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Der Israelit · 1891-04-09 · Heft 29 (9.4.1891) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 29 (9.4.1891)
Date
1891-04-09
Page
– (sequence 26)
Language
German
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568 YL j Meine Gnädige! Es ist das zweite Mal, daß ich es wage. Ihnen, hochverehrte Dame, zu schreiben. Meinen ersten Brief beantworteten Sie dahin. Sie würden nie und nimmer Ihrer Kunst untreu, und so sehr Sie sich auch durch meinen Antrag beehrt fühlten. Sie denselben ablehnen müßten. Gestern Abend vernahm ich nun. das; Sie, gnädiges Fräulein, Jüdin seien. Sie kennen nüch zur Genüge, um zu wissen, wie stolz ich auf meinen Stand und Stamm bin, und ich freite mich, gnädiges Fräulein, Ihnen jetzt beweisen zu können, daß meine Verehrung und Liebe für ^ie vor keinem Hinderniß znrückschreckt. Ich biete Ihnen hiermit nochmals Hand und Herz für's Leben an Rolf von Laßberg. Die Sonne blickt in Erna's Zimmer, gleich goldenen Lichtern spielen ihre Reflexe auf Erna's gebeugtem Haupt. Blendet sie die Lichtstuth, oder sind es Tbränen, die über Erna's bleiche Wangen rieseln? Ja, Erna weint, die stolze Dame meint, Tbränen des Schmerzes, daß man ihre Abkunft erfahren, Tbränen der Freude und des Triumphes, da ein Fürst L., der Sproß eines alten Geschlechts,! ihr trotz allein die Hand bietet. Ja sie will sie j ergreifen diese Aristokratenhand, sie will das Gej rücht Lügen strafen und dem Spott, dem krassen j Cynismus der Welt entgegentreten; denn tont le > monde weiß ja, wie judenfeindlich sie gesinnt ist Erna j Palmreis, die selbst Jüdin-Warum verfolgt j sie auch die Schmach ihres Volkes, gleich einem j Gespenst, das seinen schwarzen Schatten auf ihren! Hellen Lebensweg wirft! — — wie möchte ihm; zürnen diesem Volk, wie sie ihm so oft gezürnt, j doch seltsam, sie vermag es nicht mehr, sie möchte; es hassen, doch Tbränen des Mitleids trüben ihre Augen. Eine süße Kinderstimme weckt Erna ans; ihren düsteren Gedanken. Vor ihr stand ein schöner j Knabe und brachte ihr eine Spende seines Vaters, j des Bankier L., für die armen Ueberschwemurten.! Erna gehört zum Comite, und freundlich dankend nimmt sie die Gabe entgegen. „Bleib' ein wenig! bei mir," bittet sie das Kind, „willst Du?" Der! Knabe gefällt ihr so gut, sein Wesen ist so zutrauj lich. Der kleine Bursche bleibt gern bei der schönen; Dame, er setzt sich ihr zu Füßen und plaudert, j „Ja bei uns ist's schön, aber weißt Du, Mama ist j oft fo traurig, gestern Abend hat sie sogar geweint j und da kam Onkel Raphael und sagte, sei froh,! daß Esther wieder gesund ist und ihre Stimme j wiedererlangt hat, und als Papa in's Zimmer trat,! trocknete Mama rasch ihre Thränen und lachte. i Kennst Du Esther vielleicht? Nicht? Ich möchte! nur wissen, wer sie ist, meine kleine Schwester heißt; auch Esther, dock) die hat imurer eine Stimme gehabt, glaub's nur, sogar im Garten hört man sie! schreien. Aber Du bist ja so bleich, fehlt Dir etwas, bitte, bitte, nicht weinen, sonst furcht' ich mich." Und wie das Kind in Erna's verstörtes Antlitz blickt, verstummt sein süßes Geplauder und leise, ganz leise verläßt es das Gemach.- Am festlich gedeckten Sabbattische sitzt die Familie des Bankier L., ein Bild der Zufriedenheit und des häuslichen Glückes; Dr Rubens, der allwöchentliche Sabbatgast, spricht das Tischgebet. Lautlos öffnet sich die Thüre, und Erna Palmreis tritt ein. Mit hochgerötheten Wangen lehnt sie an der Schwelle und lauscht gierig den langentbehrten und doch so wohlbekannten Klängen. Der kleine Emil entdeckt zuerst die fremde Gestalt, und ganz erstaunt erkennt er in ihr die schöne Dune, die er vor langer Zeit besucht und derer er noch manchmal gedacht. Er sieht, wie sie zögernd vorwärts wankt, hört seine Manta laut aufschreien, und dann wirft sich die freurde Dame der Mama zu Füßen, küßt und umarmt sie, und beide weinen. Onkel Raphael ist ganz bleich geworden und reicht der Dame die Hand; nur der Papa macht ein gar strenges Gesicht und verbeugt sich stumm. All das beobachtet der schlaue Bursche und zuletzt nimmt die Dame seinen Kopf in beide Hände, küßt ihn ans die Stirne und nennt ihn ihren guten Engel. Es ist schon spät in der Nacht, da Erna in Raphael's Begleitung die Schwester verläßt. Den Schwager hat sie durch ihre liebreizende Erscheinung und ihr hinreißertdes Wesen zur Versöhnung gezwungen, und bewegt und erschüttert lauschten die Drei Erna's erregten Worten. Alles, alles hat sie berichtet, wie seit ihrer Genesung, seit der wunderbaren Wiederherstellung ihrer Stimme, ihr Herz sich veredelt, ihr Sinn ein anderer geworden. Ein jüdischer Professor war es, der sie durch aufopferndste, hingebenste Pflege dent Leben, der Kunst wiedergeschenkt, ein jüdischer Bankier ist es, der jetzt mit Umsicht und Gewissenhaftigkeit ihr kleines Vermögen verwaltet und ihr mit Rath und That zur Seite steht. Immer und intmer wieder ist es ihr eigenes, von ihr so oft verschmähtes Volk, das ihr Gutes und Edles erwiesen, und sie sollte diesem Volk noch zürnen? Einmal hatte sich noch der alte Haß in ihr geregt, da die Welt ihre Abkunft errathen, einmal noch bäuntte sich in ihr Trotz und Verblendung, da ein Fürst ihr die Hand geboten, die Hand, die ein Graf von sich gestoßen! — - Da erschien gleich einem Gottesboten, der sie aus der Versuchung befreite, der kleine Knabe und vor den reinen süßen Kinderlauten sind die bösen Gedanken aus ihrer Seele gewichen. „Noch habe ich gekmnpft" schließt Erna mit zuckenden Lippen, „noch habe ich gerungen, denn einen Freund habe ich verloren, und Laßberg war mir ein wahrer, treuer Freuud, doch sein Verlust schmerzt nicht, habe ich dock) durch ihn eine Schwester und zwei Brüder

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