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Der Israelit · 1891-04-09 · Heft 29 (9.4.1891) · page 25

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 29 (9.4.1891)
Date
1891-04-09
Page
– (sequence 25)
Language
German
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r 32. Iahrga»g.) 9. Kp«tt 1891. (Ar KMr. Heilige >» Kr. 29 des IsrM & Jtfdmrun. 5. Feuilleton. pic Antisernitin. Von Pn'.-.la F. (Lchluß.) IV. „Frl. Erna darf ich bitten, man erwartet Sie". Erna schrickt empor; halb angekleidet sitzt sie in ihrer Garderobe, in schmerzliches Sinnen verloren. Wo ist sie denn? Eben war sie ja noch zu Hause, im trauten Gemach bei Vater und Mutter, die Sabbatlampe strahlte, der Weihegesang erscholl — Erna saßt sich an die Stirne, ihr ist so eigen zu Muthe, so weich, so sehnsuchtsvoll, wie kömmt es nur, daß sie seit ihrer Genesung immer und immer wieder an die längst verlorene Heimath denken muß? Sie soll ja spielen, spielen, es war ein Traum, der Vater ist todt, die Mutter ist todt, draußen harret der Direktor, sie muß die Bretter beschreiten, die unbarmherzigen Bretter, und ihre Seele blutet, ihr Herz ist todesmatt. Ein halbes Jahr ist seit Erna's Genesung verflossen, eine Zeit, reich an Gold und Ehren; sie hat ein Engagenrent an der M.r Hosbühne erhalten und ihre Stimme erklingt, Dank der Geschicklichkeit eines berühmten Professors, herrlicher denn je. Das Haus ist ausverkauft, oben in der Loge, in welcher die Vertreter der auswärtigen Mächte ihre Plätze einzunehmen pflegen, wird eifrig debattirt; Baron S, die lebende abromgue scandaleuse, hat Wichtiges zu berichten. „Denkt Euch nur, Kinder," lacht er, „die Palmreis, die blonde, germanische Palmreis ist Jüdin!" — Jüdin? — Man fragt, man forscht und staunt. — — „Ja, Jüdin, und zwar Hab' ich die Kunde aus sicherster Duelle, Gras Wladimirhatte einmal ein saiblo für dasschöne Judenkind. Schaut nur, doit unten im Parquet sitzt ihre Schwester, eine ehrsame Bankiersgattin, und neben ihr, der schwarze, aber wahrhaft schöne Jude, ist Erna's Bräutigam in spe." Man lacht auffällig über die interessante Mittheilung, nur Fürst von Laßberg schweigt, und bittet schließlich dieses Thema fallen zu lassen. Aber, bester Laßberg, spottet die chronicjue scandaleuse, ich verstehe Sie nicht, es ist ja klassisch, die P., die judenfeindliche P. selber Jüdin, ha, ha, ha, ha,-— — Die Vorstellung war vorüber, Erna hatte die Zuschauer zu Thränen gerührt, hatte sie jubeln gemacht, und lag nun ermüdet und gleichgiltig auf ihrem Ruhebett. Sie schloß die Augen und dachte an Mina. Hat sie dieselbe nicht heute Abend erblickt und ihr zur Seite ein bekanntes Gesicht aus ferner. ferner Zeit? Doch nein, Täuschung war's, bittere, schmerzliche Täuschung, wo weilt Mina, die sie so treu gepflegt, und der sie mit schnödem Undank gelohnt? " Und da taucht auch das bekannte Antlitz wieder vor ihr auf, ein männlich schönes Antlitz, und strahlende Augen schienen sie an. Jfl's nicht Raphael, ihr Jugendgefährte, ihr Spielgenosse, der Freud und Leid mit ihr getheilt? — — Wie lange Zeit sie seiner nicht gedacht! Ja, sie erinnert sich noch des schlanken Raphael, der sie immer den anderen vorzog, sie erinnert sich noch seiner Milde und Güte, und sie gedenkt noch des herrlichen Frühlingsabends, da Raphael ihr von Liebe gesprochen und sie ihn abwies, abwies, weil eine Schlange ihre Seele bethört, ihr Herz vergiftet, ihren Sinn verblendet hatte. — Mit bebenden Gliedern springt Erna empor, zornig ballt sie die Hände, und ihre bleichen Lippen fluchen dem Treulosen, der sie bei Nacht und Nebel aus dem Vaterhaus getrieben. V. Es waren thalsächlich Mina und Raphael, die Erna im Theater erblickt. Dr. Raphael Rubens hatte sich in der Residenz niedergelassen und war ein vielbegehrter und gesuchter Arzt. Auch Mina's Geschick hatte sich freundlich gestaltet, sie war nun die Gattin des durch seine Mildthätigkeit und strenge Religiösität weit und breit bekannten Bankier L. geworden. Bankier L., dessen erste Gattin in früher Jugend durch eine Epidemie dahingerafft wurde, setzte seinen edlen Werken die Krone auf, indem er das einfache vermögenslose Mädchen zur Lebensgefährtin und zur Mutter seines fünfjährigen Knaben und seines kleinen Töchterchens erwählte Drei Jahre waren seitdem verflossen, und Mina's liebreiches, sanftes Wesen brachte es zu Wege L. aus der dumpfen Lethargie, die sich seit jenem Unglück seiner bemächtigt hatte, miederzuerwecken Bei Fremden hatte er sie kennen gelernt, eine bescheidene Krankenpflegerin, die ihr junges Leben dem edelsten Zwecke geweiht. Wie glücklich wäre Mina gewesen, wenn ihr nicht der Kummer um die Schwester die Ruhe geraubt. Ihrem Gatten theilte sie alles mit, sie wollte ihr Glück nicht mit Lügen erkaufen, sie hatte geschildert, wie sie Erna gepflegt, wie sie Tag und Nacht um ihre Gesundheit gebetet, und wie dann diese sie trotzig verlassen, da sie dieselbe beschworen zurückzukehren von der abschüssigen Bahn, aus der sie bereits einmal gestrauchelt. Nur den Namen, den Erna jetzt führte, hatte Mina dem Gatten verschwiegen, und er ahnte nicht, daß der vergötterte Liebling des M.r Publikums, die vielgefeierte Erna Palmreis, mit Esther Pollak identisch sei.

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