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Der Israelit · 1891-04-09 · Heft 29 (9.4.1891) · page 28

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 29 (9.4.1891)
Date
1891-04-09
Page
– (sequence 28)
Language
German
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Meyer Hirsch sah mich mit unbeschreiblicher Ruhe an, in seinen: wie versteinerten Gesicht lag etwas Monumentales, ohne Spur lebendigen Interesses. Es wurde mir peinlich, diesem Manne gegenüber, der so wenig zu vertraulicher Mittheilung aufforderte, mein Anliegen vorzubringen. Ich theilte ihn: endlich mit, daß wir im Ministerium erfahren hatten, seine Lage wäre nicht von der Art, um ihn: zu gestatten, sich sorgenlos seinen wissenschaftlichen Arbeiten zu widn:en. Der Minister schätze seine Verdienste und sei mit Vergnügen bereit, durch einen ehrenvollen Jahrgehalt ihm die Sorgen des Lebens zu erleichtern. Auf Meyer Hirsch schienen n:eine Worte keinen Eindruck zu machen, er veränderte weder Blick noch Miene und erst nach einer Weile sagte er mit klangloser Stimme: „Ich brauche keine Hilfe, und danke für Ihr Geld." „Nun, ich sehe aber doch," sagte ich erstaunt, „daß Sie nicht im Ueberflusse leben. In Ihren Jahren würde Ihnen ein gesünderer Aufenthalt und einige nothwendige Bequemlichkeiten gewiß sehr wohl thun." „Ich habe keine Bedürfnisse und brauche keine Hilfe," sprach er tonlos und als wäre er schon ermüdet von langer Rede. „Sie wollen aber doch arbeiten, Sie brauchen dazu theuere wissenschaftliche Werke, so verwenden Sie das Geld, das Ihnen in besten Ehren geboten wird, wenigstens dazu," erwiderte ich in fast bittendem Tone. Meyer Hirsch wies, ohne ein Wort zu sagen, ablehnend nach dem Bücherschrank. Ich folgte mit dem Blicke und sah jetzt erst seine vortreffliche Sammlung elastischer Mathematiker. Ueberrascht von diesem Anblick verlor ich den Muth zu weiteren Vorstellungen. Da zuckte in den: statuarischen Antlitz des Greises eine schwache Regung auf und mit einem gewissen Ausdruck des Dankgesühles und der Resignation sagte er: „Ich brauche nichts, nichts von der Welt und den Menschen, ich bin zufrieden." Und erschöpft, als hätte er nun sein ganzes Herz ausgeschüttet, nickte er langsam mit dem bedeutsamen Haupte und n:achte eine kurze HandbeweguNg, daß er nicht weiter gestört sein möchte. Dann war es, als ob sein offenes Auge nicht mehr die armselige Umgebung sähe, sondern den Eindruck von innen aufsteigender Gebilde und Abstractionen empfinge Er schien mich, obwohl ich noch nahe vor ihm stand, ganz aus seinen: Sehfelde verloren zu haben und blickte still in das Reick) der Unbekannten X V z. Hiemit * endete die Erzählung. Wann dieser Besuch stattgefunden hatte, mußte sich der Besucher nicht mehr genau zu erinnern. Die Bücher aber, von denen die Rede war, bildeten eine kleine Bibliothek, eine Auswahl der vortrefflichsten der mathematischen Literatur. Sie waren die Quellen, aus denen Meyer Hirsch in lichten Tagen Nahrung und Leben gezogen und die bloßen Namen der Verfasser geben noch heute eine Vorstellung von seiner geistigen Eigentümlichkeit und charakterisiren ihren einstigen Besitzer Diese Bücher waren die einzige materielle Habe, die Meyer Hirsch hinterlassen. In: elterlichen Hause Meyerbeers speiste täglich ein berühmter Musiker, der auch Meyerbeer unterrichtete und ein intimer Freund des Dauses war. Als Meyerbeer nach Italien reiste, baten seine Eltern ihren Gastfreund, ihrem Sohn ein Empfehlungsschreiben an einen einflußreichen Kapellmeister in Neapel mitzugeben Die Bitte ward erfüllt. Meyerbeer jedoch gab dieses, wie viele andere Empfehlungsschreiben gar nicht ab, sondern ging bald daran, sich seine Empfehlungsbriefe selbst, und zwar auf einfachem Notenpapier zu schreiben. Nach einigen Jahren, sein Ruhm erfüllte damals nicht blos Italien mehr, las er zufällig wieder die Aufschrift jenes Enrpfehlungsbriefes, den ihm der berühmte Komponist, der Freund seines elterlichen Hauses milgegeben hatte. Er erbrach ihn, — kauu: traute er seinen Augen. Der Brief enthielt die bittersten Schmähungen gegen die „Juden," welche, nachden: sie den Geldsack in Händen haben, sich nun auch des Taktstockes zu bemächtigen gedenken, und dergleichen — Das war Alles, nur kein Empfehlungsbrief für einen israelitischen Kunstgänger. Meyerbeer schickte das Schreiben ohne Kommentar seinen Eltern zurück Diese empfingen noch täglich zum Mittagstische den Besuch des sonderbaren Künstlerprotektors Als er am Tage des Eintreffens jenes „Empfehlungsschreibens" sein Couvert vom Teller aufhob, erblickte er die wohlbekannte Adresse von seiner Hand. Er erblaßte, steckte das Schreiben lautlos zu sich, dinirte aber dann ruhig zu Ende und erupfahl sich wie gewöhnlich nach dem schwarzen Kaffee. Au: anderen Tage kam er nicht n:ehr, und man begreift, daß die Eltern Meyerbeers auch nicht wieder nach ihm schickten. - Der Name des Komponisten, den wir hier absichtlich verschweigen, ist übrigens nicht schwer zu errathen. <D Riithsel. (Hebräisch). Für dumm bin ich noch heut' bekannt Im lieben, deutschen Vaterland. Toch war ich einst weil mehr gescheidt. 'Als er. der klug galt seiner Zeit. Beraubst um meinen Anfang mich. So stamm' von einer Pflanze ich. Hab manchen schon vor'm Ted bewahrt Unb heile Wunden aller Art. Amberg. I. Nos ent hat er. Verantwortliche Aedaction; Oscar Lehmann in Mainz — Expedition des „Israelit" u. „Jeschurun", Schottstr. 2, Mainz. Truck und Verlag der Ioh. Wirth'schen Hofbuchdrnckerei-Actien-Gesellschast in Mainz.

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