Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1891-04-16 · Heft 31 (16.4.1891) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 31 (16.4.1891)
Date
1891-04-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448122-2448153--31970-2479795
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

588 harte Repressalien ergreifen zu müffen. Es hat sich dasselbe in späteren Zeiten oft wiederholt und kommt auch in unserer Zeit leider nur zu häufig vor. Wenn man z. B. die Beschäftigung mit der Thora, Mila, Sabbat und vieles andere uns bei Todesstrafe verboten hat, so sind diese unerhörten Eingriffe in unsere innersten, heiligsten Anliegen immer *p r©a, mit schönen Worten und unter verbindlichen Formen erfolgt. Weil man wünsche, daß die isolirende Sonderstellung der Juden aufhöreu solle, sollen sic mit ihrer Thora dem Quell entsagen, aus dem sie ihre Eigenart schöpfen. Um sich nicht in frühester Jugend selbst zu verstümmeln, verbot man aus lauter Humanität, die Einführung in das abrahamitische Bündniß; um ihnen das Leben. und die Gewinnung der Mittel zum Leben zu erleichtern, verbot man ihnen ihre Tage der Ruhe. Wenn uns die Judenfeinde unserer Tage den Genuß des Fleisches unmöglich machen möchten, so Hecken sie aus lauter Humanität für die — Thiere eine Schächtfrage aus und verwehren sich ganz feierlich mit schönen Worten, -p nea, dagegen, daß sie Judenfeinde seien. In dieser Rohheit, die sich in schöne Worte kleidet und von Menschenliebe und Fortschritt trieft, liegt und lag das Empörende des an uns verübten Unrechtes. Die roh zutappende, brutale Gewalt ist nicht so verletzend, als die heuchlerische Maske, unter der sie geübt wird. Im Zusammenhang mit den einleitenden Worten des uns hier beschäftigenden Satzes, dürfte derselbe in diesem Sinne sagen: um uuyn onxon unw iym npp miay u'^y. „Die Egypter thaten freundlich gegen uns (von jn wie d4d3 ym) und machten uns dabei arm und legten uns harte Arbeit auf!" Eine nicht weniger bedeutsame Wahrheit legt uns die andere Auffassung des Wortes “pea nahe, welche darin eine die Kräfte des Körpers aufreibende Arbeit findet. Das Aufreibende habe darin bestanden, daß man bei der ihnen zugewiesenen Arbeit -nicht nur keine Rücksicht auf die Neigung und auf den Umstand nahm, ob sich der Betreffende auch für die Arbeit durch Anlage, Fähigkeit und Körperkraft eigene, sondern daß man geradezu es darauf anlegte, Jedem die Arbeit zuzuweisen, die ihm in Folge seiner Constitution und Lebensgewohnheit am Wenigsten angemessen war. Als Beispiel hebt Rabbi Samuel bar Nachmeni die Thatsache hervor, man habe Arbeiten, die sonst Frauen obliegen, den Männern, und die den Männern eigentümlichen, den Frauen übertragen. (Talmud Sotah, Fol. 11.) nay n*w ormay bi nN roN'pö VP.IP uoru na 'an nvtt ■pDa ona mb D'iwn nasVöi o'bwV D’Bon. Wenn wir an den Sedernächten — paivv u^a — frei und heiter, den Alltagssorgen entbürdet, aus unserer Hagadah einen Blick hinaus in den harten, aufreibenden Kamps ums Dasein werfen, der draußen Tag und Nacht unablässig tobt, dann werden wir zu unserem Erstaunen finden, wie hier die alte Hagadah schon seit Jahrtausenden die Antwort auf eines der wichtigstell Probleme der socialen Frage in Bereitschaft hat. — Dieser Kamps ist so heiß und heftig geworden, daß die vorhandenen Kräfte 'ungenügend erscheinen und man die Präsenzziffer dieses großen, stehenden Heeres mit allen Mitteln zu vergrößern sucht. Er reißt nicht nur den Mann hinaus ins feindliche Leben, sondern auch die Priesterin des Hauses, das Weib. Die Frau des Hauses, die Gattin, die Mutter ihrer Kinder, welche das Göttliche und rein Menschliche im Hause hegen und pflegen sollte, das draußen im Kampf ums bloße Dasein so oft mit Füßen getreten wird, sie wird immer mehr und mehr in die Arena gedrängt, um Tbeil zu nehmen mit ihrer schwachen Kraft an dem Ringstreit, für den sie doch augenscheinlich nicht geschaffen ist. Man hat für diese harte Nothwendigkeit, welche die Frau ihrer eigentlichen Bestimmung entfremdet und sie auf einen ihr widernatürlichen Posten weist, auch ein bestrickendes Schlagwort, „die Emancipation der Frauen" erfunden, und das Verlassen des engen, aber beglückenden häuslichen Pflichtenkreises und ihren Eintritt unter die Schaar der Kämpfenden als eine Ehre und Anerkennung dargestellt, welche der Frau bisher versagt geblieben war. Man hat eine Frauenfrage glücklich zu Wege gebracht, welche die Lebenslast des Mannes der Frau aufbürdet und diejenigen eines überwundenen Standpunkts zeiht, welche zwar die Ebenbürdigkeit von Mann und Weib vollkommen anerkennen, aber die Grenzen respectirt wissen wollen, die durch Natur, Geschlecht und Anlage von Gott selber gezogen sind. Die Meinungen schwanken, und die ganze Richtung der Zeit räumt den Frauen täglich einen größeren Theil an demjenigen ein, was bis jetzt ausschließlich Sache der Männer war. Und wir? Wir sehen zu unserem Erstaunen aus unserer alten Geschichte, wie die Welt heute freiwillig sich in die Confusion stürzt, durch welche die alten Egypter unsere Lebenskraft gewaltsam brechen wollten, nwh q»imk na^n pe^nn», und sind gewarnt! Die Zeichen der Zeit sprechen laut und vernehmlich gegen die neue Errungenschaft und legen Zeugniß für die Wahrheit ab, daß diese Verkehrtheit die Aufreibung der Lebenskräfte zur Folge hat. Die Blasirtheit, Abgespanntheit, Empfindsamkeit, das ganze Heer der Nervenübel, die man kurz als Nervosität bezeichnet, sind doch ganz neue Krankheiten unserer Zeit, die man in dem Maaße

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.