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Der Israelit · 1891-04-21 · Heft 32-33 (21.4.1891) · page 28

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 32-33 (21.4.1891)
Date
1891-04-21
Page
– (sequence 28)
Language
German
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634 •n seinem Geiste zog die längstentschwundene Zeit vorüber, die Zeit der Poesie und des Glückes — die Jugend. Eine Anzahl Käufer und Makler hatte sich zum Bersteigerungstermine auf dem Hofe eingefunden. Alle waren voll des Lobes über die musterhafte Wirthschaft, die sie sahen und über den ausgezeichneten Zustand, in dem sich alles befand. Der Bauer durfte auf eine hübsche Summe rechnen, die der Verkauf bringen würde. Der Bauer und seine Frau ließen sich nicht sehen. Drinnen in der Schlafkammer saßen sie mit ihrem Kinde dicht nebeneinander auf dem Rande des Bettes. Während die Bäuerin mit leiser Stimme weinte und das Kind die Mutter zu trösten suchte, begann drinnen im Wohnzimmer die Versteigerung. Die Kaufbedingungen wurden verlesen und der Hammer des Auktionators siel dröhnend auf den Tisch. Jeder Schlag schien dem Bauer wie ein Stich ins Herz, und als nun die heisere Stimme des Ausrufers ertönte und die Worte ausrief: Zum zweiten; kein höheres Gebot? Da schwanden ihm die Sinne; nun war sein Hof das Eigenthum eines andern und er selbst — heimathlos. Doch wenn die Noth am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten. Noch ehe der Hammer zum drittenmale aus den Tisch gefallen war, stand Mordche mit erhitztem Antlitz vor dem Auktionator und sprach: „Halt, die Versteigerung ist suspendirt. Hier ist die Quittung des Barons und nun, meine Herren, lade ich Sie zum Frühstück beim alten Hofbauer ein." Die ganze Versammlung war erstaunt und gab ihrer Freude über solchen Ausgang sofort Ausdruck, allen voran der alte Auktionator: „Noch nie", rief er aus, „ist mir die Erfüllung meirrer Pflicht so schwer geworden wie heute, da ich das blühende Anwesen eines fleißigen und tüchtigen Landwirths versteigern sollte, und ich freue mich unendlich, daß die Sache noch im letzten Augenblick geregelt werden konnte." Er eilte in die Kammer, um dem Bauer sein Glück zu verkünden. Währenddessen erhob sich unter den erschienenen Maklern ein Murren. Das sei eine abgekartete Sache, meinten sie, und der Hofjude habe den Hof um eine Bagatelle gekauft und sie hätten zu ihrer Zeitversäumniß noch das Nachsehen. Schon schien sich eine antisemitische Scene entwickeln zu wollen, da erschien der Bauer in der Thüre, und als er Mordche erblickte, stürzte er auf ihn zu, umarmte ihn und rief: „Das vergeh ich Dir in meinem Leben nicht, Mordche! Komm an mein Herz! Du bist mir treuer als ein Bruder und hast das Unmögliche ermöglicht. Komm' Anna," rief er die Bäuerin, komm', gib dem Mordche die Hand, denn er hat uns gerettet, ihm verdanken wir unseren Hof, unsere Heimath." „Dank, tausend Dank", sprach sie, ihm fortwährend die Hand schüttelnd. Mordche wehrte alle Dankesbezeugungen ab. Die Bäuerin brachte nun Fleisch und Brot und Bier zum Frühstück. Alle mit Ausnahme des Juden betheiligten sich daran. Mordche trank nur ein Glas Bier und wollte sich alsdann wieder entfernen, aber das erlaubte der Bauer nicht. Mordche mußte noch bleiben, und als alle anderen sich entfernt hatten, sprach Mordche auf eine desfallsige Frage des Bauern: „Nein, mein Freund, ich weise jede Erkenntlichkeit zurück. Was ich für Dich gethan, war meine Pflicht. Wir Juden haben ein gutes Gedächtniß für empfangene Wohlthaten und vergelten den Enkeln noch das Gute, das deren Vorfahren den unseren erw ies en. Möge Gott Dich und die Deinen schützen, daß Du nie mehr in solche Bedrängniß kommst." „So nimm diesen Ring, ein Erbstück von meinem Großvater, zum Andenken." „'Nein, mein Freund, ich bedarf keines Andenkens an Dich und die Deinen. Behalte was Du hast." Mordche nahm nichts an; der Bauer mochte ihn noch so sehr bitten, er blieb bei seiner Weigerung. Nun kehrte auch das Glück bei dem Bauern ein. Seine Heerden gediehen und seine Felder brachten reichen Ertrag. Er konnte bald seine sämmtlichen Schulden bezahlen, und wenn ihn später Jemand nach dem Ursprünge seines Reichthums fragte, so pflegte er zu sagen: „Den Grund dazu legte mein Großvater durch eine unentgeltliche Fuhre nach K. Ich selbst verdanke dieser Fuhre sehr viel, meinen Hof und meinen Freund. Und dieser treue Freund ist — Mordche, der Hofjude. Nachtrag zu den Lösungen des hedr. Mthsels in Nr. 22 (Hauptblatt). Folgende Lösungen gingen bei Herrn Dir. L. Kahn in Brüssel ein: K. Bodenheimer in Göppingen. Sinlson Brunner in Wien. Cantor Coblenz in Derenburg a. H. Heinrich Deutsch in Preßbürg. Daniel Dreyfuß in Uffheim. Jonathan Eibenschütz in Szobotist. Jos. Fischer in Kis-Marton. Lehrer Flörsheim in Bad Wildungen. Lehrer Grünewald in Neumagen a. Mosel. Hermann Horowitz in Mattersdorf. Samuel Chaim Juda- Witz in Einer-Malaria. Lehrer Kahn in Edelsingen. Isaak Kellner in Silier-Malaria. Pinkas Kohn in Preßburg. Jehuda Lewin in Grodno. Moritz Naß in Preßburg. L. Nathan in Langenberg. Rudolf Nathan in Mayen. Lehrer Neuhaus in Guxhagen. Lehrer Soritzky in Schönsee. Lehrer Roßmann in Hintersteinau. Lehrer Scheuermann in Großeicholzheim. Heinrich Schwarzschild in Frankfurt a. M. Talmudjünger- Verein in Derecske. Jakob Wechsler in München. Lehrer Weichselbaum in Adelsberg. Cantor Werblowski in Schrimm. Verantwortliche Redaction: OscarLehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit" u. „Jeschurun", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der J o h. Wirt h'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gescllschaft in Mainz.

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