Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 32-33 (21.4.1891)
- Date
- 1891-04-21
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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625 auf den bezeichneten Friedhof. Aus Muthwillen und jugendlichem Uebermuthe begannen sie daselbst die Grabmäler umzuwerfen, wodurch vier gänzlich zerbrochen, die anderen beschädigt worden sind. Die Vertiefung, die bei einem Grabe bemerkt wurde und welche den Anschein hatte, als rühre dieselbe von einer absichtlichen Aufwühlung her, dürfte wahrscheinlich durch das Schmelzen des Schnees oder durch Regengüsse bewirkt worden sein; daß die Knaben Gräber aufgerifsen und mit Knochen gespielt hätten, hat sich als unrichtig und als eine Uebertreibung des Gerüchtes herausgestellt. Die jugendlichen Uebelthäter hatten ihren „Streich" einem andern Knaben erzählt, und dieser machte die Anzeige von dem Vorfälle. Die Sache dürfte bald bei dem competenten Bezirksgerichte verhandelt werden. Uebrtgens haben auch die Eltern von zwei der betheiligten Knaben selbst dem Gemeindevorftande den Fall angezeigt. Großwardein, 8. April. Diese Woche weilte der ehemalige ungarische Ministerpräsident, Koloman Tisza, der bekanntlich den Antisemitismus in Ungarn mit Stumpf und Stiel ausgerottet hat, in den Mauern unserer Stadt, und veranstalteten sein politischen Freunde ihm zu Ehren ein Bankett. Der hohe Gast begab sich nachher auch zu der Hochzeitsfeier des hiesigen jüdischen Hoteliers, Leopold Hillinger und nahm auch an dem Gastmahle daselbst Theil, wobei er sogleich auch einen Toast auf die junge Frau ausbrachte. Vor einigen Tagen starb hier ein jüdischer Knabe und sollte er auf dem hiesigen jüdischen Friedhofe beigesetzt werden. Beim Waschen der Leiche zeigte es sich jedoch, daß an derselben die Circumcision (nb'o mso) nie vollzogen worden war. Die Chewrah-Kadischa verbot daher die Beisetzung der Leiche. Daraufhin wandte sich der Vater des Knaben an die Polizei und deponirte dort, daß er früher in Budapest gelebt habe, wo ihm die Aerzte strengstens verboten hätten, sein Kind beschneiden zu lassen, da es zu schwach war. Die Polizei befahl darauf, den Knaben sogleich zu beerdigen, was der Friedhofswächter auch unverzüglich that, ohne daß er vorher die Einwilligung der Chewra-Kadischa dazu eingeholt hat. Für sein willkürliches Vorgehen wurde der Wächter nun abgesetzt und wird auch eine Disciplinaruntersuchung gegen ihn eingeleitet werden. Raudnitz, 5. April. Die hiesige israelitische Cultusgemeinde, welche seit zwanzig Jahren keinen Seelsorger hatte, erhielt gestern einen solchen in der Person des Hrn. Dr. Otto Klotz. Derselbe wurde von den Spitzen der Gemeinde unter Führung des Vorstehers, Herrn Dr. Adolph Eider empfangen und in den Tempel geleitet, wo er seine Antrittspredigt hielt. Er erklärte in derselben, daß er es als seine Pflicht erachte, Gottes Wort nach der Schrift und Tradition ungeändert zu lehren und als Wächter des reinen und wahren Glaubens sein Amt zu versehen. Im Guten zu bestärken, im Unglück zu trösten und Muth zuzusprechen, sei sein Beruf, den er freudig erfüllen wolle. Er schloß seine Rede mit der Ermahnung zu Einigkeit, denn nicht im Zerstören, sondern im Aufbauen liegt die Aufgabe der Menschheit. England. London. Der Rath der „United Synagogue" hat beschlossen, daß die D"ri von Privaten keine Geschenke mehr annehmen dürfen; hingegen wurde ihr bisheriger Gehalt dem entsprechend erhöht, so daß sie anständig davon leben können. > Vermischtes. < Mainz. Bor Kurzem wurde dahier, wie bereits früher berichtet, ein „Israelitischer Hilfs-Verein" gegründet, der die Bestimmung hat, armen durch Altersschwäche, Krankheit, Gebrechen oder andere Zufälle zum Erwerb ihres Unterhalts vorübergehend oder auf die Dauer unfähig gewordenen Angehörigen der hiesigen israelitischen Gemeinde, sofern dieselben ihren Unterstützungswohnsitz mindestens seit zwei Jahren hier erworben haben, Unterstützung, Verpflegung oder Unterkommen zu gewähren. Der Verein übernimmt die Verpflichtung, jede von ihm selbst angeordnete Verpflegung in rituell jüdischer Weise zu gewähren und dabei möglichst die diesbezüglichen Anschauungen der zu Verpflegenden zu berücksichtigen. Berlin. Der berühmte Profeflor und Afrikareisende Herr H. Brugsch hat ein Werk über die 7 biblischen Hungerjahre nach einer alten egyptischen Inschrift veröffentlicht. In Bielefeld waren am 29. und 30. März die Vertreter vieler Gemeinden aus Westphalen versammelt, um einen „Verband der Synagogen-Gemeinden WestPhalenS" zu gründen. Unter anderen wurde im Programm auch ein Punkt aufgestellt, nach welchem in denGemeinden ein einheitlicher Gebetbuch eingeführt werden soll. Als wenn die Israeliten des weiten Erdenrundes nicht schon seit Jahrtausenden ein einheitlisches und gemeinsames Gebetbuch hätteul Und dabei rühmen sich diese Herren Reformer bei allen Gelegenheiten, daß sie den Frieden in den Gemeinden zu befestigen sich bestreben, und wollen es nicht wissen, daß sie gerade mit ihren Reformen nicht nur den innern Frieden der Gemeinden stören, sondern sich auch in Gegensatz mit der Gesammtheit Israels setzen. Hannover. Die Religionsschule der hiesigen Synagogen- Gemeinde zählte im Schuljahre 1890/91 202 Schülern, (100 Knaben und 102 Mädchen), die in je fünf Klaffen und einer Präparandenklasse eingetheilt, wöchentlich sechs bzw. fünf Stunden hebräischen Unterricht erhalten. Breslau. Der Director des Consum-Vereins, unser Glaubensbruder Louis Sachs, ist gestorben. Fünfundzwanzig Jahre ist er als geschäftsführendes Mitglied der Direktion deffelben thätig gewesen. Mit einer Lösung von 13 Thalern beschloß das erste Tagesgeschäft des Vereins, heute zählt der Verein 30,598 Mitglieder und sein Umsatz betrug 1890 nahezu 71/, Millionen. Der Verein verliert in dem Verstorbenen einen uneigennützigen, selten begabten Freund und Förderer. Herr Sachs wurde in Kro-