Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1891-04-13 · Heft 30 (13.4.1891) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 30 (13.4.1891)
Date
1891-04-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448122-2448152--31958-2479782
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

577 Feuilleton. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben in Galizien vor fünfzig Jahren von Nathan Samnely. (Fortsetzung.) Wieder durchmaß Jankele das Zimmer mit langen, hastigen Schritten. Hierauf trat er ins zweite Zimmer zu Rachele, die, nichts Böses ahnend, an der Wiege des Kindes saß. „Lieb' Rachele," begann er, ihre Hand zärtlich in die seine nehmend, „ich brauch' Dir nicht erst zu sagen, daß ich nur bloß Urlauber bin und daß ich jeden Augenblick gewärtigen muß, einberufen zu werden." Rachele wurde auf einmal kreideweiß. „Rachele!" schrie er bei ihrem Anblicke mit kreischender Stimme, „willst Du mir mein hartes Los noch erschweren?" Sie brach in Schluchzen aus und rief: „Ich weiß, Du hast Recht, laß' mich nur erst ein wenig Fassung gewinnen, ein wenig." „So ist es Recht, mein herzliebes Rachele", erwiederte Jankele, sie in seine Arme schließend und ihr Mund, Augen und Hände mit glühenden Küssen bedeckend. „So bist Du mein kluges Rachele," schluchzte er, „Gott hat uns ja bis nun nicht verlassen, er wird auch weiter mit uns sein. Er wird uns noch viele Freuden erleben lassen." Rachele lag wortlos an seiner Brust und schluchzte. „Gott, der Milde, der Barmherzige, wird uns beistehen", fuhr Jankele fort, dem die zurückgedrängten Thränen wie siedendes Feuer in den Augen brannten. „Wir werden noch unser süßes Kind groß werden sehen. Rachele, Du zerbrichst mir ja das Herz", unterbrach er sich, als sie noch immer schluchzend in seinen Armen lag und mit beiden Händen sich an ihn klammerte, als wollte sie ihn nie, nie mehr von sich lassen. „Ich bin ja schon gefaßt ... ich bin ja schon gefaßt. .", brachte sie mit herzzerbrechender Stimme unter Thränen hervor; „aber ich muß mich ja ausweinen, so recht mir alle Thränen aus dem Kopfe weinen, sollen sie mir nicht das Herz zerdrücken." „So ift's Recht, Rachele. Weine nur! Wir werden noch viele, viele Freudenthränen vergießen, wenn wir unser Kiud^wachsen, gedeihen und emporblühen sehen. . . Nicht wahr, mein süßes Herz?" „Ja, Jankele, Gott wird uns dazu helfen!" erwiederte sie, ihr Haupt zu ihm emporhebend, während sie zu lächeln versuchte — o, es war ein trauriges, herzzerreißendes Lächeln. Einige Stunden später kam Jankele wieder ins Zimmer zu seiner Rachele, es galt Abschied zu nehmen. Das Kind schien sich leichter gefühlt zu haben, es lag an der Brust der Mutter und als Jankele vor sie hintrat, ließ es, wie mit Absicht, die Brust los, wandte das Köpfchen um, sah mit den seelenvollen Kindesaugen zu dem Vater empor, lächelte und vergrub dann wieder das Köpfchen an der Brust der Mutter. „Siehst Du, Rachele", begann Jankele, „Gott allein ließ jetzt das Kind so süß lächeln, weil er uns damit ein gutes Vorzeichen geben wollte, daß ich bald wieder zu Euch zurückkehren werde. Aber wenn ich zurückkomme, dann mußt Du, mein liebes Herz, Dein schönes Chuppekleid anlegen, das Du auch an allen Feiertagen trägst. Du siehst allerliebst darin aus, und unser Goldele wirst Du schön ausstaffiiren und mit ihm mir entgegenkommen. — Nicht, liebes Herz?" Rachele wurde todtenbleich, sie versuchte zu antworten, aber sie vermochte cs nicht. „Du antwortest mir nicht, mein Lieb?" fragte er, und zwei große Thränen hingen an seinen Wimpern. „Du wirst mir doch entgegenkommen!" wiederholte er mit erlöschender Stimme, als sie sich an seine Brust warf und laut schluchzte. „Sag', Herz, wirft Du mir mit dem Kinde entgegenkommen?" „Ich werde kommen," hauchte sie, „ja, ich werde kommen!" „So bist Du mein gutes, herzliebes Rachele!" rief er, sie und das Kind leidenschaftlich küssend und an sein Herz drückend. Dann riß er sich gewaltsam von ihr los und stürzte zur Thüre hinaus. Meine Frau und ich begleiteten ihn zur Kaserne hinaus. Gesenkten Hauptes ging er eine Strecke Weges neben uns her. Mit einemmale wandte er sich um, rannte wie wahnsinnig nochmals unserem Hause zu. An der Thür jedoch blieb er stehen, schüttelte einigemal das Haupt und rief sich selber laut zu: „Nein, nein!" — worauf er sich wieder mit schnellen Schritten, ohne sich umzusehen, vom Hause entfernte und uns zueilte. Ich weiß wirklich nicht, wie wir armen Leute alles das überlebt haben, allein das menschliche Herz ist stark, es kann alles überdauern, und, meine jungen Freunde, bittet den lieben Gott, daß Er Euch vor Alledem bewahre, was ein Menschenherz an Kummer und Weh, an Leid und Schmerz zu tragen hat. Von der Kaserne kehrte meine arme, in Thräuen zerfließende Frau nach Hause zurück, während ich meinem Sohne bis eine Meile außer der Stadt das Geleite gab.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.