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Der Israelit · 1891-04-21 · Heft 32-33 (21.4.1891) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 32-33 (21.4.1891)
Date
1891-04-21
Page
– (sequence 10)
Language
German
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616 Und Pharao gab seinem ganzen Volk den Befehl: „Jeden neugeborenen Knaben sollt ihr in den Fluß werfen.* Die Juden der Gegenwart seien ebenfalls dem russischen Botte zu zahlreich und zu mächtig geworden, so daß es dringend angezeigt scheint, ihre Zahl zu vermindern und ihre Macht zu schwachen. Der Unterschied zwischen dem alten Egypter und dem modernen Russen ist aber sehr bedeutend. Bei Jenem bedurfte es übernatürlicher Heimsuchungen um ihn zu veranlassen, die Juden ziehen zu laßen; dieser aber würde sicherlich sehr froh sein, wenn nur ein Moses aufstehen möchte, um die Juden allesammt über die Westgrenze hinaus in ein neues Kanaan zu führen. — Die bloße Gegenwart der Juden in seinem Lande dünkt ihm schon eine Plage, er bedarf keiner andern, um die Erlaubniß zum allgemeinen jüdischen ExoduS zu ertheilen. Somit ist es Furcht, keineswegs aber religiöser Fanatismus, welche des Czaren Politik gegen die Juden veranlaßt. Die Pssicht der Selbsterhaltung ist aber das oberste Naturgesetz. ES handelt sich also nur noch darum zu ergründen, ob diese Furcht, diese Besorgniß für das Staatswesen in der That berechtigt sei. Die , Contemporary Review“ giebt sich den Anschein, diese Frage gewiffenhaft und objectiv zu prüfen. Sie bringt zu diesem Behufs in größter Ausführlichkeit, was Herr M. Skalkoff-ky in der „Sovremennaja Rossia“ über die Judenfrage geschrieben. Es ist das Allerschlimmste und Allergehässigste, was der Judenhaß der Gegenwart ausgeheckt hat. Drumont, Wahrmund, Böckel, Hartmann, Marr, Stöcker, Schönerer, Liebermann von Sonnenberg, Düring, Simonyi, Jstoczi u. s. w. u. s. w. erblicken gewiß in Herrn Skalkoffsky ihren kongenialen ebenbürtigen Genossen. Außer diesem in Westeuropa bislang ziemlich oder gänzlich unbekannten tapfern Ritter des Antisemitismus führt die „Contemporary Review“ den schon berühmteren Fürsten Metscher-ky als Gewährsmann an, dessen humane Anschauung und gerechte Wahrheitsliebe ja männiglich bekannt sind. Die englische Revue schämt sich allerdings des Cynismus dieses ihres fürstlichen Gewährsmanns und sie bezeichnet seine Ausführungen als allzu pessimistisch. Des Fürsten Metschersky's Publikationen haben bekanntlich in der anständigen russischen Presse und in allen edler denkenden Kreisen einen wahren Sturm der Entrüstung hervorgerufen und sind vielfach widerlegt worden; u. A. auch in der „Nowosti", welche eine ganze Reihe von Artikeln aus der Feder des Herrn Gradoffsky veröffentlicht. Für diese hat aber die gerechte und objectiv urtheilende englische Revue keinen Platz in ihren Spalten. Ihr „Anglo-Russian", der so pomphaft ankündigt, in eine sorgfältige unparteiische Prüfung eintreten zu wollen, begnügt sich nach den Seiten langen Ausführungen aus Skalkoffsky und Metschersky hierüber zu schreiben: »Der Raum gestattet mir nicht, Gradoffsky's Auseinandersetzung hier mitzutheilen. Ich kann nur sagen, daß, obgleich dieser Kämpfer für die Juden sehr kräftig schreibt, er dennoch meines Erachtens nichts vorgebracht hat, was die russische Regierung veranlassen könnte, ihre Politik zu ändern." Es ist sehr zu beklagen, daß sich eine englische Zeitschrift dazu entschließen konnte, im Gegensatz zu der edlen Kundgebung des englischen Volks die russischen Judenbedrückungen und Verfolgungen zu beschönigen. Was sie sich schreiben läßt, ist eine so offenkundige Verkehrung der Wahrheit in ihr Gegentheil, daß es nicht einmal der Mühe verlohnt, auf das Einzelne des Nähern einzugehen. Das Prinzip, das sie hierin vertritt, dürfte vielleicht noch bei den Ueberresten der Kannibalen auf Anerkennung rechnen können, daß sie es wagt in englischen Lauten vor einen civilisirten Leserkreis damit hinzutreten, zeugt von einer Art Kühnheit, um welche sie gewiß von Niemanden beneidet wird. Zur Beleuchtung ihrer Ausführungen nur die kurze telegraphische Meldung, welche von dem Dep.-Bur. Herold soeben (15. April) aus London mitgetheilt wird: „Aus Odessa wird gemeldet, daß Massenausweisungen von Juden aus Moskau und wahrscheinlich auch aus Kiew, wo die Gegenwart von Juden von griechischen Kirchenvätern als Prosa Nation bezeichnet ist, bevorstehen. Die Polizei führt in den Stadttheilen, in welchen die Juden wohnen, nächtliche Razzias aus; alle diejenigen, die keinen AufenthaltSfchein haben, werden verhaftet und nach ihrer Bestrafung nach ihrem Geburtsort ^urückgeschickt." An welchem andern Punkte der Erde wird gegen unschuldige Menschen, gegen die eigenen Landeskinder, also verfahren?? Zeitungsnachrichten und Correspondeuzen. Rußland. Petersburg. Wenn die englischen Blätter recht berichtet sind, steht in Rußland die Veröffentlichung einer neuen Zwangsmaßregel gegen die Juden bevor. Nach dem Gesetze von 1865 durften sich nämlich jüdische Handwerker auch außerhalb der den Juden angewiesenen Gouvernements niederlassen. Die Regierung will nun gefunden haben, daß solche Handwerker in einer zu großen Anzahl in Orten vorhanden sind, wo Handwerker griechischorthodoxen Glaubens bereits allen Ansprüchen genügen, außerdem beschäftigten sich die jüdischen Handwerker mit Dingen, welche ihrem Gewerbe fremd seien, wodurch sie die eingeborenen Russen schädigten. Durch einen Ukas soll nun den jüdischen Handwerkern nicht nur das bisher ihnen zugestandene Recht entzogen, sondern es sollen auch alle jüdischen Handwerker, welche außerhalb der den Juden zugewiesenen Gouvernements wohnen, aus ihren jetzigen Stellen vertrieben und gezwungen werden, in den sogen. Judenrayon zurückzukehren. Denjenigen, welche keine Immobilien besitzen, wird eine Frist von einem Jahre und denjenigen, welche solche haben, eine Frist von zwei Jahren gewährt, um ihre Geschäfte aufzulösen. In Moskau allein würden auf Grund dieser Verordnung!4,ooo Juden ausgetrieben

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