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Der Israelit · 1891-05-04 · Heft 34-35 (4.5.1891) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 34-35 (4.5.1891)
Date
1891-05-04
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Regierungskommissar Junkers wiederholt, daß der Breslauer Oberlandesgerichtspräsident konfessionell und politisch keine Stellung habe nehmen, sondern nur eine Verwaltungsmaßregel habe treffen wollen. Im Verlause der weiteren Debatte kommt Stöcker auf den Breslauer Fall zurück; er belobt den Muth des Oberlandesgerichtspräsideuten; denn heute gehöre Muth zum Vorgehen gegen die Juden. So wie er dächte die große Mehrheit des Volkes. Muuckel (freks.) wundert sich über diesen Beifall bei den Konservativen. Es entwickelt sich eine zugespitzte Auseinandersetzung zwischen Stöcker und Munckel, die reich an persönlichen Ausfällen ist. Der Prozeß Böckel-Witte, Stöckers Eiduuglück u. s. w. kommen zur Sprache. O e st c r r. - U n g a r. Monarchie. Budapest. Jene illustre Gesellschaft, welche vor Jahren in Ungarn an der Spitze der sogenannten antisemitischen Bewegung stand, ist längst durch den öffentlichen Ekel hinweggefegt worden und wagt jetzt kaum mehr ein Lebenszeichen von sich zu geben. Nur ein Repräsentant ist noch verblieben, das ist der Pater Komlossy, der auch Mitglied des Abgeordnetenhauses ist, woselbst er als „Wilder" eine von aller Welt ignorirte Stellung einnimmt. Neuestens hat der brave Manu aber doch wieder das Bedürfniß empfunden, von sich reden zu machen. Er pilgerte nach Rom, wo er angeblich durch den Papst empfangen worden sein soll. Heimgekehrt, suchte er das durch diesen Empfang gewonnene Prestige sofort zu fructificireu und berief eine Versammlung der katholischen Lehrer Ungarns ein, die unter seinem Präsidium berathcu sollte — in welchem Geiste und zu welchem Zwecke, braucht wohl nicht erst gesagt zu werden. Lehrer haben sich nun allerdings nicht gemeldet, dagegen meldeten sich in der Sache zum Worte — ein Cardinal und ein Erzbischof. Der Cardinal ist der geniale Dr. Haynald voll Kalocsa, der Stolz und der Liebling aller ungarischen Katholiken. In einem Hirtenschreiben verbot der greise Kirchensürst den Lehrern der Diöcese die Theilnahme an der durch Komlossy cinberufeuen Versammlung, wobei er seine Meinung über den Herrn Einberuffr klar und deutlich, ganz unverblümt aussprach. Wenige Tage nach Veröffentlichung dieses Hirtenbriefes erschien ein weiterer Hirtenbrief, der dcil sittenstrengen Erzbischof von Erlau, Dr. Samassa, zum Verfasser hat. Bei dem Umstande, daß Dr. Samassa gegenwärtig dem Graner Bisthum a!s Stellvertreter vorsteht und aller Voraussicht nach zum Fürstprimas von Ungarn auserkoren ist, gewinnen seine Worte eine ganz besondere Bedeutung. Dr. Samassa sagt, er theile in jedem Belange die Meinung des Erzbischofs von Kalocsa und verbiete gleich diesem die Theilnahme an dieser Versammlung. Die Begründung dieses Verbotes ist für den letzten geistlichen Apostel des Antisemitismus uoch weniger schmeichelhaft, als die, mit welcher Dr. Haynald sein Verbot begleitete. (Oestr. Wschr.) Frankreich. Paris, 28. April. Baron Hirsch, welcher beschlossen hat, die aus Rußland auswandernden Juden in Ainerika anzusiedeln, hat einem Berichterstatter des „Newyork Herald" erklärt, daß die erste Kolonie in Argentinien angelegt werden soll, weil die dorthin gesandte Kommission ausgezeichnetes Ackerland gefunden habe; 400 Familien seien bereits in Argentinien als Ackerbauer angesiedelt und gedeihen gut; kein Geld werde für Handel gegeben. Im ersten Jahr sollen 1000, im zweiten 2000 und so fort bis 10.000 hingesandt werden. Sie werden zuerst Unterstützung erhalten, aber man werde natürlich versuchen, sie so bald als möglich selbstständig zu machen. Man habe zuerst an die Verein. Staaten gedacht, allein dort seien schon genug Juden. Tie Verfolgung der Juden in Rußland sei das Werk des Synod;, dessen Chef (Pobedonoszew) dem Zaren gesagt habe: „Sie haben 5 Millionen Juden und 85 Millionen orthodoxe Unterthanen. Tie Einen oder die Anderen müssen gehen." So wurden die Juden grausam aus allen Gewerben vertrieben, so müssen Tausende und Tausende in tiefstem Elende hungern — ein Zustand, wie er anderswo als in Rußland nicht Vorkommen könnte. Die russische Regierung wolle die Inden nur über die Grenze schaffen, nicht ihnen aber die Ueberfahrt bezahlen, weshalb das Passagegeld in den Ausgaben für den Kolonisationsplan einen bedeutenden Theil ansmachen werde. Er werde wahrscheinlich all sein Geld für diese Bewegung hingebcn, aber was helfe schließlich Geld, wenn man damit nichts Gutes anfange. Nach der „Pall Mall Gazette" will Baron Hirsch für seinen Plan 75 Mill. Francs verwenden. Rußland. Die Judenausweisu ngen nehmen in Rußland ungeheuere Dimensionen an. Wie dem „Standard" aus Petersburg telegraphirt lvird, hat der Zar selbst die Initiative zu der Ausweisung der jüdischen Handwerker aus Moskau ergriffen. Ter betreffende Ükas habe die größte Erregung unter den Mitgliedern des Reichsrathes und allen hervorragenden Beamten „außerhalb einer gewissen Partei" hervorgerufen. Wie die Moskauer „Deutsche Ztg." hört, wird zunächst der Modus bei Ausweisung der betreffenden Juden beobachtet werden, daß denjenigen, deren Pässe bereits abgelaufen sind, keine neuen Aufenthaltsscheine ertheilt werden, so daß dieselben also zunächst an die Reihe kämen. Die übrigen verlassen Moskau, falls nicht spezielle Bestimmungen über Einzelne getroffen werden, nach Maßgabe des Termins ihrer Anfenthaltsscheine. Frühere jüdische Soldaten, die sich nach Ableistung der Militärpflicht als Handwerker in Moskau niedergelassen haben, unterliegender neuen Maßregel nicht. Nach einer telegraphischen Mittheilung der „Daily News" aus Odessa müssen 100 bis 150 Juden täglich Moskau verlassen. Am Palmsonntag (26. April n. St.) waren cs 090 Juden, welche in Folge einer Polizei-Razzia abreisen mußten. Eine nächtliche Razzia in der Vorstadt Sarjadie vernichtete 100 Erislenzen. Tie Strenge, mit welcher die Verordnung ausgeführt wird, veranlaßt viele Juden, welche das Recht haben, in Moskau zu bleiben, freiwillig auszuwandern. Die russisch-nationalen Blätter hoffen, der „N. Fr. Pr." zufolge, von der zu gewärtigenden Wirksamkeit des Großfürsten Ssergei als Generalgouverneur von

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