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Der Israelit · 1891-04-21 · Heft 32-33 (21.4.1891) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 32-33 (21.4.1891)
Date
1891-04-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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609 haben, Gottes Hilfe zu erbitten, weil ja Gott dieses ganze Verhängniß vorher verkündet hatte. Aber dieser Massenkindermord war nicht in jener Verkündung an die Väter ausgesprochen. Hier mochten sie sich an Gott und zwar an den Gott der Väter um Hilfe gegen diese Vergewaltigung wenden. Wenn uns daher erzählt wird, daß die Geknechteten zum Gott ihrer Väter flehten, so verweist unsere Hagadah auf dieses düsterste Nachtstück im egyptischen Sclavenhause. Wenn nun für die Wahrheit dieser Darstellung auch die Uebcrlicferung unserer Weisen hinlänglich bürgt, so muß man doch zugeben, daß sie in dem einfachen Wortstnn unseres Satzes nicht enthalten ist. Wir müssen uns daher nach einer Erklärung Umsehen, welche ihre Bestätigung in dem Wortlaut des schwierigen Verses selbst findet. Rabbi Jakob Dubno bringt die Klage Israels mit dem Tode Pharao's durch die Bemerkung in Verbindung, daß die unmenschliche Härte der Egypter unseren Vätern nicht einmal die Klage und Thräne über ihr schweres Loos gestattete, sondern diese Acußerung ihrer gepreßten Herzen als übertriebene Sentimalität unterdrückte. Als dann der König von Egypten starb und allgemeine Landestrauer offiziell angekündigt wurde, gebot man auch den Israeliten, was man ihnen sonst versagte. Sie mußten sich an der Klage über den Verlust des verstorbenen Laudesfürsteu betheiligen, obwohl es ihr Tyrann war, den sie nun verloren hatten. Diese erzwungene Trauer hatte für die Israeliten aber den Vortheil, daß sie nun, unbehelligt von ihren Drängern, ihr Herz vor Gott ausschütten konnten. Aeußerlich hatte es den Anschein, als betheiligten sie sich an der ihnen aufgezwungenen Nationaltrauer, in Wirklichkeit aber galt ihr Schrei dem Elend, unter welchem sie seufzten, und zu Gott, der die Herzen prüft, stieg ihr Flehen auch in diesem Sinne empor. Nach dieser Voraussetzung sagt unsere Stelle: „Als in jener langen Zeit der König von Egypten starb, da seufzten auch die Kinder Israel, aber wegen des Dienstes, sie schrien, aber zu Gott stieg ihr Gebet empor, nicht wegen des verstorbenen Pharao, sondern wegen des Dienstes!" In Hirsch's Pentateuchkommcntar wird die uns hier beschäftigende Schwierigkeit durch folgenden Hinweis zutreffend erklärt. So lange die Urheber einer so großen, staatlichen Gewaltthat, wie die Knechtung eines ganzen, freien Volksstammes leben, ist Hoffnung da, es werde endlich das Gewissen erwachen und eine Aenderung des auf Gewalt gebauten Unrechts herbeiführen. Geht aber einmal die, wenn auch aus schreiendstem Unrecht erwachsene Institution mit der Staatsgewalt in andere Hände über, die sich des Ursprungs derselben bewußt sind, und denen sie ein überkommenes Staatsregal ist, so wird sie als überkommene Einrichtung geheiligt, durch Herkommen sanctionirt, die neue Regierung hält sich gar nicht berechtigt, an dem von den Vorfahren Ueberkommenen zu rütteln, setzt ohne Weiteres die Legalität alles Vorgefundenen voraus und die mit machtavellistischer Gewalt geknechteten Freien sind zum ewigen Pariastande verdammt. Das ist der Fluch der Verjährung in der Entwickelung der Staaten. Die Vergangenheit bestellt einen Acker mit Blut und Thränen und die Gegenwart erntet ihre Ernten in vollendeter Gewissensruhe von dem Boden des feit accompli und hat keine Ahnung mehr von dem Fluche, der an jeder Aehre hängt, die sie zum frohen Genüsse heimträgt. — So lange der König von Mizrajim lebte, hofften Israels Söhne aus eine mögliche Aenderung ihres Looses. Als der König von Mizrajim starb, sahen sie sich für ewig zu Sklaven verdammt und seufzten auf, von diesem Sclavenloose. — — — Wiederholt heißt es, daß ihr Seufzen und ihr Aufruf rrDyn p war. Ihr Seufzen und ihr Hilferuf galt nicht ihren Lasten und Mühen, sie waren kräftiger Natur, konnten viel ertragen und diese Behandlung konnte sich ändern. Allein über nmay, über dieses Sclaventhum, zu welchem sie sich nun mit dem Tode des Königs für immer verdammt sahen, darüber schrien sie. Ueber das an ihnen verübte Unrecht riefen sie Gott, den Richter, an. Nach unserer in den vorgehenden Aufsätzen gegebenen Darstellung dürfte sich jedoch die Klage unserer Väter beim Tode Pharaos schon aus dem Umstande erklären lassen, daß ja Pharao von Hause aus den Israeliten wohlwollend gesinnt war, daß er erst dem Drängen seiner hebräerfeindlichen Umgebung nachgebend seine königliche Hand zur Vergewaltigung des israelitischen Stammes bot. — Das haben ihm in dankbarer Erinnerung D'ö’a onn cinn selbst in den langen, trüben Zeiten über den Tod hinaus unsere Ahnen nicht vergessen nnd mit ihrer Trauer ihre dankbare Anhänglichkeit besiegelt. Wenn noch heute die Nachkommen der aus Egypten Befreiten überall, wohin sie ihr Exil weift, in unwandelbarer Treue an ihrem Landesfürsten hängen, so bekunden sie eine von den Vätern ererbte Cardinaltugend des jüdischen Stammes, die sich zu allen Zeiten glänzend bewährt hat, unabhängig wie und ob diese treue Hingebung erwiedert wird oder nicht. Das Herz der Könige ist in Gottes Hand, und selbst wenn ein Landesvater seine israelitischen Bürger nicht als Kinder anerkennen wollte, sie tragen deßhalb keinen Groll nach, sondern blicken auf zu Gott, zum Gott der Väter, in dessen Hand die Leitung der Königsherzen ruht. Der Gott unserer Väter! Wenn an den Seder-

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