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Der Israelit · 1891-05-07 · Heft 36 (7.5.1891) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 36 (7.5.1891)
Date
1891-05-07
Page
– (sequence 8)
Language
German
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674 Und waS geschah mit mir dann? Wie Ihr sehet, meine lieben Kinder, ich starb nicht, weder dieses schreckliche Unglück, noch die damals wttthende Cholera, konnten mir etwas anhaben — ich überdauerte alles. Wie das möglich war, wie meine schwachen Kräfte dazu ausreichten? — nur Gott allein, der Unerforschliche, mag es wissen! Und Rachele? Auch sie tödtete dieser furchtbare Schlag nicht — unglückliche Menschen sterben nicht so bald, sie müssen früher den Kelch des Leidens bis zum letzten Tropfen auskosten. Sie stand, wie man ihren Mann in die Grube gesenkt, starr, thränenlos, versteinert; das Grab, das sich über Jankele geschlossen, konnte nicht starrer und stummer bleiben. Sie saß neben mir die sieben Trauertage auf der Erde, bleich, stumm, unheimlich, wie eine Wachsfigur. Ihr riesengroßer Schmerz bannte das einzige Zeichen des Lebens, die Thränen, von ihren Lidern. Die Nachbarinnen kamen und suchten sie zu trösten, sie stierte sie an und schwieg. Einmal nur — etwa drei Wochen nach jenem furchtbaren Tage — schien es, daß eine günstige Veränderung mit ihr vorging. Eine Nachbärin fragte sie nämlich, warum sie sich nicht etwas zu schaffen mache; ihr Mann, seliger Friede sei mit ihm, sagte ja immer, die Arbeit verleihe Kraft zum Leben. Kaum waren diese Worte ausgesprochen, da wich die Starrheit ihres Wesens einem hastigen Zucken, das ihr durch alle Glieder fuhr, und jäh blitzte es in ihren Augen. Am nächsten Tage geschah etwas Unerwartetes — Rachele saß schon früh morgens bei ihrem Arbeitstischchen und nähte emsig. Was sie nähte — Niemanden fiel es ein, danach zu sehen. Genug, daß sie sich wieder zu schaffen machte. Die Nachbarin flüsterte mir mit unverholener Freude die Nachricht zu: „Rachele ist gerettet, sie näht schon wieder; heute darf sie Niemand durch ein Wort stören, sie soll nur erst zu sich kommen, die arme, gute Rachele." - Es störte sie auch Niemand; man überließ sie ganz ihrer Arbeit, die sie mit vieler Emsigkeit betrieb, als gelte es, keine Zeit zu verlieren. Mitten in der Nacht erst erfuhr ich, was ihr so eifrig zu schaffen gab. Mitten in der Nacht nämlich, drang aus ihrer Stube ein tiefer, feierlicher, unheimlicher Gesang, der mich aus dem dumpfen Schlafe aufschreckte. Anfangs meinte ich, es fei Täuschung, oder die Nachwirkung eines Traumes, doch immer deutlicher drang der Gesang aus ihrer Stube, immer feierlicher und immer unheimlicher. Hastig warf ich ein Oberkleid um und eilte zu Rachele in's Zimmer. Ach, welch' schauerlicher Anblick bot sich meinen entsetzten Blicken! Mitten im Zimmer, das von einem kleinen Oellämpchen matt beleuchtet war, stand kerzengrad Rachele, die vom Scheitel bis zur Sohle in frisch angefertigte Sterbekleider gehüllt war und in ihren Händen ein Kleidchen des verstorbenen Goldele hielt, das sie herzte, liebkoste und wie ein Kind in ihren Armen schaukelte. Sie beachtete meine Anwesenheit nicht, und sang mit weicher, tiefer, markerschütternder Stimme: „Draußen ist Nacht und Wind, Schlafe sanft, liebherziges Kind. Schlaf' in Freuden, Fern von Leiden. Schlafe sanft, liebherziges Kind, Draußen ist Nacht und Wind!" (Schluß folgt.) und „Jrschurun* erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmok in mindesten» 9 Bogen. Brei» de» Jahrgang? für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für'» Ausland 1s Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel bestehen bet Cf. F. Sleinvckrr, Leipzig, Uoßplah 18. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco «npstende«. Inhalt <Hanptblatt): Leitender Artikel: Jüdisch-Sozial. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Aus Baden. Augsburg. — Oesterr. - Ungar. Monarchie: Wien. — Rumänien: Bukarest. — Rußland: Petersburg. — Vermischtes. — Feuilleton: Die Recrutirung. Erzählung von Nathan Samuely (Fortsetzung). Inhalt der Beilage: Leitender Artikel: Ueber die Judenverfolgung in Moskau. —Zeitungsnachrichten und Correspondenzen : Deutschland: Hannover. Elberfeld. — Schweiz: Basel. — Griechenland: Athen. — Vermischtes. Inhalt der belletristischen Beilage: Der Spieler. Von H. Berger. — Verschiedenes. Inhalt der Extra-Beilage: Spenden-Verzeichnisse. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz.—Expedition des „Israelit" u. „Jeschurun", Schottstr. Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hosbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu drei Beilugen.

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