Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 30 (13.4.1891)
- Date
- 1891-04-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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570 Königsberg. Der Frauenverein für israelitische Krankenpflege und Beerdigung hat nach seinem Verwaltungsberichte pro 1890/91 seine Thätigkeit um ein bedeutendes erweitern können, da ihm gleich zu Beginn des Vereinsjahres das Legat des verewigten Geh. Kommerzienraths Simon im Betrage von 5000 Mk. ausgezahlt wurde. Auf Grund dieses reichen Geschenkes konnte der Verein stets 15 Kranke außer den unregelmäßig sich Meldenden dauernd verpflegen und ist hierfür die Summe von 2594,58 Mk. im laufenden Jahre verausgabt worden. Die Zahl der Mitglieder ist von 332 auf 355 gestiegen und hat sich deshalb odr Beitrag derselben gegen das Vorjahr um 229 Mk« erhöht. Der Kassenbericht weist eine Einnahme von 8849,54 Mk. und eine Ausgabe von 8526,03 Mk. Es blieb dem Verein am 1. Mai d. I. ein barer Kassenbestand von 223,51 Mk. und ein eiserner Fonds in Staatspapieren und Dokumenten von 10023,32 Mk. Kolmar i. P., 17. März. Der neue Friedhof der jüdischen Gemeinde wurde heute eingeweiht. Die Weihrede hielt Herr Rabbiner Braun aus Schneidemühl. Abends findet im Spiroschen Saale ein Festessen statt. Karls uhe. Die Bildung eines „Schutzvereins gegen wucherische Ausbeutung des Volkes" im Großherzogthum Baden ist jetzt erfolgt. Nach dem Statut soll der Verein, zu dessen Bildung die Initiative von einem Mitgliede des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" ausgegangen ist, seinen Sitz in Karlsruhe haben. Der Vorstand desselben soll aus 20 Mitgliedern aus allen Parteien und Konfessionen — darunter drei jüdischen — bestehen. Der Hauptzweck des Vereins ist einmal, den Opfern wucherischer Uebervortheilungen unentgeltlich Rechtsbeistand zur Verfolgung ihres Rechts zu beschaffen und durch Gründung von geeigneten Spar- und Darlehnskassen den Kreditbedürftigen die Inanspruchnahme ungesunden Kredits zu ersparen und zudem die ländliche Bevölkerung durch Schriften, Vorträge u. s. w. über die Verhältnisse beim Viehkauf, dem Grundstückshandel, bei Abzahlungsgeschäften u. s. w. aufzuklären, um so zu verhindern, daß sie Wucherern in die Hände fällt- Politische Bestrebungen seitens oder innerhalb des Vereins sind ausgeschlossen. Merkwürdiger Weise sind die Konservativen gegen diesen Verein außerodentlich mißtrauisch. Es gilt dies nicht nur von dem Organ der badischen Konservativen der „Deutschen Tagespost." Die „Kreuzig." meint, der Verdacht, daß es sich mit Rücksicht auf die im Herbst d. I. bevorstehenden Ergänzungswahlen zum badischen Landtage um eine bloße Wahlmache handle, könne vor der Hand nicht ganz abgewiesen werden. Berechtigt scheint uns dieser Verdacht allenfalls bei den Antisemiten. Die Wiener Gemäldeausstellung, welche vorige Woche im Künstlerhause eröffnet wurde, enthält im Pavillon IV. ausschließlich Bilder des ausgezeichneten holländischen Malers Joseph Israels. Unbofcht (Böhmen) 6. März. Der Militär-Veteranen- Verein in Duschnik hielt am 11. Januar l. I. seine Generalversammmlung ab, bei welcher sich eine heftige Agitation gegen die Wiederwahl des bisherigen Ausschußmitgliedes Ignaz Weiner geltend wachte. Der Wortführer der Opposition, Zimmermeister Joseph Strebl, nahm zu dem Programmspunkte „Wahl des Ausschusses" das Wort und verlas einen Aufsatz der czechisch-antisemitischen Zeitschrift »Nase Zäjmy“, der die Aufschrift trug: „Nepripoustejte jict do spolkti“ und voll verhetzenden Inhalts für die Nichtaufnahme von Juden in Vereinigungen plaidirte. Da Herr Weiner das einzige Mitglied mosaischer Confession ist und da es sich gerade um seine Wahl handelte, mußte er alle in dem vorgenannten Artikel enthaltenen und von Strebl verlesenen Beschimpfungen der Angehörigen des mosaischen Glaubens auf sich beziehen und überreichte derselbe durch Herrn Dr. Ludwig Bendiener gegen Strebl die Ehrenbeleidungsklage beim Bezirksgerichte in Unhoscht, wiewohl Strebl sich nur auf die Verlesung der Notiz beschränkt hatte. Bei der Verhandlung, welche heute vor dem Adj. Herrn Bosak durchgeführt wurde, wies der als Vertreter des Klägers erschienene Substitut des Herrn Dr. Lwg. Bendiener, Herr Dr. Fridrich Koref, die Absicht des Strebl: den Kläger durch die Verlesung des Artikels der,, Nase Zäjmy“ in den Augen der Vereins-Mitglieder herabzusetzen und hiemit dessen Wahl in den Ausschuß zu vereiteln, nach, worauf der Richter den Strebl der Uebertretung des § 491 St.-G. schuldig erkannte und denselben zur strengen Arreststrafe in der Dauer von drei Tagen, verschärft mit einer Faste und in den Strafkostenersatz verurtheilte. Paris. Die durch alle Blätter gegangene Mittheilung, daß der Cardinal Lavigerie ein Schreiben an den Czar zur milden Behandlung der Juden gerichtet habe, wird jetzt von französischen Blättern als „fette Ente" bezeichnet. Nizza. Miß Alice de Rothschild, die Schwester des englischen Parlamentsmitgliedes Baron Ferdinand de Rothschild, hat der Königin von England, die sich gegenwärtig in der unweit von hier befindlichen Stadt Graffe am mittelländischen Meere anfhält,ihr an das Grand Hotel anschließendes Schloß zur Verfügung gestellt. Die schönen Gründe wurden geschmackvoll hergerichtet und nach verschiedenen Richtungen neue Fußpfade angelegt. Die Prinzessin Louise, Markgräfi n von Lorne, verließ letzten Dienstag in Begleitung der Mrs. Cyril Flower Victoria Station, um sich nach Grasse zu begeben, wo die hohen Herrschaften die Gäste der Miß Alice Rothschild sein werden. In Frankreich rüstet sich die Judenheit zur feierlichen Begehung des Centennariums der Emanzipation der Juden. Der zu feiernde Tag ist der 27. September, an welchem im Jahre 1791 die konstituirende Versammlung die Gleichheit aller Konfessionen ausgesprochen hat. Die Nachricht, daß der Berichterstatter des „Berliner Tageblattes "in Petersburg, Dr. Löwenfeld, aus Rußland ausgewiesen sei, hat sich als unrichtig herausgestellt. Dr. Löwenfeld befindet sich unangefochten in der russischen Hauptstadt, Ein Kostümfest eigener Art wird im Mai in London stattfinden. Zum Besten des Baues einer Synagoge für Hampstead, eine Vorstadt Londons, wird unter dem Protektorat von Lord und Lady Rothschild ein Bazar in großartigem Stil arrangirt. Es soll eine Straße in Alt-Jerusalem dargestellt werden, uud die ersten Künstler Londons sind damit beschäftigt, zu diesem Zweck Dekorationen anzu» fertigen und Zeichnungen für Kostüme zu entwerfen. Die Elite der Londoner Juden nimmt regen Antheil an den Vorbereitungen zu diesem Bazar, und es verspricht daher das Ganze einen glänzenden Verlauf, auch in Bezug auf das pekuniäre Ergebniß, zu nehmen. In Manchester ist ein Klub für die jüdischen Arbeiter eröffnet worden. Rom, 28. März. Eduard Drumond's Buch „Testament eitles Antisemiten" soll wegen der darin enthaltenen Angriffe auf den Papst und wegen der gegen kirchliche Institutionen gerichteten allgemeinen Tendenz auf den Index gesetzt werden. Rom. Ein Act der Intoleranz wird aus Neapel berichtet, wo am 24. v. M. in dem dortigen Hospitale ein Jude auf dem Todtenbette von dem daselbst angestellten Beichtvater gezwungen wurde, sich mit den Sterbesacramenten versehen zu lassen. Den Vertretern der jüdischen Gemeinde gelang es nur mit großer Mühe, sich in den Besitz des Leichnams zu setzen und auch das erst dann, als sie an das Hospital zwanzig Lire bezahlten. (Neuzeit)