Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 34-35 (4.5.1891)
- Date
- 1891-05-04
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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661 Gott mir zum Siege verhilft, so will ich Europa beweisen, wie dankbar sich ein Kaiser gegen die Juden, Ihre Stammesgenossen, zeigt. Ich werde Europa Vorschriften machen und die Gefahr aufheben, in neue Barbarei zurückzusinken. Hat Ihr Volk die Finsternitz des Mittelalters überstanden, so soll dieser Krieg dazu dienen, alle barbarischen Völker in Civilisirung zu versetzen! Wer könnte wohl glauben, datz es möglich ist, wenn man im Jahre des Heils 1812 noch Abneigung gegen die Juden hat. Was soll der große Kampf der Menschen, der Krieg des Glaubens, welcher im Innern die Staaten zerrüttet! Ich habe mich längst über die Leidenschaften der christlichen Welt durch eigene Anschauungen emporgehoben. Noch viel Blut muß vergossen werden, ehe auch die Juden aller Länder Europas die Sonne der Freiheit schauen! In Meiner Lage muß Ich viele Interessen ausgleichen und Pflichten erfüllen. Hätte Ich die Welt regiert, dann wären die Juden weiter! Es ist wahr, mein Herr, Ich liebe Ihre Nation: Seit zwanzig Jahren erblicke Ich Ihre Kaufleute an Meiner Seite, auf den Schlachtfeldern Italiens und in den Gefildern Spaniens hat mancher Jude für Frankreichs Größe sein Leben gelassen. Ich billige es, wenn Sie auch in Preußen nach Rechten streben. Preußen hat große Pfaffenmacht, das ist schlimm. Ich gebe meine Zustimmung zu den Anstrengungen, die Sie beginnen wollen. Alles, was in meiner Macht liegt, werde ich thun, Ihre Beschlüsse zu unterstützen. Sind Ihre Anstrengungen einstimmig, dann können Sie die Hoffnung hegen, die Deutschen zur Anerkennung Ihrer Rechte zu zwingen. Völker genug sind durch unermeßliche Grausamkeit, an den Juden verübt — nicht ohne jegliche Berechtigung zu Grunde gegangen. — Man hat in die Welt hinausposaunt, Ich habe die Aeußerung gethan: „Die Juden sind die Raubritter unserer Zeit." Welch' eine schimpfliche Lüge! Mein Gott, was soll Ich in letzter Zeit nicht Alles gesagt und geschrieben haben. Jetzt, mein Herr, habe Ich Ihnen einige Mittheilungen gemacht, die Ihr Herz erfreuen werden. Wahrlich, wie Ich geschrieben, so denke Ich! Der Kaiser Frankreichs ist dankbar! Alle Lieferungen schnell nach Kowno. Gehen Uns die Gelder aus, so gilt Mein kaiserliches Wort: Ich zahle bald jede Forderung! Mein Herr, Ich habe die Ehre Napoleon." Kowno, am 18. Mai 1812. Dieser Brief ist grundhistorisch, denn er entstammt einer zuverlässigen Quelle. Graf von Segur hat selbst im Dienste Napoleon's gestanden und dessen letzte Feldzüge mitgemacht. Napoleon sah ein, wie er die Juden am ehesten für sich gewinnen konnte. Viele Historiker deuteten seine Zuneigung für die Juden falsch. Napoleon sah klar, daß alle Menschen Menschenrechte haben müßten. Er hat nur in Folge seiner guten Erfahrungen mit den Juden oft und vielfach seine Stimme zu Gunsten der Juden erhoben. Auch deutsche Juden haben im großen Befreiungskrieg des Jahres 1813 ihr Leben, ihr Vermögen gelassen, um der heiligsten Verpflichtung nachzukommen, das Vaterland zu stützen. Jüdische Wohlthätigkeit und jüdischer Opfermuth haben wahrlich von jeher genug Großes geleistet, daß die Weltgeschichte späterhin die moderne Judenfeindschaft, die man „Antisemitismus" nennt, in jeder Hinsicht verurtheilen muß. Dann wird wohl auch einstens der edlen Arbeit des Herrn Fritsch gedacht werden, die nicht nur unnütz, sondern auch —ungefährlich war, wohl aber Nahrung brachte. Das ist auch die Hauptsache gewesen. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschl and. Berlin. Allen Ernstes wird im „Volk" der Nachweis geführt, daß die Juden es seien, welche an den vielen Hals- und Lungenkrankheiten schuld sind. Die Sache ist sehr einfach. Die Juden beherrschen, wie alle anderen Dinge, auch die Mode, und da sie nebenbei sehr sinnlich sind, so zwingen sie die armen Germanen, eng anschließende und weit ausgeschnittene Kleider zu tragen, wobei sich diese die Lungen einquetschen und den Hals erkälten. Aber auch den christlich-germanischen Magen ruiniren sie systematisch mit den Kochbüchern, die meist von Jüdinnen verfaßt sind, und dem darin beschriebenen von jüdischem Ritus beeinflußten sogenannten „feinen" Essen. - Posen, im April. In Pinne kommt nächstens ein eigenthümlicher Prozeß zur Verhandlung, auf dessen Ausgang man allgemein gespannt ist. Einem Mitgliede der israelitischen Gemeinde in unserer Nachbarschaft wurde nämlich aus dem Grunde, weil dasselbe von auswärts „koscheres" Fleisch einbrachte und noch bringen läßt, ohne hierfür an die dortige Gemeinde die übliche Fleischsteuer zu entrichten, trotzdem dasselbe hierzu aufgefordert worden, seitens des Korporationsvorstandes nicht nur die „Ehrenrechte" in der Synagoge entzogen, sondern es wurde auch dem Kultusbeamten (Schächter) untersagt, für das erwähnte renitente Mitglied Geflügel zu schlachten. Der hiervon Betroffene wandte sich deßhalb mit einer Beschwerde an die Regierung in Posen und wurde dahin beschieden, daß ihm in der Sache nur der Weg der Klage übrig bleibe. Diesen Weg hat er nun beschritten, indem er die drei Vorstandsmitglieder verklagte und die Aufhebung der gegen ihn erlassenen Verbote beantragte. — Nach einer schon vor einer langen Reihe von Jahren ergangenen Verfügung der Regierung in Posen befaßt sich dieselbe mit Kultusangelegenheiten der israelitischen Gemeinde überhaupt nich't, sondern überwacht ausschließlich die Korporationsangelegenheiten an sich. Den Korporationsvorständen ist sogar die Befugniß eingeräumt worden, falls in Kultusangelegenheiten Anordnungen getroffen werden, welchen keine Folgen gegeben wird, dem betreffenden Mitgliede die Tempelehrenrechte, wie solche bei den Israeliten üblich sind, zu entziehen. Es ist nunmehr abzuwarten, welche Entscheidung das Gericht fällen wird.