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Der Israelit · 1891-05-04 · Heft 34-35 (4.5.1891) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 34-35 (4.5.1891)
Date
1891-05-04
Page
– (sequence 11)
Language
German
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645 doch spricht ihm noch heute jeder jüdische Mund sein: „Wie gut sind deine Zelte, Jakob, und deine Wohnungen, Israel!" nach. Wenn die orthodoxen Juden keine Juden nach dem Herzen des Herrn Stöcker sind, so liegt das nicht an den orthodoxen Juden, sondern an dem Herzen des Herrn Stöcker. In einem traurigen Jrrthum, über den uns die „Allg. Ztg. d. I." erst ausklären mußte, leben wir aber betreff dieses Punktes nicht. Mit den Schlußworten der „Allg. Zeitung des Judenthums" erklären wir uns einverstanden. Wenn es aber nach den alten Weisen kein höheres Gut als den Frieden gibt, warum haben ihn denn unsere neuen Weisen gebrochen? Wer hat denn den Frieden innerhalb der zeitgenössischen Judenheit gebrochen, wer bricht ihn denn täglich und stündlich, wer hat denn das Band gelockert, das uns brüderlich verbinden sollte, wer hat denn die Religion der Väter verlassen und sie der Reform bedürftig erklärt, waren und sind das die orthodoxen Juden? Wenn heute die Judenfeinde erklären würden, die orthodoxen Juden sind es, denen in Folge ihres treuen Festbaltens an ihrem Religionsgesetz der Kampf gilt, wie würden dann diese Friedensmahnungeu plötzlich verstummen und sich in ihr Gegentheil verwandeln'. Wir könnten ganze Bogen füllen, wenn wir die Aechtungen, Verdächtigungen und Denunciationen auch nur flüchtig scizziren wollten, mit welchen die Wortführer des Reformjudenthums damals die überschüttetem Aber es liegt und lag uns jeder Gedanke an einer solchen Repressalie fern. Wir haben vom ersten Augenblick dieses ganze Unterfangen der Antisemiten als ein Hinterpförtchen bezeichnet, durch das sie dem Verdikt der öffentlichen Meinung entschlüpfen möchten. Aber wir bleiben dabei: Das Vorhandensein des Reformjudenthu ms ist an und f iir sich ein größeres Unglück für nufere heilige, jüdische Sach e, alsAlles zusammengenommen, w as Antisemiten Wahres und Erlogenes in ihren Winkelblättchen ihrem minimalen Leserkreis auftischen mögen. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Darmstadt, 19. April. Am vergangenen Mittwoch hat der Schriftführer des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, Pastor emer. Lic. Graebner, hier einen öffentlichen Vortrag über den Antisemitismus gehalten, der einen wahrhaft glänzenden Erfolg hatte, Die Antisemiten bildeten ein volles Drittel der etwa 700 bis 800 Personen zählenden Versammlung, zu der die Sozialdemokraten ein weiteres Drittel gestellt hatten. Die Antisemiten waren in der ausgesprochenen Absicht gekommen, die Versammlung zu stören. Namentlich im Beginn des Vortrages unterbrachen sie den Redner durch wilden Lärm. Herr Graebner ließ sich aber dadurch nicht beirren und wußte durch seine ruhigen, streng sachlich gehaltenen Ausführungen einen immer lebhafteren Beifallssturm zu entfesseln, dem gegenüber der antisemitische Widerspruch allmählich vollständig verstummte. Für den Eindruck der Gräebner'schen Rede ist es bezeichnend, daß die Antisemiten, obwohl sie dazu ausdrücklich aufgefordert wurden, und obwohl sie sich den Mitgliedern des Vereins gegenüber in entschiedener Ueberzahl befanden, es nicht wagten, das Wort zu ergreifen und Herrn Graebner entgegenzutreten. Es erregte großes Gelächter, als die Herren dieser Aufforderung gegenüber in kleinlautem Schweigen verharrten. In der Diskussion nahm nur ein Sozialdemokrat das Wort, der die üblichen agitatorischen Redensarten vorbrachte, ohne auf die Ausführungen des Vortragenden näher einzugehen. Dem Dank, den der Vorsitzende Herrn Graebner im Namen der Versammlung aussprach, schloß sich aus der Mitte der letzteren ein Redner in warmen Worten au. Wir freuen uns dieses Erfolges; er zeigt, wie zeitgemäß und notwendig die Gründung eines Vereins war, der es sich zum Ziele setzte, den antisemitischen Verhetzungen planmäßig entgegenzutreten. Berlin, 30. April. Bei der heutigen zweiten Lesung des Etats im Abgeordnetenhaus interpellirt Abg. Rickert (Freis.) beim Justizetat den Minister über die bekannte Verfügung des Breslauer Oberlandgerichtspräsidenten , die Wahl von Juden zu Geschworenen möglichst zu vermeiden. Abgeordneter Zelle habe voriges Jahr Auskunft darüber verlangt; was sei nun seitens des Ministers geschehen? Regierungskommissar Lucas: Freilich habe der Oberlandcsgerichtspräsident eine ähnliche Verfügung erlassen; diese sei aber nicht so weitgehend, wie Rickert annahm. Es handle sich nicht um eine grundsätzliche Ausschließung der Juden, sondern der Präsident habe auf Grund schlimmer Erfahrungen nur verfügt, daß ungeeignete jüdische Elemente im Interesse der Rechtspflege fernzuhalten seien. Rickert sei in seiner Entrüstung zu weit gegangen. Es sei doch nur in der Form fehlgegriffen worden.( Der Justizminister hat die Verfügung nicht gebilligt; man könne daher annehmen, daß sie formell und materiell zurückgenommen sei. Munckel (freis.) findet die Erklärung ungenügend und wundert sich, daß keine Disziplinaruntersuchung stattgefunden habe.

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