Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 32-33 (21.4.1891)
- Date
- 1891-04-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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j / XXX11. Jahrgang. Grste Ml;it M 32 L 33 -es „Israelit 5- Irschurun" Leitender Artikel. Tine antlsemMslhe Klimme aus Csgland. Von Isaak Hirsch. Unter der Ueberschrift „The Tsar and the Jews“ bringt, die „The Contemporary Review“ jüngstens eine Abhandlung, welche sich den lobenswerthen Zweck gesetzt hat, die Verleumdungen ziemlich zu widerlegen, welche Rußland und seine Regierung für die Unbilden verantwortlich machen wollen, denen die Juden in Rußland ausgesetzt sind. Man sollte es nicht für möglich halten, daß derartige böse Gerüchte über das arme unschuldige Rußland und feine wahrhaft humane und milde Regierung in Umlauf gesetzt werden können! Die „Contemporary Review“ ist darob ganz betrübt,— wie können auch nur die Menschen so schlecht sein! Weil sie aber in England erscheint, in dem barbarischen England, das am 1. Februar 1962 in dem Mansion House zu London jenes bekannte große Meeting veranstaltete, welches gegen die so überaus menschenfreundlichen russischen „Maigesetze von 1882" und die frischen und fröhlichen Juden-Metzeleien im heiligen Rußland im Namen des englischen Volks Protest einlegte, in dem England, das sich ja auch ganz kürzlich wiederum zu einer gleichen völlig unberechtigten Kundgebung gegen Rußland, ebenfalls zu Gunsten der Juden, hat hinreißen lasten,— darum fühlt sich die wackere „Contemporary Review“ um so mehr verpflichtet, diese Verunglimpfungen des unschuldiger Weise so arg verlästerten Rußlands energisch zurückzuweisen. Sie hat sich deßhalb ganz expreß einen wohlerfahrenen, unparteiischen „Anglo Rnssian“ bestellt,welcher auf 18 — sage achtzehn — Seiten den überzeugenden Nachweisführt, daß, wenn Jemand zu tadeln sei, es die russischen Juden sind, die so freventlich die für sie ganz speziell erlassenen wohlwollenden und sürsorgenden Gesetze übertreten, die Beamten bestochen und damit corrumpirt haben, daß sie diese Gefetzesverletzung so lange geduldet. Den Juden geschieht demgemäß, falls sie jetzt eine väterliche Züchtigung empfangen, nur was Rechtens ist. Sie empfinden jetzt nur schmerzlich die wohlverdienten Streiche einer Ruthe, die sie sich selbst gebunden. Der wohlwollende „Anglo Russian“ der „Contemporary Review“ wünscht indessen, daß die den bösen Juden jetzt zu Theil werdende gerechte Züchtigung möglichst leicht bemessen werden möge, daß man sie doch trotzdem und alledem als „Menschen" und nicht als „Mikroben" behandeln möge! Kann man sich eine erhabenere Großmuth denken? Es liegt ja Alles so klar zu Tage, daß nur der blödeste Unverstand oder die hartnäckigste Bosheit daran zweifeln kann. Die besonderen Judengesetze in Rußland sind ja niemals so streng ausgeführt worden, sie haben sich mehr durch ihre Nichtbeachtung, als durch ihre Anwendung bemerkbar gemacht. Die milde russische Regierung hat in jihrer unendlichen Langmuth stets ein Auge über solche flagrante Gesetzesverletzung zugedrückt. Aber auch die Geduld eines Heiligen kennt Grenzen. Aus wohlerwogenen Gründen ist sie endlich zu der Ueberzeugung gekommen, daß die vitalsten Interessen des Staats durch die Mißachtung der Maigesetzc von 1882 geschädigt worden. Der drohenden Gefahr gegenüber erschien ein längeres Zufchauen als eine Versündigung gegen das Reich; es blieb also nichts anderes übrig, als die Behörden einfach auf die gewissenhafte und energische Durchführung der Judengesetze vom Mai 1882 hinzuweisen, und dafür muß ganz Europa von dem Entrüstungsruf über eine rohe, brutale Politik widerhallen!! Der Kaiser ist doch, wie von Freund und Feind einstimmig zugestanden wird, eine so ausgezeichnete Persönlichkeit, menschenfreundlich, fromm und im Besitze so vieler Tugenden. Warum bedenkt man da nicht, däß wenn im Namen eines so humanen, edlen Herrschers Strenge angewendet wird, wirklich zwingende Gründe vorhanden sein müssen? Der „Anglo Russian“ der „Contemporary Review“ sucht diese Gründe zu erörtern; er stellt sich als einen mit den russischen Verhältnissen durch langjährige persönliche Erfahrung vollkommen vertrauten und darum urtheilsfähigen Mann der Oeffentlichkeit vor. Er beklagt, daß so viele unreife und unbegründete Urtheile die öffentliche Meinung zu beeinflussen suchen. Als ob alle die glorreichen Herrscher, welche den Czarenthron zierten — Katharina I., Peter II., Elisabeth, Katharina II. und Alexander der Gütige - aus Unverstand und Uebelwollen Ausnahmsgesetze gegen ihre jüdischen Unterthanen erlassen hätten. Was will es dagegen verschlagen und in welchem Lichte erscheint dagegen jene vom Herzog von Westminster beantragte und von der großen Versammlung in der Londoner Guildhall angenommene Kundgebung: daß die erneuten Leiden der Juden in Rußland der Ausfluß harter Ausnahmsgesetze sind und daß in dem letzten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts die religiöse Freiheit ein Grundprinzip ist, welches von jedem christlichen Gemeinwesen als zu den natürlichen Menschenrechten gehörend anerkannt werden soll. Die „Contemporary Review“ giebt sich ernstlichst Mühe darzuthun, daß die „Judenfrage" in Rußland eben keine religiöse Frage sei, und daß deshalb jene Kundgebung jeglicher Begründung entbehre. Sie betont ausdrücklichft, daß „the real cause is much the same at it was in Pharaoh’s time“, daß die wahrhafte Ursache vielmehr vollkommen die gleiche sei, wie zu Pharao's Zeit, und sie führt auch wirklich den Bericht der Bibel an: „Nun stand ein neuer König über Egypten auf, welcher Joseph nicht kannte, und der sprach zu seinem Volk: Siehe, das Volk der Söhne Israel ist zu zahlreich und zu mächtig für uns; wir müssen klug gegen sie handeln. Und die Egypter zwangen die Söhne Israels ihnen zu dienen mit aller Strenge.