Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 34-35 (4.5.1891)
- Date
- 1891-05-04
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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662 (z) Pitschen (O.-S.) Die hiesige jüdische Gemeinde besteht nur noch aus 3 männlichen Haushaltungsvorständen und 7 Wittwen. Flensburg. Ein sehr interessante Verhandlung, der eine unerhörte Denunciation zu Grunde lag, fand, wie wir einem Hamburger Blatte entnehmen, dieser Tage vor dem hiesigen Landgericht statt. Acht Gemeindevertreter von Nordftrand, angesehene und begüterte Männer, darunter Amtsvorfteher v. Oldenburg, richteten vor längerer Zeit eine von schweren Beschuldigungen gegen den Gemeindervorfteher und Kaufmann Jakobsen strotzende Beschwerde an die Regierung zu Schleswig und ersuchten um Absetzung des Genannten und Einleitung des Dieciplinarverfahrens gegen denselben, indem sie behaupteten, Jakobsen habe Urkundenfälschung, Betrug und Unterschlagung begangen, seinen Diensteid verletzt, seine Amtspflichten nicht erfüllt und öffentlich ein scandalöses Leben geführt. Die Regierung entsetzte indeß Jakobsen nicht seines Amtes, vielmehr wurde auf Anregung des Landraths in Husum gegen den Pastor Spreut von Nordftrand als Verfasser des Schriftstücks und die acht Gemeindevertreter Klage erhoben. Die Verhandlungen dauerten zehn Stunden; mehr als 30 Zeugen waren geladen. Die Angeklagten bemühten sich, die Wahrheit ihrer Beschuldigungen nachzuweisen, dies mißlang ihnen indeß vollständig, da nicht der geringste stichhaltige Grund für die unerhörten Beschuldigungen nachweisbar war. Die acht Gemeindevertreter wurden zu je 300 Mark Geldstrafe, bezw. 20 Tagen Gefängniß verurtheilt; nur Pastor Spreut wurde wegen mangelnden Beweises freigesprochen. Schmieheim, 27. April. Haben wir täglich darauf Bedacht zu nehmen, den antisemitischen Strömungen der Zeit einen Damm entgegenzusetzen, so können wir das von Moritz Baum herausgegebene und in dessen Selbstverlag in Frankfurt a. M. in 3. Auflage erschienene Büchlein „Ein wichtiges Kapitel 2c." nur willkommen heißen. Die Broschüre, die den bekannteu z. Z. zu Bonn a. Rh. und Münster i. W. verhandelten Preßprozessen ihre Entstehung verdankt, hat insbesondere durch zahlreiche Gutachten hervorragender Talmudgelehrten der Neuzeit einen bedeutsamen Appendix erhalten und verdient in ihrer neuesten Fassung erneutes Interesse. Ein Anspruch auf besondere Beachtung ist u. a. den Gutachten der Herren Rabbiner Dessauer-Meiningen, De utsch-Sohrau, Dusch a l'-Krakau, Rawicz-Schmieheim und Salzberger-Eulm zu vindiziren. Wer die geringen Kosten nicht scheut', um sich in den Besitz des gedachten Büchleins zu setzen, wird die Ueberzeugung gewinnen, daß es Treffliches birgt; es wird ihm künftig nicht schwer halten, den Gegnern des Judenthums, die von jeher den alle Phasen jüdischen Lebens und Denkens behandelnden Talmud zur Zielscheibe ihrer Angriffe machen und auf diesem Wege den Anhängern desselben gleichsam einen traditionellen Makel anheften wollen, rückhaltlos die Stirne zu bieten. Es ist zu wünschen, daß das Büchlein, dem eine große Verbreitung von Herzen zu gönnen ist, seine Mission erfüllen möge, „eine Schutz- und Friedensschrift zu sein", daß man allgemein zur Einsicht gelange, daß es eine Brutalität ist, lediglich aus Unkenntntß der Sache die Bekenner des jüdischen Glaubens einer traditionellen Inhumanität und Intoleranz zu zeihen. Eßlingen. Nunmehr hat auch in Württemberg der Antisemitismus seine verhetzende Thätigkeit begonnen. Auf Einladung des „deutsch-sozialantisemitischen Vereins" in Stuttgart, sprach Dr. Böckel am 13. April in der Landeshauptstadt und am 14. in Eßlingen. Beide Versammlungen waren zahlreich besucht, ganz besonders von Israeliten und Sozialdemokraten. In Stuttgart ging es wenigstens ruhig zu. Nicht so ruhig und friedlich verlief die hiesige Versammlung, wo eine Diskussion erlaubt war. Nachdem Dr. Böckel unter neuer Ueberschrift seine Stuttgarter Leistung wiederholt hatte, wobei sich starker Widerspruch der Versammlung geltend machte, so daß der Vorsitzende Mühe hatte die Ruhewieder hcrzustellen, und sogar der anwesende Polizeikommissär eingreifen mußte, wurde von 2 sozialistischen Rednern energisch Protest gegen die Ausführungen Böckels, sowie gegen die versuchte Störung des konfessionellen Friedens der Stadt erhoben, als Böckel dann in seiner Entgegnung die Frage durchblicken ließ, ob er ein zweitesmal hier auftreten solle, antwortete ihm ein vielhundertstimmiges Nein. Sein hiesiges Debüt bedeutet unstreitig ein Fiasko. Der Vorstand des „allgemeinen Bürgervereins" hatte Tags zuvor in einer öffentlichen Bekanntmachung gegen die Versammlung protestirt. Aber unwillkürlich muß sich jedem Menschenfreund die bange Frage aufdrängen: Was soll daraus werden, wenn von oben herab einem solchen Treiben nicht Einhalt gethan wird? Nicht überall, wo antisemitische Hetzer ihre Saat ausstreuen, ist man im Stande, ihr Lügengewebe zu durchschauen, nicht überall finden sich Männer, die es mit dem Schwerte der Wahrheit durchhauen können oder wollen. Viele Tausende nehmen das, was sie gehört, als baare Münze auf und tragen das Gift des Judenhasses zeitlebens in ihrem Herzen. Wohin soll das führen, wenn man an zuständiger Stelle das alles ruhig geschehen läßt?