Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 32-33 (21.4.1891)
- Date
- 1891-04-21
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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„Müssen, ha, ha, ha", lachte der Baron, „ich müßte Ihr Geschwätz anhören; nun, wer sollte mich dazu zwingen?" „Ich werde Sie dazu zwingen", rief Mordchen blitzenden Auges. „Wir wollen es sehen", und langsam näherte sich der Baron dem Glockenzuge. Ein Ruck und ein Diener wäre erschienen, den frechen Juden hinauszuweisen. Schon hob der Baron den Arnr, da rief Mordche: „Mirjam Tedesko wird Sie zwingen, mich anzuhören." Als ob einen Blitz seinen Arm gelähmt, so sank dieser herab, als ob ein Geist seinem Blick sich gezeigt, so starrten seine Augen den Juden an, nnd mit stierem Blick und schlotternden Knien trat er zu Mordche heran, faßte ihn fest an seinem Arme und fragte mit hohler Stimme: „Du, Du weißt? Sag, Jude, was weißt Du von Mirjam Tedesko." „Nicht wahr, Herr Baron", höhnte Mordche, „der Name hat nichts von seinem Klange eingebüßt, obschon Sie ihn seit einem halben Jahrhundert nicht gehört haben!" „Mirjam Tedesko", sprach der Baron wie geistesabwesend, „Mirjam Tedesko, Du Klang aus meiner Jugend, warum höre ich Dich jetzt, da ich am Rande des Grabes stehe? Was soll die Erinnerung an selige Stunden, die sich mit Deinem Namen verknüpft, jetzt, da mein Herz längst erstorben, mein Geist längst ertödtet ist! Mirjam Tedesko, Du märchenschöne Maid aus Judas Stamm, für die sich der Jüngling begeisterte, für die er allen Vortheilen seines Standes entsagen wollte, Du kommst mich mahnen? Wohlan es sei, ich will hören, was Du willst." Wie aus einem Traume erwachend wandte er sich zu Mordche: „Sag' Jude, was weißt Du von Mirjam Tedesko?" „Nicht wahr, Herr Baron, die Stunde ist gekommen, die meine Mutter, die ich schon so oft herbeigesehnt! Was ich von Mirjam Tedesko weiß? Daß sie Euch einst geliebt, mehr als das eigne Leben, dieses hätte sie gerne dahingegeben, wenn sie dadurch Euer Weib hätte werden dürfen; aber es galt mehr. Es galt jenes Leben, die ewige Seligkeit, es galt die Religion, deren Gebote zu übertreten, ihr nicht möglich war, und sie mußte entsagen, verzichten. Sie hat es mir oft erzählt, wie der Herr Baron an jenem Abende sie fast zum Treubruch gegen ihre Religion verleitet hatten. Schon hatte das sechzehnjährige Mädchen die Reise in Ihrem Wagen in Ihrer Gesellschaft angetreten, um in einem nahen Kloster, dessen Abt in Ihren Diensten stand, zur Taufe vorbereitet zu werden. Sie fuhren durch ein Dorf, glücklich im Besitze des Mädchens, dem Sie unzählige Kosenamen gaben. An der Dorfschenke hielt der Wagen; Sie stiegen aus, um Ihrer Braut, denn als solche betrachteten Sie Mirjam, eine Erfrischung zu holen. Da ertönte der Ruf eines Hornes, wie Sie ihn noch nie gehört, aus der nahen Synagoge. Mirjam Tedesko kannte diesen Ruf. Bis tief ins Herz drang er ihr und erschütterte sie gewaltig. Was war sie im Begriffe zu thun! Horch! Abermals der jammernde Ruf! Kehr um! Kehr um! Wie Schuppen fiel es ihr von den Augen; sie war im Begriff, eine große Sünde zu begehen! Noch zur rechten Zeit hatte der Schofarton ihr Gewissen wach gerufen. Sie besann sich nicht lange; sie stieg aus Ihrem Wagen und ein Bauer, der gerade vorüber fuhr, nahm das aufgeregte Mädchen auf seinen Wagen und brachte e8 zu Verwandten nach K .. . . Dort war sie Ihrem Einfluß entrückt und die Liebe zu Ihnen wich bald einem anderen Gefühl, dem der Pflicht. Mirjam hatte durch ihre Flucht sich selbst und auch Sie, Herr Baron, gerettet." Der Baron hatte aufmerksam zugehört. Als Mordche nun schwieg, blickte er auf und mit erregter Stimme fragte er: „Und Mirjam liebte mich, sagst Du! Wie konnte sie entfliehen, wenn sie mich geliebt hätte?" „Sie kennen die Tedeskos nicht, Herr Baron. Meine Mutter, eine Tedesko, konnte Sie wohl lieben, aber fallen und von der Religion ihrer Väter abfallen, das konnte eine Tedesko nicht." „Und was hat Mirjam Tedesko mit der Angelegenheit zu thnn, die Dich heute zu mir geführt hat?" „Sehr viel, Herr Baron! Jener Bauer, der Mirjam auf seinem eignen Gefährte nach K . . . . brachte, war der Großvater des jetzigen Hofbesitzers, dessen Hof morgen auf Ihre Veranlassung versteigert werden soll. Die Familie Tedesko und auch Sie, Herr Baron, waren dem schlichten Manne, der Zank und Hader von beiden abwandte, Dank schuldig. Er sprach nie ein Wort über jenes Ereigniß und hat Ihnen, Herr Baron, einen großen Dienst geleistet. Am Enkel dieses Mannes vermögen Sie einen Theil Ihres Dankes abzutragen, und ich hoffe, ich bitte nicht vergebens. Wer einst für Mirjam Tedesko Liebe empfand, dessen Herz muß edel, dessen Gesinnungen müssen großmüthig sein, und darum bitte ich Sie, geben Sie dem Bauer Frist. Er wird seine Schuld mit Zinsen bis auf den letzten Pfennig an Sie abtragen. Nicht wahr, Herr Baron, dem Sohne Mirjams schlagen Sie diese Bitte nicht ab?" Der Baron schwieg. In ihm kämpften der Geiz und die Habsucht gegen jedes edlere Gefühl. Man sah auf seinem Antlitz die Heftigkeit des Seelenkampfes. Während einiger Minuten herrschte die tiefste Stille. Endlich fuhr sich der Baron mit der Hand über die Stirne. Er letzte sich an seinen Schreibtisch und schrieb eine Quittung über die ganze Schuldsumme. Diese Quittung gab er Mordche und sprach: „Du sollst Dich in mir nicht geirrt haben. Hier bringe diese Quittung dem Hofbauer und sage ihm, daß seine Schuld getilgt sei. Und nun sage mir, lebt Mirjam, lebt Deine Mutter noch?" „Nein, Herr Baron, Mirjam Tedesko ist seit drei Jahren todt. In ihrem Tagebuche hinterließ sie mir die Geschichte ihrer Jugend; mündlich beauftragte sie mich, Ihnen, wenn ich Sie einst treffen sollte, mitzutheilen, daß sie ohne Groll gegen Sie von hinnen gegangen, obschon Sie ihr Jugend, Heimath und Vaterhaus geraubt und sie in die Fremde getrieben haben. Ich habe meinen Auftrag erfüllt und danke Ihnen, Herr Baron, daß Sie meiner Bitte entsprachen. Mirjam Tedesko dankt Ihnen im Namen der Menschlichkeit." Mordche verbeugte sich leicht vor dem Baron und verließ das Gemach. Der Baron blieb vor seinem Schreibtisch sitzen. Seine magere, schlanke Hand stützte sein weißes Haupt und