Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 30 (13.4.1891)
- Date
- 1891-04-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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572 dieser chieanösen Behandlung ganz voll zu machen, setzte man über die jüdischen Arbeiter die eigenen Stammesgenossen und vermuthlich die besser Situirten als Aufseher ein, welche die Geknechteten zur Erfüllung ihrer schweren Sclavendienste antreiben sollten. Aber diese ganze raffinirte Tücke wurde an der biederen, allen Versuchungen gänzlich unzugänglichen Denkweise der Geknechteten zu Schanden. Sie blieben ein Volk, wie es der Text in seiner unnachahmlichen Prägnanz durch die Singularbezeichnung andeutet, die hier sicher nicht ohne Absicht dreimal in einem Satze wiederholt wird. So tief war ihnen die Bruderliebe, die gegenseitige Achtung und Theilnahme ins Herz gesenkt, daß ein ibrischer Mann, der sich im Wortwechsel vergriffen und die Hand gegen seinen Bruder erhoben hatte, dafür als Bösewicht bezeichnet wird. Statt ihre Stellung zur Unterdrückung der ihnen unterstellten unglücklichen Brüder auszubeuten, benützten die jüdischen Aufseher dieselbe vielmehr, um das thränenreiche Geschick der Geknechteten mit Hingebung ihrer eigenen Menschenwürde zu erleichtern. Sie nahmen die Streiche hin, die ihren Brüdern bestimmt waren und bekundeten damit den Adel der Gesinnung, der sie später befähigte, die geistigen Führer ihrer Brüder zu werden. (Raschi zu II. B. M., 5, 14, nach Midrasch Rabbah zur Stelle.) In der That, wenn selbst dieses grauenvolle Nachtstück seine glänzenden Lichtseiten hat, so leuchten sie in jenem Adel der Gesinnung, der sich gerade in der tiefsten Erniedrigung des geknechteten Volkes bewährt. Auch in diesem Sinne war Egypten für Israel der „eiserne Tiegel", indem der glühende Haß seiner Tyrannen das lautere Gold jener herrlichen Tugenden zu Tage treten ließ, welche gerade in der tiefsten Erniedrigung die zu Boden gedrückten Sclaven himmelhoch über ihre Peiniger erhoben. In diesem egyptischen Schmelztiegel haben die den Kindern Israels eigentümlichen Cardinaltugenden die Feuerprobe bestanden. Je tiefer man die Israeliten herabdrückte, um so höher leuchteten ihre Tugenden empor. Den letzten Funken des Bewußtseins jeder Menschenwürde wollte man in ihrer Brust verlöschen, und sie entfalteten in ihrem Kreise eine Selbstachtung, eine Hochschätzung des Göttlichen im Menschen, die ihren Herren selber fremd war. Man wollte sie sich selber entfremden und gegenseitig verbittern, und erzeugte eine hingebende Bruderliebe sondergleichen, die sie für den Haß entschädigte, der ihr ganzes Leben vergällte. Man hatte durch Steuerlasten, Frohndienste und jede Verhöhnung aller Menschenrechte alles den Kindern Israels gethan, was ein erfindungsreicher Haß nur zu ersinnen vermochte und damit hatte auch das egyptische Raffinement sein Ende erreicht; die Israeliten aber nicht. An der jüdischen Eigenart, die aus den Zügen des im Staube liegenden jüdischen Sclaven noch so ungebrochen leuchtete, wie einst aus dem Auge des noch freien Mannes, hatte der egyptische Uebermuth seine Ohnmacht erfahren. 'JD ’JBD lKip’l pB* pi TOT p in« IIP' “WSU'I „Als in demselben Maaße, indem man sie ihre Armuth immer mehr fühlen ließ, nicht nur ihre Größe, sondern auch die Ausbreitung und die Anerkennung ihrer Größe zunahm, da empfanden sie ein Grauen wegen der Gesichter der Kinder Israel." Dieser egyptische Widerwille gegen die jüdischen Gesichter kennzeichnet den jüdischen Racenhaß, dem vielleicht der hellere Teint,*) wie heute manchen Germanen die dunklere Hautfarbe der Juden in Ermangelung anderer Motive für seine Existenzberechtigung genügt. Die Charactereigenthümlichkeiten des jüdischen Stammes können G. s. D. nirgends, wo und wann sie auch immer in ihrer ursprünglichen Treue zum Ausdruck gelangen, den Judenhaß wecken und motiviren. Weil aber eben dieser Eigenart des jüdischen Characters nicht ohne verleumderische Unterstellungen beizukommen ist, hält sich der Racenhaß an die hebräische, semitische, jüdische Physignomie und glaubt damit jeder anderen Beweisführung enthoben zu sein, indem er auf dieselbe, als auf das Kajinszeichen hinweist, mit dem jedes jüdische Gesicht gekennzeichnet sei. Und doch ist diese, sofort in die Augen fallende äußere Eigenthümlichkeit des jüdischen Stammes das mächtige Mittel in der Hand der Vorsehung, ihm auch die innere für alle Zeit und Fahrniß zu sichern. Kein egyptischer Frohndienst vermag sie zu unterdrücken, kein Taufwasser besitzt die Kraft, sie wegzulöschen. Wenn ihre Träger je einmal den Muth und die Ausdauer verlören, die das Ertragen einer so unablässigen Verkennung erfordert, nnay ojtjb man dd, jeder Blitz ihres Auges, jeder Zug ihrer Mienen, der bloße Ausdruck ihres Antlitzes würde gegen die Treulosen zeugen und so das jüdische Gesicht zum schützenden Retter des jüdischen Gewissens machen. Diese nicht wegzufolternden und nicht wegzuemancipirenden jüdischen Gesichtszüge haben den Judenfeinden jeder Zeit die Erwägung nahe gelegt, wie wenig mit allen Foltern und Ködern dem jüdischen Character beizukommen sei, der aus diesen Zügen spricht. Auch die Egypter lasen aus den jüdischen Gesichtern ihre eigene Ohnmacht so unzweideutig heraus, daß es ihnen zu grauen anfing. Der Thatsache gegenüber, daß die Hebräer um so höher und achtungswerther sich selber und ihren Bedrückern erschienen, je härter man sie un- *) Bekanntlich war die Hautfarbe der Ägypter dunkelroth, fast schwarz.