Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 32-33 (21.4.1891)
- Date
- 1891-04-21
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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632 so daß ich, wie Du es ja selbst weißt, seit drei Jahren keinen Pfennig eingenommen habe." „Das ist wahr", versetzte Mordche, „und deßhalb muß Dir geholfen werden. Du wirst Dich schon wieder aufrappeln und das Geld bezahlen." Die Männer waren nach dem Wohnhause gegangen, in dessen Thüre die Bäuerin, eine bildhübsche junge Frau stand. Sie reichte dem Juden die Hand und sagte: „Nun, Mordche, willst Du den Hof kaufen?" „Dummes Zeug", erwiderte Mordche böse, „den Hof behälft Du und Dein Mann. Wer redt vom Verkaufen?" Die Bäuerin sah ihren Mann erstaunt an und dieser sagte: „Dem Mordche will der Verkauf ebensowenig in den Sinn wie mir. Vielleicht hilft er mir." „Wenn ich das Geld hätte, ständ es zu Deiner Verfügung, Karl", sprach Mordche, „aber ich habe es nicht, und trotzdem will ich sehen, daß ich Dir helfen kann." „Du bist ein guter Mensch", sprach die Bäuerin zu Mordche, „und mancher Christ dürfte sich ein Beispiel an Dir, dem Juden, nehmen." „Ich bin nicht der Beste, aber auch nicht der Schlechteste", versetzte Mordche, „aber für Karl und seine Familie thue ich, was ich kann." „Ja, Mordche", sagte der Bauer, „warum hast Du mich denn so besonders in Dein Herz geschlossen? Ich habe schon oft gemerkt, daß ich Dir mehr werth bin als viele Andere und habe dies unserer Freundschaft zugeschrieben." „Hast recht gethan. Aber es ist mehr als Freundschaft; es ist Liebe und Dankbarkeit für einen Dienst, den einst Euer Großvater meiner Mutter leistete." „Ja, ja, ich kenne die Geschichte; Dein Vater hat sie oft genug erzählt, und der Dank ist längst abgetragen." „Du irrst, Karl. Wegen einer Wohlthat, eines Liebesdienstes kann man niemals abrechnen; solche Dinge lassen sich nie bezahlen und ewig bleibt der Empfangende in der Schuld des Gebers, ewig bleibt er ihm verpflichtet. Und wenn der Geber erst, wie Dein Großvater —" „Laß heute die alten Geschichten ruhen, Mordche", bat der Bauer, „komm mit herein —" „Nein, nein", wehrte Mordche, „ich habe keine Zeit. Ich will sehen, ob ich — Na, nur den Kopf nicht verloren, den Muth nicht sinken lassen, der alte Gott lebt noch und — behüt Euch Gott!" Er reichte dem Ehepaar die Hand und begab sich, die Erde mit einem festen Knüppel schlagend, vor das Hofthor, woselbst sein Gefährt, von einem struppigen Hunde bewacht, ruhig seiner harrte. Er schwang sich aus den Wagen, der Hund setzte sich schweifwedelnd neben ihn und auf einen leisen Peitschenhieb setzte sich der Ponny, der das leichte Gefährt zog, in Trab. An den folgenden Tagen sehen wir Mordche bei vielen bekannten wohlhabenden Leuten vorsprechen, um sich überall mit unzufriedener Miene wieder zu entfernen. Es schien unmöglich, das Geld für den bewußten Zweck aufzutreiben und schon näherte sich die Frist ihrem Ende, der Subhastationstermin kam immer näher. Mordche sann und sann — er wußte Niemand mehr, der ihm das Geld hätte geben können. Mißmuthig ging er seinen Geschäften nach und dachte an nichts als an diese Sache. Die Frist war nur noch eine kurze, und wenn Mordche für den Bauern etwas thun wollte, so mußte das bald geschehen. Morgen wollte das Gericht die Hofraithe an den Meistbietenden versteigern und bis dahin mußten entweder 1400 Thaler bezahlt oder eine Verlängerung der Frist erwirkt worden sein. Mordche sah die Unmöglichkeit des ersteren ein, und so beschloß er, das letztere zu versuchen. Er that es nicht gerne. Wußte er doch, daß der Baron, der in dieser Hinsicht so hart war, daß selbst die Fürsprache seiner Gemahlin an seinen einmal gefaßten Entschlüssen nichts ändern konnte, seiner Bitte gewiß nicht willfahren würde, wenn er nicht eine Pression auf denselben auszuüben vermöchte. Er konnte dieses freilich und war auch dazu entschlossen, im Falle er auf andere Weise nichts erreichen konnte. Am Tage vor Ablauf der Frist ließ er sich bei dem Baron melden und wurde auch sofort vorgelassen. Der Baron empfing ihn — wie ein Baron den Handelsjuden zu empfangen gewohnt war, hochmüthig und spöttisch. „NunMordche", rief erdemHofjuden zu, „wasgibtsNeues?" „Wenig Gutes, Herr Baron", entgegnete Mordche, „schlechte Zeiten, schlechte Menschen, schlechte Geschäfte." „Das ist ja wenig tröstlich", erwiderte der Baron, „doch darfst Du nicht klagen, denn je schlechter die Zeiten, um so besser Eure Ernte." „Der Herr Baron belieben zu scherzen; wie kann mein Geschäft gut gehen! Die Leute haben nichts zu verkaufen und daraum auch kein Geld zum Kaufen." „So leih'st Du ihnen Geld und machst Deine Prozentchen." „Nein, Herr Baron, das kann ich nicht. Ich vermittle nur Geschäfte und begnüge mich mit einer kleinen Vermittlungsgebühr." „Und was willst Du heute von mir?" „Viel und wenig, Herr Baron. Viel, da das Glück einer Familie von unserer Unterredung abhängt, wenig, da es in Ihrer Macht steht, durch Geduld ein wohlbegründetes Familienglück zu erhalten." „Ah", rief der Baron, „solche Vermittlungsgeschäfte betreibst Du. Nun, ich kann Dir leider nichts zu verdienen geben." Als ob er damit die Unterredung für beendet ansähe, erhob sich der Baron und schritt dem Ausgange des Zimmers zu. Der Baron war ein alter Mann und die verfallenen Züge seines Gesichts ließen die Sünden seiner Jugend ahnen; seine mageren Hände zitterten und sein schlotteriger Gang zeigte so recht seine Gebrechlichkeit. Mordche ließ ihn fast bis zur Thüre schreiten, dann trat er beherzt einen Schritt vor und sprach: „Herr Baron, ich habe mit Ihnen zu reden und bitte Sie, mir Gehör zu schenken." „Ich wüßte nicht, daß jemals ein Jude etwas mit mir zu reden gehabt hätte", entgegnete der Baron, „und danke auch Ihnen für Ihre Mittheilungen. Ich verzichte darauf, dieselben zu hören." „Aber Sie müssen mich anhören"» rief Mordche erregt, „Sie müssen!"