Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 32-33 (21.4.1891)
- Date
- 1891-04-21
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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617 werden, doch wird bereits — was sehr bezeichnend für die Beuriheilung russischer Verhältnisse ist — darauf hingewiesen, daß viele wohlhabende Juden in der Lage sein werden, die Härten des neuen Gesetzes zu mildern, da den Provinz-Gouverneuren gestattet werden soll, in besonderen Fällen den Auszuweisenden weitere, als die im Gesetz festgestellten Fristen zu gewähren. Auch der Odessaer Korrespondent der "Daily News" will aus zuverlässiger Quelle erfahren haben, daß die vollständige Ausweisung der Juden aus Moskau bevorstehe, was beweise, daß die Befürchtungen der letzteren seit der Ernennung des Großfürsten Ssergei zum Generalgouverneur von Moskau an Stelle des humanen greisen Fürsten Dolgorokow nur zu begründete gewesen seien. Eine ähnliche Maßregel werde für Kiew geplant und in allen volkreichen Städten außerhalb des Judcnrayons halte die Polizei jetzt nächtliche Razzias ab und alle Juden, welche keine Aufcnthaltskarte vorweisen können oder deren sonstige Legitimationspapiere nicht vollständig in Ordnung seien, würden verhaftet und wie Vagabunden nach ihren Geburtsorten gesandt. Wir wissen nicht, was an diesen Mittheilungen im Einzelnen wahr ist, allein das wissen wir, daß die Verfolgung aller nichtrussischen Nationalitäten und aller Konfessionen in Rußland, außer der griechisch-orthodoxen Kirche nicht in Abnahme, sondern in Zunahme begriffen ist, was auch Diejenigen bedenken sollten, welche wieder einmal bereit zu sein scheinen, der russischen Regierung ein Vertrauensvotum in klingender Münze zu geben. (Fr. Ztg.) Griechenland. Athen, 20. April. Die Blätter berichten über Unruhen in Corfu gegen die jüdischen Einwohner, welche angeblich veranlaßt worden sind durch das Ausfinden der Leiche eines ermordeten jungen Mädchens im Judenviertel. Militärische Verstärkung zur Ausrechterhaliung der Ordnung sei nach Corfu abgegangen. ^en illeton. Eine Erzählung aur dem jüdischen Leben in Galizien vor fünfzig Jahren von Nathan Samuely. (Fortsetzung.) Gebrochenen Herzens kehrte wieder die große, verzweifelte Menschenmenge, die Eltern, Frauen und Kinder nach Hause zurück. Werden sie ihre Themen Wiedersehen, diese armen, armen Menschen? Der Himmel gab keine Antwort, nur der Herbstwind pfiff unheimlich über die kahlen Bäume hin, die wie Verzweifelte ihre starren Arme vor sich hinstreckten. Der Wind trieb die welken Blätter auf, daß sie in der Luft emporwirbelten und manches von ihnen stog mir ins Gesicht, wie ein Brief, geschrieben und zugesandt von der grausen Hand des Todes. „Getheilte Leiden, halbe Leiden", rief es plötzlich hinter mir. mit derber, kräftiger Stimme. Ich sah mich um und gewahrte einen Mann von riesigem Körperbau, mit gebräuntem Antlitze, der ein Schurzfell vor der Brust trug, unter welchem er beide Hände versteckt hielt. Ich erkannte bald, daß er von Beruf Schuster sei. „Ergeben Sie sich, alter Freund, nur nicht so sehr dem Schmerze", fuhr er fort, als ich mich nach ihm umsah, und brachte zugleich aus seinem Schurzfelle eine Hand mit einer Flasche Branntwein hervor. „Lechajim", *) rief er mir zu und reichte mir die Flasche. „Machen Sie nur einen Schluck aus dem da — der ist in Zeiten der Noth ein guter Gesellschafter, den man nicht gering achten darf. Trinken Sie nur zu, alter Freund!" In der That, ich hatte einen solchen Labetrunk in diesem Augenblick nöthig. Ich nahm die Flasche und schlürfte in langen, gierigen Zügen. „Nicht wahr," sagte er, als ich ihm die Flasche zurückgab, „der hebt den gefunkenen Muth? Auch mir haben sie den Sohn geraubt, einen wackeren, arbeitstüchtigen Burschen, der mir die ganze Werkstatt geleitet hat, und dabei haben sie mich früher gehörig gerupft, die Elenden!" „Wie meinen Sie das?" fragte ich. „Wie ich das meine, die Geschichte ist verteufelt einfach. Sie haben mir früher den letzten Sparpfennig weggenommen." „Wieso denn?" „Das sollen Sie hören. Vorerst kam ich zum rothen Wolf, aber der war nicht zu Hause, und sein Weib, die jetzt ins Gras beißen wird, überklingelte mein Geschrei mit ihren Schlüsseln. Ich kam das zweite Mal und fand wieder nur sie allein, aber diesmal hörte sie mich schon an, weil ich mit zwei guten Fürsprechern gekommen bin, die ihr verfettetes Herz gerührt haben." „Mit Fürsprechern?" „Ja, mit einstußreichen Fürsprechern, die ihre ganze Theilnahme erregten, nämlich mit zwei großen, fetten Gänsen, die sie mir gerührt aus den Händen nahm, indem sie mir alles Gute versprach." „Und was geschah?" „Was geschah? Ein zweiter Vorsteher bekam Wind von meiner Unterredung mit der Frau des rothen Wölwele, und als er mir begegnete, befahl er mich zu sich nach Hause, denn er habe etwas sehr Wichtiges mit mir, betreffs meines Sohnes, *) Zum Leben.