Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1891-05-07 · Heft 36 (7.5.1891) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 36 (7.5.1891)
Date
1891-05-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448122-2448156--32055-2479883
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

670 ben und nicht eingelöst seien, die er Herrn Liebermann zur Verfügung stelle. Herr Liebermann machte hier den Zwischenruf: „Lüge." Beim Beginn der gestrigen Sitzung gab Herr Liebermann v. Sonnenberg vor der Tagesordnung eine Erklärung ab, welche die Affaire mit den nicht eingelösten Ehrenscheinen in einem milderen Lichte erscheinen lassen und ihn gewissermaßen als dasOpfer jüdischer Wucherer hinstellen soll. Die Erzählung machte einen fast melodramatischen Eindruck; verschmähte es doch dieser Herr gar nicht, die ehrwürdige Gestalt des verstorbenen Kaisers heraufzubeschwörcn, der ihm in Gnaden den Abschied ertheilt habe. Man könnte fast Sympathie bekommen mit dem antisemitischen Agitator, dem der Antisemitismus übrigens seine Schulden bezahlt hat, wenn — die Geschichte wahr wäre. Das ist sie nicht; denn aus den gerichtlichen Akten, die der schnell noch herbeigcholte Abg. Münch auf den Tisch des Hauses niederlegte, geht zweifellos hervor, daß die verfallenen Ehrenscheine des Herrn von Liebermann, die im Original Vorlagen, uneingelöst geblieben sind; und daß es nicht wahr ist, daß er für den Kameraden jüdischer Abstammung die Verbindlichkeiten eingegange.l ist, deren Einlösung er sich daun entzogen hat. In den Augen Derer, die bisher mit Herrn v. Liebermann umgingen, wird ihm wahrscheinlich auch das nicht schaden; denn wir sind längst gewöhnt, daß ein lungenkräftiger Antisemitismus moralischen Makel deckt. Auch die gestern fortgesetzte Berathung des Justizetats im Abgeordnetenhause stand unter dem unsere Zeit keineswegs verschönernden Zeichen jener Hetzbeweguug, welche der unvergeßliche Kaiser Friedrich, da er noch Kronprinz war, als eine „Schmach" bezeichnet hat. Freiherr v. Hammerstein wußte einen Tropfen ätzenden Giftes in die ohnehin schon gährende Diskussion zu werfen. Er verlangte, daß das Verfahren des Oberlandesgerichtspräsidenten in Celle hinsichtlich der Hildesheimer Angelegenheit vom Minister rectificirt werden möge. Es handelt sich bekanntlich dabei um die Versetzung einiger Referendare von Hildesheim, welche sich geweigert hatten, einen jüdischen Referendar an ihrem Mittagstisch theilnehmen zu lassen. Der Minister v. Schclling erklärte mit einer nicht zu überbictenden Loyalität, daß er im Prinzip dem Verfahren des Oberlandesgerichtspräsidenten zustimme. Ja, er fügte noch ausdrücklich hinzu, daß es eine Aufgabe der Justizverwaltung sei, jedem Anzeichen unkollcgialischen Verhaltens gegenüber jüdischen Referendaren entgegenzutreten. Dagegen nahm der Minister keinen Anstand zu erklären, daß er sich nicht durchaus mit dem Verfahren „identifiziren" könne. Die Referendare hätten vorher zu ihrer Verteidigung vernommen werden sollen. Indessen an eine nachträgliche Zurückversetzung der betreffenden Referendare könne jetzt nicht gedacht werden. An der Haltung dieses ungemein konservativen Herrn Justizministers v. Schelling könnten unsere antisemitischen Hetzer lernen, wie man „objektiv" — um mit dem Abgeordneten Stöcker zu reden — denkt und handelt. Einen unerwarteten Bundesgenossen erhielten die Herren Stöcker und Hammerstein an dem Centrumsmitgliede Brandenburg, der sein Bedauern darüber ausdrückte, daß die Justizverwaltung jüdische Elemente aufnehmen müsse. Als der Fraktionsgenosse desselben, der Abgeordnete Boedicker sich beeilte, Namens des Centrums die Erklärung abzugeben, daß dasselbe allen antisemitischen Bestrebungen abhold sei, da meinte Herr Brandenburg ganz naiv: „er habe keine antisemitische Rede halten wollen." Der nationalliberale Abgeordnete Luprecht bedauerte, daß die Angelegenheit überhaupt in dieser Weise tu die Debatte hinein gezerrt worden sei. Der Antisemitismus sei unchristlich, denn er widerspreche dem christlichen Hauptgrundsatze der Nächstenliebe. Daß der Abgeordnete Stöcker die Erklärung des Ministers als eine solche bezeichnte, welche im Lande nicht verstanden werden würde, kann Niemanden verwundern. Das Land wird die Haltung des Ministers um so besser verstehen und um so mehr schätzen, je weniger dies beim Abgeordneten Stöcker der Fall ist. Schließlich unterwarf der Abgeordnete Mnnckel das ganze Verhalten der Abgeordneten Stöcker und v. Hammerstein in dieser Angelegenheit einer wahrhaft vernichtenden Beurtheilung und er blieb auch dem überaus unklar empfindenden nächsten Redner Abgeordneten Brandenburg die gebührende Abfertigung nicht schuldig. Sehr zeitgemäß war es, daß der Abgeordnete Rickert bei dieser Gelegenheit an ein Wort des verewigten Windihorst aus dem Jahre 1868 erinnerte. Dieser vorurtheilsfreie Centrumsführer erklärte damals, daß es für Deutschland unzulässig sei, dem religiösen Bekenntnisse irgend welchen Einfluß auf die öffentliche Stellung seiner Bürger zu verstatten. Rickert erklärte aber dann mit aller Zuversicht, daß die Versuche gewisser Leute, die Grundlage unseres Verfassungslebens zu erschüttern, vergebliche sein und bleiben werden. Aus Baden. Es ist ein wonniges Gefühl, das einen beschleicht, wenn man wahrnimmt, wie in Baden unsere Glaubensgenossen vom Großherzog und der Regierung, dieselbe Behandlung erfahren, wie die Christen. Gerade wollte ich Ihnen berichten, daß Referendar Dr. Kahn aus Mannheim zum Amtsrichter in Bretten und der Lehramtspraktikant Dr. Max Bodenheim er dem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.