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Der Israelit · 1891-04-16 · Heft 31 (16.4.1891) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 31 (16.4.1891)
Date
1891-04-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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593 - ein weiteres Jahr zu ihrer Ausbildung in ihrer jetzigen Stellung verbleiben. Da erhielt sie eines Tages ein Brief ihres Vaters, in welchem dieser sie bittet, nach Hause zu kommen, da die Mutter nicht unbedenklich erkrankt sei. Erschrocken eilte sie in die Heimath, an das Krankenbett. Der Vater empfängt sie am Bahnhof, aber fast kennt sie ihn nicht mehr. Er hat in diesem einen Jahre furchtbar gealtert. Gram und Sorge haben Liefe Furchen in sein Gesicht gegraben und sein früher schwarzer Bart ist schon reichlich mit Silbcrfäden durchzogen. Thränenden Auges umarmt Bella ihren Vater, und ihre erste Frage gilt der kranken Mutter. „Was fehlt denn der Mutter eigentlich?" fragte Bella; „Du ließest mich so sehr im Unklaren —". „Was sollte ich Dir schreiben? Seit jenem Feste, welches uns anstatt Freunde und Freundschaft, nur Spott und Verachtung brachte, Spott von Seiten jener Kreise, die wir für uns gewinnen wollten, Verachtung von Seiten Jener, die uns nicht genügten, also seit jenem Tage bemerkte ich eine sich immer mehr steigernde Nervosität bei Mama. Der Arzt verordnet alles Mögliche, ohne Erfolg. Ohne Erfolg war auch eine Kaltwasserkur, die Mama diesen Sommer im Harz durchwachte. Mamas Befinden verschlechterte sich immer mehr. Wahnvorstellungen erfüllten ihre Seele, und während sie sich heute verfolgt und gehetzt wähnte, hielt sie sich morgen für die Kaiserin von Rußland, fertigte Todesurtheile aus, unterschrieb Haftbefehle und dergleichen mehr. Eine treue Wärterin, welche Mama nicht verläßt, verhütet Schlimmes — doch, was ist Dir, meine Tochter?" Bella sah bleich wie der Tod aus und jedes Wort des Vaters traf sie wie ein Keulenschlag. Mußte denn der liebe Gott die Eitelkeit so furchtbar strafen? War ihre Mutter denn anders, wie Hunderte der heutigen Frauen Israels? Warum traf gerade sie die furchtbare Vergeltung? Heißt es nicht: Er vergibt Sünde, ist ein barmherziger und gnädiger Gott! — Diese Gedanken durchblitzten sie und als sie nun in das sorgenvolle Gesicht des Vaters sah, bedeckte sie ihr Antlitz mit ihren Händen und weinte. Auch die Thränen des Commerzienrathes flössen und das erleichterte sein Herz. Er nahm Bella's Hand, zog sie an sich und sprach: „Nur nicht verzagt, mein Kind. Der liebe Gott, der uns Schweres zu tragen auferlegt, wird uns beistehen und alles zu einem guten Ende führen." Bella blickte ihren Vater erstaunt an. Solche Worte hatte sie aus seinem Munde noch nie gehört. Ihr Vater sprach von Gott. — „Gott wird helfen", sprach auch sie jetzt und umschloß mit kräftigem Druck die Hand des Vaters. Unterdessen hatte der Wagen das Haus erreicht. Donnernd fuhr er in das Portal ein und als er stille hielt, da war auch schon der Großvater da, um die geliebte Enkelin zu bewillkommnen. Er herzte und küßte sie und sprach: „Gesegnet sei Dein Kommen, mein Kind. Möge der Sonnenschein Deiner kindlichen Liebe die bösen Schatten verscheuchen, die nun auf dem Hause Deiner Eltern lagern!" Auch die Dienerschaft kam herbei und bewillkommte Bella. Sie reichte Jedem freundlich die Hand und war nicht wenig erstaunt, die alte Minna in der Wohnung ihrer Eltern zu finden. Doch diese half ihr rasch über ihr Erstaunen hinweg, indem sie sagte: „Ja, mein Bellchen, ich bin jetzt Haushälterin für Vater und Sohn und trete Dir mein Amt ab, sobald Du koscher kochen gelernt hast, denn hier ist alles rituell geworden." „Das freut mich," versetzte Bella, „doch jetzt will ich zu Mama." „Warten Sie noch einige Minuten", sprach die Wärterin, die soeben aus dem Zimmer trat. „Ihre Mama schläft und ich möchte nicht, daß Sie dieselbe stören." Bella erfüllte den Wunsch der Wärterin und begab sich zuerst in ihr Zimmer, um sich umzukleiden. Dort angekommen, setzte sie sich auf das Sopha und überdachte die Veränderungen, die in ihrer Abwesenheit im Hause der Eltern stattgefunden hatten. Warum hatten die Eltern ihren Haushalt koscher eingerichtet? Hatte der Vater, nachdem die Mutter krank geworden, darauf verzichtet, Eintritt in die hohen Kreise zu erlangen und wie war Alles gekommen? Darüber konnte nur Einer Auskunft geben und sie beschloß, diesen Einen, ihren Großvater, darnach zu fragen, sobald sie ihn allein sprechen konnte. Sie erhob sich, und während sie sich umkleidete, fielen heiße Thränen aus,, ihren Augen. Ach, welch' trauriges Loos hatte ihre Mutter erreicht! Das Schrecklichste war ihr bestimmt! „O, Du Vater im Himmel," fing Bella laut zu beten an, „Allmächtiger, der Du über den Wolken thronest, zu Dir erhebe ich meine Stimme, an Dich richte ich mein Gebet. Du bist allmächtig und allgcrecht, aber auch gnädig und barmherzig und erhörst das Gebet eines Kindes, das in heißem Flehen seine Bitten an Dich richtet. Und so flehe ich Dich an, Du Vater in den Höhen, Heiliger Israels, schicke Deine Hilfe meiner unglücklichen, kranken Mutter, die in geistiger Ftnfterniß befangen, ihr Gebet); nicht zu Dir zu senden vermag. Lasse die Nacht, die sich

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