Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 36 (7.5.1891)
- Date
- 1891-05-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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673 laufenen Jahre starben 18 Hospitanten im Alter von 65 bis 90 Jahren, 2 Hospitaliter: schieden freiwillig aus der Anstalt, weil ihre Kinder jetzt in der Lage waren, sie zu sich zu nehmen, während eine Hospitalitin ihres körperlichen Zustandes wegen dem Siechenhause überwiesen werden mußte. Das Jahr 1890 begann mit einem Bestände von 153 Hospitaliten, der sich am Schlüsse des Jahres aus 163 erhöhte, und zwar 98 Hospitaliten in der alten und 65 in der neuerr Anstalt. Während die Durchschnittszahl der Hospitaliten im Jahre 1889: 145 betrug, war sie im Jahre 1890: 154. Diese 154 Hospitaliten erforderten einen Kostenaufwand von 82,321,82 Mk. oder 547 Mk. pro Hospitalit. Hierbei kommen 47.169,49 Mk. auf die Beköstigung oder 72 Pf. pro Kopf und Tag. Beide Anstalten sind jetzt vollständig besetzt und die Möglichkeit ausgeschlossen, neue Aufnahmen stattfinden zu lasten, während die Meldeliste die Namen von 79 Personen aufweist, welche sehnsüchtig harren, in die Anstalt ausgenommen zu werden. — Diese Thatsachen haben die Gemeindebehörden veranlaßt, den Bauplatz zu dem zweiten Anbau kostenfrei herzugeben, und haben Herr Moritz Mannheimer und seine Gattin Frau Bertha Mannheimer, geb. Lehweß, in hochherziger Weise beschlosten, auch den zweiten Anbau an die neue Anstalt zu errichten und diesen Anbau schon im Frühjahr dieses Jahres in Angriff zu nehmen. Paris,. 15. April. Das israelitische Central-Consistorium Frankreichs bestätigte gestern einmüthig die Wahl des bisherigen Großrabbiners von Brüstel, Herrn Drei)fuß, zum Großrabbiner von Paris. Die gegnerische Partei hatte noch einmal alle Hebel angesetzt, um die Beförderung eines Mannes zu hintertreiben, an dem der Makel hastet, daß sein hochbetagter Vater im Elsaß bei seiner Gemeinde geblieben ist. Der Abg. Camille Dreh fuß und Andere wollten durch ihre diesbezüglichen Erklärungen Nachweisen, daß die Juden heute nicht mehr, wie früher, den Vorwurf verdienen, sie seien international, d. h. zuerst Juden und dann auch Deutsche, Franzosen oder Portugiesen. Aber das Konsistorium ging darauf nicht ein. Feuilleton. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben in Galizien vor fünfzig Jahren von Nathan Samuely. (Fortsetzung.) Der Transport, der uns entgegenkam, war am wenigsten geeignet, die trübe Stimmung Rachcle's zu zerstreuen. Grosze, gedeckte Wagen, die hinter den hetmkehrenden Kriegern herrasseltcn, waren voll mit Verwundeten. Viele, die in strotzender Gesundheit ihr Heim verlassen, kehrten als Krüppel zurück, ohne Hände, ohne Füße, mit halbzerrissenen Leibern. Jankele war mit diesem ersten Transporte nicht angelangt. Rachele wurde seit damals nicht müde, jeden Tag, geschmückt in ihrem Hochzeitskleid, den heimkehrenden Soldaten entgegen zu gehen, in der Hoffnung, daß mit ihnen ihr Jankele anlangen werde. Jeden Tag kehrte sie düsterer nach Hause zurück, aber sie versäumte nicht, trotzdem tags darauf sich abermals zu schmücken und denselben Weg zurückzulegen. Es ward uns immer banger, unheimlicher zu Muthe. Unterdessen nahm unsere traurige Beschäftigung immer mehr zu, denn mit den heimkehrenden Soldaten zog auch jene Krankheit in die Stadt, die nach jeder Schlacht die blutige Nachlese bildet, die Cholera. Seit jener Zeit brachte meine Frau die Tage und Nächte im jüdischen Krankenhause zu, um theils die Kranken zu pflegen und theils auch die Ausstattung der vielen Todten, die mit jedem Tage sich häuften, zu besorgen. Da geschah es an einem jener Tage, während unser Rachele, geschmückt wie immer, sich auf ihren täglichen Gang vorbereitete, daß die Thüre meiner Wohnung stürmisch aufgerissen wurde und ein Krankenwärter mit dem Rufe hineinstürzte: „Um Gotteswilleu, eilen Sie, Ihre Frau liegt im Sterben!" Mehr sah, mehr hörte ich nicht, ich stürzte fort und hinter mir her Rachele ins Krankenhaus. „Wo ist meine Frau?" Mit diesem Rufe stürmte ich in's Vorzimmer hinein. „In der Todtenkammer", war die brutal kurze Antwort. Nicht Füße, sondern Flügel trugen mich hin.In der Todtenkammer lagen viele Leichen nebeneinander. In meiner Verwirrung konnte ich keine einzige unterscheiden, alles drehte sich mit nlir und vor meinen Augen lag es, wie ein dichter Nebelflor. Da stieß Rachele plötzlich einen furchtbaren, gellenden Schrei aus, der einen Namen nannte, aber es war nicht der meiner Frau, sondern der meines Sohnes: Jankele. Ich packte mich an der Brust und fuhr entsetzt zurück, denn in diesem Augenblick gewahrte ich zwei Leichen — meine Frau, zu Füßen unseres Sohnes Jankele. Was mit mir und mit meiner Rachele den ganzen Tag weiter geschehen ist, weiß ich nicht mehr, ich weiß nur, daß ich an demselben Tage zwei der mir auf Erden Theuersten, mein Weib und mein einziges Kind, in den Sterbegewändern gekleidet sah, die ich mit meinen Händen genäht und angefertigt habe. Ich weiß nur, daß ich und Rachele diesen beiden Leichen auf den Friedhof folgten, wo man sie in zwei nebeneinander befindliche Grüfte hinabsenkte. Erst später erfuhr ich das Nähere; Jankele wurde auf seinem Heimwege in einem Treffen mit einer feindlichen Compagnie tödtlich verwundet und als Todter in die Stadt gebracht. Meine Frau, die ihn urplötzlich gewahrte, starb an einem Herzschlag. So ging die unheimliche, furchtbare Prophezeiung in grausige Erfüllung: mit meinen Händen nähte ich dem einzigen Kinde das Todtengewand.