequence 20)
Language
German
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686 theuer zu geloben, daß er nie, nie mehr eine Karte anrühren wolle. Als er sich dem Bette näherte, bemerkte er, daß auch seine Frau eingenickt war, und um sie nicht zu stören, setzte er sich ganz leise auf das an der andern Wand stehende Bett. So leise er auch war, seine Frau erwachte und blickte sich erstaunt um. Leiser ging auf den Zehen zu ihr hin, streckte die Hand ihr entgegen und bat flehenden Blicks um Vergebung. Nach kurzem Zögern 'legte das traurige Weib ihre Hand in die dargebotcne Rechte ihres Mannes, der sie mit festem Drucke umfaßte. Beide sprachen kein Wort, aber sie verstanden sich, und ihre Seelen fanden sich in eincin Gedanken. Da erwachte der Knabe. Alster seine Eltern vor seinem Bettchen sah, flog ein Leuchten über sein Antlitz. Er wollte sprechen, — aber in Folge der Operation vermochte er es nicht. Leiser eilte sofort zum Arzte. Dieser kam auch bald und fand den Knaben um vieles besser. Er ertheilte seine Verordnungen und gab den Eltern Hoffnung, daß das Kind gerettet werde. Wer war glücklicher als Leiser, froher als die unglückliche Mutter? Wenn der gestrige Sederabend ihren Mann von seiner Leidenschaft geheilt, der liebe Gott ihr ihren Knaben ließ, wollte sic Gott aus tiefster Seele dafür danken, denn unerforschlich sind seine Wege, ohne Grenze sein Erbarmen für nnd für. Der Arzt hatte richtig vorausgesagt. Unter dem Beistand des Allmächtigen genas der Knabe, und ehe noch das Petzachfest zu Ende gegangen, war der kleine Patient außer Gefahr. Die Mutter verließ das Kind keinen Augenblick und unter ihrer aufopfernden Pflege machte die Genesung rasche Fortschritte. Da klagte auch sie eines Tages über Schmerzen im Halse, und die Krankheit, die das Kind kaum verlaffen, warf die Mutter nieder und raste in ihrer ganzen Wuth und Tücke. Mehr als einmal schien die Frau zu erliegen und Leiser, der nicht vom Bette wich, machte Stunden des Grams und der Verzweiflung durch, die ihm ewig unvergeßlich blieben. Erst als ihm der Verlust seines Weibes drohte, fühlte er, was er an seiner Gattin besaß und er gelobte auf's Neue, im ganzen Leben keine Karten zu« Spiel mehr in die Hand zu nehmen, wenn ihm seine Frau erhallen bliebe. Und das junge Leben siegte. Auch jetzt überschritt der Todesengel das Haus dessen, der seine Leidenschaft zum Opfer gebracht. Bis zum Schabuotfeste zog sich die Reconvalescenz der Mutier nnd des Kindes hin, und es war rührend, mit welch' zärtlicher Sorgfalt und liebevoller Aufmerksamkeit Leiser seine Frau pflegte. Am ersten Schabuostage wandcrten Vater, Mutter und Kind zur Synagoge nach A. Leiser wurde zur Thora gerufen. Er benschte gaumcl, ließ einen Mischeberach für seine Frau und seinen Sohn machen und schnoberte eine bedeutende Summe Geldes. Jenes Geld, das er in der Sedernacht gewonnen, sollte einem heiligen Zweck dienen. Es war Geld der Sünde, welches ihm keinen Segen gebracht hatte. Vergnügt feierten alle Drei das Wochcnfest. Es kam endlich zur Aussprache zwischen den Ehegatten, und damit verschwand auch der letzte Schatten, der das Glück der Eheleute hätte trüben können. Am Ende der Unterredung umschlang Leiser seine Frau und sprach: „Und nun verzeihe mir nochmals, mein Engel! Ich weiß ja, wie sehr ich der Verzeihung bedarf, denn von allen verachtenswertsten Menschen verdient am meisten unsere Verachtung — der Spieler." In Lundenbnrg wurde früher, wie der „Oesterr. Wchschr." geschrieben wird, alljährlich der 11. Tebet sowohl im Gorteshause, als in der Familie wegen folgenden Ereignisses festlich begangen. Am obenbezeichneten Tage waren , die einstigen frommen Väter der jetzigen Gemeinde sammt! und sonders vor der Synagoge zum Abendgottesdienst verj sammelt. Unmuthig harrten sie in der erstarrenden Winterkälte des Pförtners, der öffnen sollte, aber trotz seiner gewohnten Pünktlichkeit diesmal auf sich warten ließ. Der Grund seines Zögerns bestand nämlich darin, daß er den Schlüssel nicht fand. Die angesammelte Menge mit dem Rabbiner mußten sich in Geduld fügen. Plötzlich dringt aus dem Innern der Synagoge ein schreckenerregendes Getöse an das Ohr aller Anwesenden und im selben Augenblicke kommt der Gemeindediener athemlos mit dem endlich gefundenen Schlüssel herbeigerannt. Man öffnet schleunigst die Thür und — o Schrecken! die Wölbung war eingestürzt, eine dichte Staubwolke umhüllte den gesammten Raum des Gotteshauses, dessen Boden mit Schutt und Ziegeln ganz bedeckt war. Die Verzögerung, die unliebsame, hatte die gefammte Gemeinde vor qualvollem Tod und Verderben gerettet. Ter derzeitige Rabbiner faßte die wundervolle Erlösung mit Recht als eine himmlische Fügung auf und verewigte diese Begebenheit in einem Synagogengedichte, Selicha, die am Morgen bei der Andacht vorgetragen wird. Im Familienkreise wurde der 11. Tebet als Freudenfest begangen. Wahrscheinlich dürfte diese Sitte auch heute noch in Lundenburg bestehen und das Ereigniß jenes Tages daselbst unvergeffen sein. In einem Aufsatz über Ludwig Windthorst erzählt ein Mitglied der „Frankfurter Zeitung" die folgende interessante Episode ans dem Leben des verstorbenen Centrumsführers: „Dieser große Vorkämpfer der katholischen Kirche war wirklich ein toleranter Mann, jedenfalls weit mehr, als viele seiner Anhänger. Die harre Schule des Kulturkampfes hatte sein Verständniß für die religiösen Gefühle Anderer geschärft, und von antisemitischen Anwandlungen sind Wenige im Centrum so frei geblieben, wie er. Vor einigen Jahren beschäftigten den Reichstag Petitionen gegen das „Schächten"; sie gingen vom Thierschutzverein aus, es war unausbleiblich, daß in ihre Berathung der Antisemitismus hineinspielte. Windthorst suchte mich vor der Sitzung auf, er wollte gegen diese Petitionen sprechen und wünschte, daß er dabei in der Presse unterstützt werde. „Die Presse muß mir helfen; denn ich werde stark angegriffen von Leuten, die es sonst nicht thun." Er mochte aus meiner Antwort entnehmen, daß ich mich für schachtende Mitbürger nicht sonderlich intercssire. Da wurde der alte Herr lebhaft: „Auf das, was wir Beide über die jüdischen Speisegesctze denken, kommt es nicht an. Ich habe heute eine Deputation von Rabbinern empfangen und sie einfach gefragt, ob wirklich ein namhafter Theil der Juden in ihren religiösen Gefühlen verletzt und einem Gewissenszwange unterworfen würde, wenn man das Schächten verbietet. Das haben sie bejaht, und das giebt den Ausschlag. Einen objektiven Maßstab für die Empfindungen Andersgläubiger giebt es nicht, das haben die Gegner der Katholiken auch im Kulturkampf mißachtet." Dabei blieb er und hat danach gehandelt: Die Petitionen wurden abgelehnt. Verantwort!. Redaction:OscarLehmannin Mainz. — Expedition des „Israelit u. Jeschurun", Schottstratze Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdrnckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz.

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