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Der Israelit · 1891-05-04 · Heft 34-35 (4.5.1891) · page 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 34-35 (4.5.1891)
Date
1891-05-04
Page
– (sequence 20)
Language
German
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öffnet ihr nahe vor die Augen hielt. Da zuckte es plötzlich wie Leben in ihrem Gesichte, und die Starrheit ihrer Glieder wich einem Schauer, der wie ein elektrischer Strom durch ihr ganzes Wesen fuhr. Rasch, niit ungeahnter Hast nahm sie mir den Brief aus den Händen. Darauf sah ich sie eine Stunde hintereinander in dem Brief lesen, immer aufs Neue beginnend, und mit jedemmale belebten sich ihre Züge mehr. „Jankele fragt, was unser Goldele macht", sagte sie mir eine Stunde später und jäh zeigte sich eine große, blinkende Thräne in ihren Augen, welche uns wie der erste Regentropfen in einer Zeit schrecklicher Dürre erschien. An demselben Tage schrieb sie an Jankele einen Brief. Er war fast unlesbar, so hatte sie ihn mit ihren Thränen übergoffen. Goldele, schrieb sie dem Gatten, schlafe gerade, während sie den Brief schreibe. Gleichfalls an demselben Tage legte sie sich ihre Sachen auf dem Nähtischen zurecht und begann mit einem Eifer und einer Emsigkeit zu arbeiten, als wollte sie ihre traurigen Gedanken in ein Meer von Arbeit versenken, was ihr jedoch nicht gelingen wollte, denn fast mit jedem Nadelstiche rollte eine Thräne aus ihren Augen. Sie sprach äußerst selten und auch daun nur das Unentbehrlichste. Nur wenn ein Brief von Jankele anlangte, erschien ein Lächeln auf ihren Lippen, ein stilles, seliges Lächeln, wie das einer Verklärten. In keinem Brief versäumte Jankele, sich nach dem Kinde zu erkundigen, immer blieb ihre Antwort die gleiche, das kleine Goldele schlafe, während sie den Brief schreibe, gar süß und selig. In einem seiner Briefe theilte Jankele mit, daß er bereits eine Schlacht mitgemacht habe, daß er wegen seiner tapferen Haltung dekorirt wurde und im Militärrauge eine Stufe höher gestiegen sei. An jenem Tage wollte das selige Lächeln gar nicht mehr von ihren Lippen weichen, es geschah sogar etwas, was uns in dem ersten Augenblicke hoch erfreute, Rachele summte während der Arbeit ein Liedchen vor sich hin. Doch als wir aufmerksamer lauschten, mußten wir erschrecken, denn es war jenes Wiegenliedchen, mit welchem sie ihr Goldele cinzuschläferu pflegte. Das wiederholte sich daun sehr oft. Mitten in der Nacht, zu welcher Zeit sie meistens noch bei ihrer Arbeit saß, klang nicht selten jenes Liedchen gar tief und feierlich zu uns in das Schlafgemach hinüber. Einmal machte ich eine Wahrnehmung, die mich in noch größere Angst versetzte. Rachele sang wieder während der Arbeit jenes Liedchen und dabei hob und senkte sie ihren rechten Fuß, wie wenn sie eine Wiege schaukeln würde. Gerade um jene Zeit hatten wir die Hände voll zu thun, und es war eine traurige Arbeit, die wir zu verrichten hatten. Der Kriegschauplatz befand sich nämlich nicht weit von unserem Städtchen, und viele Privathäuser wurden als Spitäler verwendet, die sich mit jedem Tag mehr mit verwundeten Kriegern füllten, darunter auch viele jüdische, von welchen die meisten ihren gräßlichen Wunden erlagen. Das forderte die ganze Thätigkeit unseres Berufes. Just au einem jener Tage erhielt Rachele ein Schreiben von Jankele doppelt freudigen Inhaltes. „Ich habe bereits drei Schlachten mitgemacht," theilte er ihr mit, „die Kugeln umsausten von allen Setten mein Haupt, manche derselben pfiffen hart an meinem Ohr vorüber, aber Gott, in Seiner Barmherzigkeit, hat immer die tödtliche Kugel von mir abgewendet. Wie der Oberst mir heute sagte, ist die beste Aussicht vorhanden, daß ich nächsten Sonntag schon bei Dir sein werde. Wie wird das luftig zugehen! Aber Du wirst doch, lieb' Rachele, Dein Versprechen halten und mir entgegenkommen! Nicht?" Wie ein neuer Geist kam es über Rachele nach dem Lesen dieses Briefes. Sie schien aufeinmal Flügel und tausend Arme erhalten zu haben, so sehr rührte, regte sie sich und flog hurtig im Zimmer umher. Aus allen Winkeln lachte es. Ihre säubernden Hände zauberten in dem kleinen Raume tausend Lieblichkeiten hervor. Natürlich hielt sie ihr Versprechen. Am darausfolgenden Sonntag fing sie schon frühmorgens an, sich für den Empfang ihres Mannes zu schmücken, ganz, wie sie ihm versprochen, in dem schönen weißen Hochzeitskleid, in welchem ihre zierliche, schlanke Gestalt sich doppelt reizend ausnahm. Wir, meine selige Frau und ich, schloffen uns ihr an, um mit ihr den Weg zur Stadt hinaus zu machen, wo die Transporte der heimkehrenden Soldaten anzulangen pflegten. Rachele strahlte vor Freude, aber in dem Augenblicke, wo sie das Zimmer verlassen sollte, wandte sie bei der Thürc den Kopf um und ließ den Blick wie suchend im Zimmer Herumschweifen. „Wen suchst Du?" fragte ich. „Mein Goldele", erwiederte sie, während Leichenbläffe ihr Antlitz überflog. „Ich habe ihm ja versprochen, sie mitzunehmen." „Was sprichst Du, mein Kind?!" wies ich sie zurecht, während das rasendste Weh mir das Herz zusammenschnürte. Sic erwiederte nichts, sondern strich sich mit der Hand über die Stirne und ging dann stille neben uns her. (Fortsetzung folgt.)

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