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Der Israelit · 1891-04-09 · Heft 29 (9.4.1891) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 29 (9.4.1891)
Date
1891-04-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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548 und während die antisemitischen Hetzjournale ihren Feldzug gegen das Judenthum in maßloser Weise fortsetzcn, wird den Vertheidigern der Unterdrückten die Möglichkeit genommen, ihre Stimme zu erheben. P a l ä st i n a. Jerusalem. Der von „Habazeleth" ausgesprochene Tadel, daß die hiesigen Inden, trotzdem jetzt jüdische Aerzte vorhanden sind, noch immer die englischen Missionsärzte consultiren, hat die Rabbinen der sephardischen Gemeinde veranlaßt in ihren Synagogen ein diesbezügliches Verbot ergehen zu lassen, und ist nunmehr zu erwarten, daß diesen höchst traurigen Zuständen bald ein Ende gesetzt werden wird. Wir hoffen aber auch, daß die Radbinen der Aschkenasischen Gemeinden dem guten Beispiele ihrer Sephardischen Amtsgenossen folgend, ebenfalls energisch gegen diesen Mißbrauch einschreitcn werden. Der neuernannte englische Eonsul hat den von den Rabbinen und Vorständen der Gemeinden erstatteten Empfangsbesuch am andern Tage erwiedert und sich genau bei denselben über die Lage und Verhältnisse der hiesigen Juden informirt. > Vermischtes. Larrteuburg, 6. Marz. Dem „Bert. Tagebl." wird berichtet: Der Voruntersuchungsrichter in einer Strafsache am Gericht zu X. hatte mehrere Zeugen, darunter auch einen Juden von hier zu vernehmen. Als ihm ein christlicher Zeuge Schwierigkeiten machte, rief er ihm zu: „Sie machen eS wie die Juden. Wenn diese Geld zu bekommen haben, dann nehmen sie; wenn man ihnen aber nimmt, dann schlagen sie zu." Dies der Ausspruch eines Richters. Hameln, 5. März. Der „Zt. s. Judenth." wird folgender fast unglaubliche Vorgang von hier berichtet. Ein Religionslehrer, welcher vor ca. 19 Jahren unter einem Kontrakt, durch welchen den Kontrahenten das Kündigun'gsrecht zustand, seine Stellung antrat, bat vor längerer Zeit die Königliche Regierung um Aufbesserung seiner Lage durch definitive Anstellung. Die Königliche Regierung gab diesem Gesuche Folge und machte dem Vorstand der Gemeinde die Mittheilung, datz, falls seitens desselben bis 1. April eine Kündigung nicht erfolge, derselbe von Seiten der Regiernng als fest angestellt betrachtet würde. Und nun geschieht die fast unglaubliche Thatsache. Die Gemeinde beschließt, dem Lehrer mit seiner geistesschwachen Frau und sechs unmündigen Kindern nach neunzehnjähriger treuer Dienstleistung zu kündigen, das heißt den Lehrer, da selbiger bereits alt und kränklich, schwerlich anderweitige Stellung erlangen wird, dem Elend preiszugeben. Dies Verfahren sei hiermit dem öffentlichen Urtheil unterstellt! Freiburg i. B., 17, März. Gestern Abend sprach in einer vom hiesigen „Freisinnigen Verein" veranstalteten Versammlung Herr Landtagsabgeordneter Muser „Zur sozialen Frage". Der große Saal der GambrinuZhalle war überfüllt und allgemeiner stürmischer Beifall lohnte die sormvollendten, sachlichen Ausführungen des Redners. Zwei Redner der sozialdemokratischen Partei wurden durch Herrn Muser und den auf der Durchreise hier anwesender Führer der Freisinnigen in Thüringen, Herrn Handelskammersekretär Dr. Frankel aus Weimar widerlegt. Die ganze Versammlung war ein bedeutender Erfolg der hiesigen freisinnigdemokratischen Sache. — Yariatio delectat! Dieser Versammlung folgte heute Abend ein Vortrag Stöckers in der Festhalle vor etwa 4000 Personen über „Die soziale Frage und das Christenthum". Der Exhofprediger sprach zuerst im Allgemeinen ruhig und sachlich und sah sich erst im Laufe der Debatte veranlaßt, eine dafür um so maßlosere Hetzrede gegen die Juden vom Stapel zu lassen. Seine sophistischen Ausführungen und haltlosen Angriffe sind männiglich bekannt; einen großen Erfolg hat der Herr „Hosprediger a. D." damit auch nicht zu erzielen vermocht, und wenn auch im Interesse des konsessionallen Friedens das Auftreten des Hetzapostels zu beklagen ist, so vertrauen wir viel zu sehr dem gesunden Sinn der hiesigen Bevölkerung, als daß wir direkte Folgen befürchten müßten. Herr- Professor Philipovich, der es unternahm, die Hetzrede Stöckers zu widerlegen, fand lebhaften Beifall. Die Ausführungen Stöckers gegen das „jüdische Kapital" werden hier übrigens um so weniger verfangen, als eben die Veranstalter der Versammlung und Leiter des hiesigen konservativen — besser christlich-sozialen — Vereins, die Herren Fabrikanten Mez hier an Kapitalkrast sämmtlichen hiesigen Juden zusammengenommen noch weit überlegen sind. Frau Ch. R osen in Radimna (Ungarn) ist am 3. v. M. im Alter von 103 Jahren gestorben. Dieselbe hat den letzten Versöhnungstag betend und fastend in der Synagoge verbracht. Sie hinterläßt 57 Enkel, Ur- und Ururenkel. Feuilleton. Koste Kreise, -f Novelle von H. Berger. (Alle Rechte Vorbehalten.) (Fortsetzung.) Der Commerzienrath entfernte sich elastischen Schrittes, während Bella und ihre Mutter die für beide so unangenehme Unterhaltung fortsetzten. Das Ende war, daß Bella der Mutter in dürren Worten mittheilte, daß sie ihren Entschluß selbst gegen den Willen der Eltern ausführen und sich deßhalb an ihren Onkel, den Oberarzt des israelitischen Krankenhauses in Hamburg, wenden wolle. Erzürnt verließ die Mutter das Zimmer und auch Bella entfernte sich und ging hinauf zu ihrem Großvater, um mit ihm die Sache zu besprechen. Den Commerzienrath erwarteten auf seinem Comptoir allerlei dringende Angelegenheiten, zu deren Erledigung er aber heute nicht aufgelegt war. Er legte deßhalb die Papiere zur Seite, drückte auf den Knopf einer elektrischen Schelle und ries dem eintretcnden Diener zu: „Ich lasse Herrn Schirmer bitten." Der Diener entfernte sich und kurze Zeit darauf trat Schirmer, ein intelligent aussehender Mann von 35 Jahren, in das Privatkomptoir. „Nehmen Sie Platz, Herr Schirmer", redete ihn Herr Levi an, indem er auf einen gegenüberstehenden Stuhl deutete. Der junge Mann folgte

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