Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 32-33 (21.4.1891)
- Date
- 1891-04-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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610 Mainz, 19. April. Unsere jüngste Notiz über das Leben und Treiben des ehemaligen Redacteurs des „Leipziger Tagesanzeigers" hat den Antisemiten viel Unruhe bereitet; durch ihre gesammte Presse ging ein christlich-germanisches „Au waih geschrieen" ein Ausdruck, den man täglich in der Antisemitenpresse finden kann, der aber bei den heutigen Juden völlig ungebräuchlich ist. Heute dienen wir den Herren mit folgendem Histörchen, das wir denselben zum geneigten Abdruck empfehlen, falls die „jüdischen Morithaten" noch Platz lassen sollten. In Stolp in Pom. starb vor einigen Wochen Justizrath Göhring, ein bekannter Antisemit. Derselbe opferte für seinen Judenhaß manches nette Sümmchen. Er genoß allgemeines Vertrauen und dessen Gattin gehörte dem adeligen Stande an. Nun nach seinem Tode hat sich herausgestellt, daß er sich unendlich vieler Betrügereien und Unterschlagungen von Geldern von Wittwen und Waisen zu Schulden kommen ließ, und daß er mit Zuchthaus bestraft werden würde, wenn er noch lebte. Es herrscht in der Gegend allgemeine Entrüstung und Aufregung. Nun weiß man, woher er sein Geld genommen, als er für den Antisemitismus agitirte. Leipzig, 14. April. Wir erhalten folgende Zuschrift: Der wegen verschiedener Vergehen bestrafte Druckereibesitzer H. Born in Leipzig war niemals Mitglied der deutsch-sozialen (antisemitischen) Partei oder des deutschen Reform-Vereins. Als sich der „Leipziger Tages-Anzeiger" noch im Besitz Borns befand, war das Blatt nicht antisemitisch, sondern liberal gehalten. Ergebenst! Th. Fritsch, Herausgeber des „Lechz. Tages-Änz." und Geschäftsführer der „Allgem. Deutsch-Antisemitischen-Vereinigung." Ob das Blatt damals so „liberal" war, wie die liberal-antisemitische „Hess. Morgen-Zeitung" das theilt uns Herr Fritsch nicht mit. Jedenfalls muß derselbe mit seinem „Collegen" Born gut bekannt gewesen sein, denn sonst hätte er ihm wohl seine „liberale" Zeitung nicht abgekauft. Stuttgart, 14. April. Seit gestern Abend — o, glückselige Zeit — fangen also die dummen Schwaben an weise zu werden. Nun, es war aber auch an der Zeit, daß der biederen Sueven, der reichstreuen Germanen blauen Aeuglein sich aufthaten und dem hellsehenden, hessischen Redacteur des Reichsherolds zuwendeten, der die geknechteten Schwaben vom nahen Verderben zu befreien sich anschickte und heiliges Rettungswerk im Paul Weiß'schcn Saal mit einem öffentlichen Vortrag über den Antisemitismus und die soziale Reform begann. Und sie kamen herbei die deutsch-sozialen antisemitischen Parteibrüder und lauschten auf ihren „bewährtesten Führer", der, nachdem vom Vorsitzenden der Versammlung in gewiß vorsorglicher Absicht auf das Hausrecht hingewiefen wurde, nun eine Brandrede hielt, wie sie eben nur ein Böckel, ein Judenhetzer schlimmster Art fertig bringt. Ach, es ist gar so ergreifend, wie tief die Brust des gewiffenhaften, antisemitischen Reichsboten von Entrüstung über das herrschende Juda bewegt und von Mitleid mit dem geplagten, seufzenden, wehrlosen Christenkind des 19. Jahrhunderts durchdrungen ist!-O, heiliger, pfltchtbeflissener Böckel! Zu einer Zeit, da der Senioren-Convent des deutschen Reichstags seine säumigen Mitglieder zur Theilnahme an den Verhandlungen mahnt, um die mißliche Beschlußunfähigkeit zu beseitigen, erfüllst Du, Deine Mandats-Aufgabe mit solch' germanischer Gewissenhaftigkeit, daß Du, statt für des Vaterlandes Wohl mitzuberathen, im Reiche einherziehest und Haß und Zwietracht säest. Oder erfüllt Dich das Bewußtsein Deiner Entbehrlichkeit? — — Wir fragen nicht weiter. Hierzulande wird der Mann jedenfalls nicht vermißt werden, der die Störung des guten Einvernehmens friedlicher Bürger herbeizuführen versuchte, und an dem gesunden, redlichen Sinn der biederen Schwaben müssen alle Böckel's ihre Hörner abstoßen. — Auf die Ausführungen Böckels im Einzelnen cinzugehen, halten wir für überflüssig. Seichter Witz, haltlose Angriffe auf die Gesetzgebung, krasse Verleumdung und sonstige Widersprüche bildeten das A und O des Vortrages. — Besonders erhebend wirkt es, hüllt sich Böckel in den Märtyrer-Mantel oder führt er Juden-Sünden als Beispiel auf, wobei er Nennung von Namen und Orten eigenthümltcher Weise nicht für erforderlich hält, und gar schön hört sich das Kapitel über „ehrlich und unehrlich", über „solid und unsolid" aus des lieblichen Abonnentendoktorsmunde an. Der Schluß der Rede gipfelte etwa in der weisen Mahnung: Haltet den Reichsherold und wählet lauter Böckel's! — Noch sei bemerkt, daß der Vorsitzende das Wort, als es aus der Mitte der Anwesenden verlangt wurde, mit anerkennenswerthem Heldenmuthe verweigerte, die Versammlung schloß und seine Getreuen „Deutschland, Deutschland über Alles" rc. anstimmen ließ. — Mögen sie nun nach Herzenslust agitiren die Herren Antisemiten; in Schwaben harret ihrer keine Ernte; dafür bürgen, wie wir oben bereits andeuteten, die furchtloseu, schwäbischen Mannen und deren allezeit bethätigte Treue zur Wahrheit, zur Freiheit und zum Recht. Allweg' hie gut Württemberg. — O e st er r. -Ungar. Monarchie. Pefth, 10. April. Ludwig Kossuth hat sich einem Mitarbeiter des „Pesti Naplo" gegenüber