Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 34-35 (4.5.1891)
- Date
- 1891-05-04
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448122-2448155--32037-2479864- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
653 Prinzipien der reinen Orthodoxie durchaus nicht in Collision geräth. Von seinem Werke: „vnn nnw o"p", das hier im Verlage der bekannten Müller'schen Universitätsbuchhandlung (Laudongasse) in fließendem Hebräisch erscheint, liegen uns die ersten 3 Bogen vor. Eine ausführliche Rezension über dieses lehrreiche Werk uns vorbehaltend, wollen wir vorläufig nur bemerken, daß Herr Weiß bereits bei anderer Gelegenheit der ganzen Horde der sogenannten „Bibel-Kritiker" gründlich heimgeleuchtet hat. Nun rückt er gegen die vagen Behauptungen des Herrn Dr. Grätz und Consorten betreffend die Entstehung des Sohar mit Waffen aus, die ihm den vollsten Sieg sichern. Leo Eisler, Sekretär des orth. „Atereth-Zekcnim--Vereinks." Frankreich. Paris. Am 2. April waren es hundert Jahre, daß der berühmte Graf von Mirabeau gestorben. Wir Juden haben besonders Ursache dieses großen Geistes in Verehrung zu gedenken. Im Jahrhundert der Humanität, wie das 18. Jahrhundert genannt wird, ist zwar die Forderung der bürgerlichen Gleichstellung der Juden von vielen Seiten gestellt worden, von keiner Seite jedoch so begeistert für die Sache und so beredt in ihrem Dienste wie von Mirabeau. Er war es, der mit all' seiner Macht in Wort und Schrift für die Juden eintrat. 1785 mit dem Gesandtschaftsposten in Berlin betraut, fand Mirabeau Gelegenheit, das epochale Werk Dohm's „Ueber die bürgerliche Verbesserung der Juden" und Mendelssohn's 'Leben und Werke kennen zu lernen und gab für seine Landsleute ein Buch über diesen jüdischen Philosophen und die bürgerliche Stellung der Juden heraus. „Wollt Ihr", ruft er in dieser Schrift aus, „daß die Juden bessere Menschen und nützlichere Bürger werden? Verbannet aus der Gesellschaft jeden sie erniedrigenden Unterschied; eröffnet ihnen alle Mittel des Unterhalts und des Erwerbs." „Hat man doch nicht aufgehört", sagt er an einer anderen Stelle, „den Juden ihr Unglück als ein Verbrechen anznrechnen". — „Wir wollen einmal", fährt er fort, „die Vorwürfe, welche man der jüdischen Nation macht, für erwiesen annehmen. Der Stand der Unterdrückung, in welchem diese Nation lebt, erklärt sie alle, ja er gibt sogar Gründe zu weit größerer Verderbniß. Alle anständigen Erhaltungsmittel sind dem Juden untersagt, wie sollte er nicht zur Unredlichkeit und zum Betrüge schreiten? Die Gesetze erlauben ihm kaum das Dasein, wie sollte er sie für sich verpflichtend halten? Wer kann mit Recht Tugenden von ihm fordern, 'wenn man ihn deren nicht für fähig hält? Warum wirft man ihm die Fehler vor, zu deren Begehung man ihn zwingt?" — „Verschließt Euch nicht länger", apostrophirt er die Regierungen, „den Forderungen der Billigkeit, gebet dem Juden seine Menschenrechte wieder. . . Die Erwartung des Messias wird ihn sicherlich nicht daran hindern, ein guter Bürger zu werden, und seine Pflichten als solcher getreulich zu erfüllen." Feuilleton. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben in Galizien vor fünfzig Jahren von Nathan Samrrely. r Fortsetzung.) Zwölftes Kapitel. Die ganze Nacht und den Vormittag des nächsten Tages lag die arme Rachele in einem völlig bewußtlosen Zustande in der Wohnung der Nachbarin. Das hatte sie in der That wenig zu bedauern. War ihr ja dadurch ein Anblick erspart, vor dem mir noch jetzt graut, wenn ich mich seiner erinnere. Sie sah nämlich nicht, wie der Todtengräber fom, um das tobte Kind abzuholen. Erst gegen Abend schlich Rachele ins Zimmer. Mit geisterhaften, glanzlosen Augen spähte sie im Zimmer umher und dann trat sie mit unheimlicher Geberde vor mich hin. „Vater, wo ist mein Goldele?" fragte sie mit hohler, tonloser Stimme. „Dein Goldele," erwiederte ich, und die heißen Thränen rollten mir die Wangen hinab, „Dein Goldele ist im Himmel." „Im Himmel", wiederholte sie, und kein Wort kam mehr über ihre Lippen. Stille ließ 'sie sich auf einem Fußschemel nieder, barg den Kopf in ihre Hände und saß, ohne nur ein Wort zu sprechen. Keine Thräne feuchtete ihre Augen, kein Seufzer hob ihre Brust. Dabei war sie gefügig, wie ein willenloses Kind. Sie aß, wenn wir ihr Essen vorsetzten, sie trank, wenn sie dazu aufgefordert wurde, sie legte sich ins Bett, stand auf, that Alles, was wir von ihr verlangten. Am sechsten Tage überreichte mir der Briefträger ein Schreiben für Rackiele. Die Schriftzüge verriethen mir, daß es von Jankele kam. „Rachele! Hier hast Du einen Brief von Deinem Mann", sagte ich, ihr das Schreiben überreichend. Sie starrte mich au, und ließ dasselbe schlaff in ihren Schooß fallen. „Von Jankele einen Brief", wiederholte ich, indem ich ihn von ihrem Schooße aufhob und ge-