Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1891-04-09 · Heft 29 (9.4.1891) · page 27

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 29 (9.4.1891)
Date
1891-04-09
Page
– (sequence 27)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448122-2448151--31941-2479764
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

569 wiedergewonnen. — — — — — —-- Esther kehrte in aufrichtiger Reue zur Religion ihrer Mutter zurück. Erna Palmreis ist das Weib Raphael Rubens geworden. Ihr Haus ist eine Stätte inniger Frömmigkeit, des ungetrübtesten Glückes.- Wie die Frühlingssonne allmählich und fast unbemerkt das frische Grün unter der starren Eisesrinde hervorzaubert, so hatte sich langsam die Wandlung in Erna's Seele vollzogen, und mit der Liebe und Verehrung für ihr Volk, erwachte leise und lind die Liebe für Raphael, den einstigen! Jugendgenossen. Oft des Abends, wenn Raphael ermüdet und ermattet von seinen Krankenbesuchen heimgekehrt, bittet er sein junges Weib um ein Lied, und in die stille Rächt tönt die Stimme Esther Rubens, der einstigen Sängerin. — — Verschiedenes. lieber den berühmten jüdischen Mathematiker- Meyer Hirsch hat I. Löwenberg jüngst in der „Vossischen Zeitung" einen sehr interessanten Aufsatz veröffentlicht, dem wir folgende charakteristische Unterhaltung des Verfassers mit dem bekannten Geheimrath Johannes Schulze, der lange Jahre im Cultusministerium der Förderer und Beschützerhilfsbedürftiger Gelehrter gewesen, entnehmen: „Es war an einem schönen Sommerabend des Jahres 1863, als der Verfasser dieser Mittheilungen dem rüstigen Herrn auf der Pankower Chaussee vor dem jüdischen Gottesacker begegnete. Die Rede kam auf Meyer Hirsch. „Von dem weiß ich zu erzählen", sprach er lebhaft, „folgen Sie mir " Eine einsame Laube des Schultheiß'chen Vorgartens nahm uns auf und hier erzählte er mit dem Ausdruck frischester Erinnerung. „Dem Minister Altenstein, meinem unvergeßlichen Freunde, konnte ich kein größeres Vergnügen bereiten, als wenn ich ihm Gelegenheit gab, einem verdienstvollen Gelehrten, der sich in hilfsbedürftiger Lage befand, sei es durch einmalige Unterstützung oder durch ein Jahrgehalt die morgen zu erleichtern, damit er freier seinen wissenschaftlichen Arbeiten leben könnte. Einst ging ich mit besonders frohen Erwartungen zu ihm: ich wußte, daß es ihm vorzugsweise angenehm sein würde, meine Bitte zu erfüllen. „Nun, was haben Sie, lieber Freund?" rief er mir in heiterer Zuvorkommenheit entgegen, da er meine Absicht wohl merken mochte. „Wir haben eine Verpflichtung zu erfüllen, Excellenz, gegen einen alten Algebraikus, einen jüdischen Mann. Ich habe erfahren, daß Meyer Hirsch sich in einer sehr traurigen Lage befinde," antwortete ich dem Minister. „Wie," rief der freundliche Herr, „der Verfasser der vortrefflichen algebraischen und geometrischen Aufgaben leidet doch nicht Noth? Eilen Sie zu ihm. Ein Mann, der sich um den Unterricht ans unseren höheren Lehranstalten solche Verdienste durch seine musterhaften Exercitien erworben hat, verdient ein Jahrgehalt. Ginge Meyer Hirsch zu Grunde, es wäre eine Schande für uns!" Das hatte ich vorausgesehen, und nach kurzer geschäftlicher Rücksprache steckte ich ein Päckchen Cassenanweisungen zu mir und ging ohneweiters 51t dem berühmten Rechner und Mathematiker. Meyer Hirsch wohnte in der Spandauer Straße aus dem Hofe, die Nummer des Hauses weiß ich nicht mehr Ich schritt über den Höf und stieg die : beiden Treppen hinan. Die obere mündete in einen . langen Gang, an dessen einer Seite einige Lichtfenster und an dessen anderer Seite die Thüren zu! den Wohnstuben waren, über denen kleine Fenster! waren, durch die diese Wohnräume einiges Licht i vom Hose erhielten. Die letzte dieser Thüren war! der Eingang zu Meyer Hirsch. Mit bangem Vorgefühle klopfte ich an; nach einigem Hüsteln ries eine schwache Stimme „Herein." Der Menschheit ganzer Jammer packte mich an. Lange Jahre hatte ich auf meinen Wanderungen durch die armseligen Wohnstätten armer Gelehrter manchen traurigen Aufenthalt gesehen Sie erfreuten sich indeß alle noch des Lichts des goldenen Tages, aber diese zwei Treppen hohe Grube empfing die; kümmerliche Beleuchtung nur durch die kleinen, vor! Schmutz undurchsichtigen Fensterchen über der Thür. Auch die Gestalt des alten Mannes, welcher; der Thür gegenüber auf einem Stuhle saß, glich mehr einer Mumie, als einem lebenden Wesen. Er war in einen abgetragenen, bis an den Hals; zugeknöpften Rock gehüllt, trug eine aus Tuch grob : zusammengenühte dunkle Mütze und betrachtete mich mit kaltem, ausdrucklosen Blick. Es war das Auge eines Greises, der aus einer stillen Welt, die nichts; mit unserer geräuschvollen Wirklichkeit gemein hat, 1 gelassen und theilnahmslos schaut.! Er erwiderte meinen freundlichen Gruß nicht i eben in üblicher Weise. Ohne das Auge von mir : abzuwenden, machte er erst nach Verlauf einiger! Zeit ein halb und halb wohlwollendes Zeichen,! mich auf den in der Kammer befindlichen Stuhl niederzulassen Das übrige Mobiliar bestand in einem dürftigen Bett und einem kleinen Tischchen; einen Bücheri schrank in der Ecke bemerkte ich erst, als sich mein! Auge an die Dämmerung des Ortes gewöhnt hatte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.