Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 36 (7.5.1891)
- Date
- 1891-05-07
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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UdtthodM MuderrthumÄ hewvTo 5 ESv'). 7. Mai 1891.] lNr. 7. £ M mm ip8BEFIif80, <§lx*&> Der Spieler. bxH Von H. Berger. er im Sommer die Bergstraße bereist, der wird nicht verfehlen, den herrlich am Fuße des Heiligenberges gelegenen Luftkurort I. zu besuchen. Um nach I. zu gelangen, verläßt der Reisende die Eisenbahn auf der Station B. und besteigt einen der dort stets bereitstehenden Wagen, um in halbstündiger Fahrt sein Ziel zu erreichen, oder er legt den schönen Weg zu Fuß zurück und gelangt fast ebenso rasch in das in paradiesischer Gegend liegende Dorf. Zur Zeit, da unsere Geschichte spielt, hatte I. noch keinen Weltruf; es war der HaupivergnügungSort der Bewohner, der in der Nähe liegenden Städte D. und F. An Sonn- und Feiertagen zogen Herren und Damen, Kinder und Erwachsene nach I., um einige Stunden die freie Natur und deren Freuden zu genießen. Es entwickelte sich dann das bunteste Leben und Treiben im Walde und auf den Höhen, denn die Lebensfreudigkeit und die Fröhlichkeit erfassen den Menschen zuerst in der schönen freien Natur. Auch für die Bedürfnisse des Magens, deren Befriedigung für das Wohlbehagen und die Lebenslust unumgänglich nothwendig ist, war bestens gesorgt. Zwei ausgezeichnete und doch billige Hotels nahmen die Hungrigen und Durstigen auf und entließen dieselben gesättigt, ohne daß deren Börsen allzusehr geschröpft worden wären. Die Touristen jüdischer Religion, die rituell zubereitete Speisen genießen wollten, fanden freundliche Aufnahme bei Leiser Spieß, dem einzigen in I. wohnenden Glaubensgenossen. Er trieb eigentlich ein Frucht- und Productengeschäft. hatte aber seit seiner Verheirathung die Gelegenheit zu einem Nebenverdienst sich nicht entgehen lassen, und besonders, da seine Frau im Haushalte tüchtig, eine liebenswürdige Wirthin und ausgezeichnete Köchin war, sich entschlossen, eine Gelegenheits - Restauration zu eröffnen. An manchen Sonntagen war so viel zu thun, daß sie nicht alle Gäste befriedigen konnten und Frau Spieß gezwungen war, sich Hilfe Zu verschaffen. Ihre jüngere Schwester war gerne zur Aushülfe bereit, und die Liebenswürdigkeit der beiden Damen und die Vorzüglichkeit der verabreichten Speisen und Getränke machten das kleine Haus am Eingänge des Dorfes bald berühmt und zum Ziele der Wallfahrt der Hungrigen und Durstigen. Leiser Spieß kümmerte sich wenig um dieses Geschäft. Er war ein stiller, fleißiger Mensch, den Niemand einer Leidenschaft fähig hielt, der glücklich war im Besitze seiner Frau und seines Kindes, eines bildhübschen Knaben von drei Jahren. Noch niemals hatte Leiser seiner Frau eine trübe Stunde bereitet; im Gegentheil, er that, was er ihr an den Augen ablesen konnte; sein einziges Vergnügen war sein Sohn Berthold, seine einzige Zerstreuung das Spielen mit dem Kinde. Eines TageS kam Leiser von seinem Ausgang nach Hause; das fröhliche Geplauder seines Knaben vermochte nicht, ihn aufzuheitern und das heiterste Lachen seiner Frau konnte nicht die Kalten auf seiner Stirne entfernen. Gegen seine Gewohnheit trank Leiser ein Glas Wein nach dem anderen und als feine Frau ihn fragte, ob er Verdruß im Geschäfte gehabt habe, fuhr er sie so barsch au, daß ihr die Thränen in die Augen traten. Sie ging mit dem Kinde aus dem Zimmer und ließ ihren Mann allein. Die Einsamkeit ist kein guter Gesellschafter für Jemand, der verdrießlich ist; alle die häßlichen Gedanken, welche die Gegenwart eines Zweiten zu verscheuchen vermag, haben freie Bahn, und sie benutzen dieselbe, kriechen heran und nehmen Besitz von dem Einsamen. Leiser stand nach einer Weile auf, ging an den Kaunitz, der sich im Zimmer befand und entnahm demselben eine Rolle Geldes, indem er sagte: „Heute Abend noch muß ich gewinnen, was ich heute Morgen verloren habe. Sie sollen schon Revanche geben." Tie Frau war während dieser Zeit wieder in's Zimmer gekommen und hatte die letzten Worte ihres Mannes gehört. Sie erschrack heftig, trat zu Leiser heran und sagte: „Verbirg mir nichts, mein Mann! Ich kenne Dich ja heute kaum wieder. Sei nicht verdrießlich in Deinem Heim über Dinge, die Dir außerhalb desselben die Laune verdorben haben." „Ich verberge Dir nichts, mein Kind," entgegnete Leiser. „Ich bin verdrießlich, denn ich habe heute Morgen Karten gespielt und Geld verloren." „Und das ist Alles? C, Du Närrchen, das braucht Dich nicht zu verdrießen; das ist kein Mann, der nicht Karten spielen und ohne Verdruß mal Geld verlieren kann." Sie legte ihren Arm um seinen Nacken, sah ihm ihn die Augen, strich mit der Hand die Falten von seiner Stirne und wußte seine böse Laune bald zu verscheuchen. „Denk' nicht mehr daran," sprach sie sanft, „und komme mit zu unserem Berthold; sein frohes Geplauder wird Dich Deinen Verlust verschmerzen lassen." Sie gingen zu dem Kinde und im Spiele mit diesem schwand endlich der Rest der bösen Laune.