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Der Israelit · 1891-04-06 · Heft 28 (6.4.1891) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 28 (6.4.1891)
Date
1891-04-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
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584 Mein Jankele jedoch konnte das alles mit ruhigem Gemüthe ansehen, weil er bereits seinen Präsenzdienst hinter sich und seinen Urlaub in Händen hatte; er müßte höchstens im Falle ciucs Landsturmes einrücken, aber davon war jetzt nicht einmal die Rede. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf ihn plötzlich jenes Aktenstück von der Militärbehörde, in welchem er, wie es in jenem Schreiben hieß, auf sein eigenes Verlangen in die Militärlifte ausgenommen und zum sofortigen Abmarschieren vorbemerkt wurde. Der Obeist, zu dem wir uns damals begaben, war noch unsere einzige Zuflucht, allein er zertrümmerte unseren letzten Hoffnungsanker. Trauriger und verzweifelter kann kaum eine menschliche Lage gedacht werden, als die unserige es war. Jankele besaß doch eine merkwürdige Eigenschaft. Der erste Anprall des Geschickes warf ihn nieder, kaum war aber der erste Sturm vorüber, so raffte er sich mannhaft auf und bot allen weiteren Stürmen trotzig die Stirne. So war es auch damals, als die letzte Hoffnung sich als Täuschung erwies. Muthig richtete er sich wieder auf und seine Seele erhielt neue Schwingen. „Vater," sagte er mit fester Stimme, „es ist einmal geschehene Sache — Gott ist überall, auch im Kriege. Der Einzige, wie Du siehst, bin ich nicht, der in den Krieg ziehen muß, ich theile dieses Loos mit Tausenden von Menschen und wie Du soeben gehört, muß auch der Oberst, der ein hoher Adeliger ist, seine Familie verlassen und einem ungewissen Schicksal entgegengehen. Also darum Muth, lieber Vater!" Ich hörte ihn schweigend an; als wir zu Hause waren, fragte ich ihn: „Wie willst Du es beginnen, Rachele den traurigen Vorfall mitzutheilen?" Bei dieser Frage ließ er traurig den Kopf hängen, „fehlt mir ganz der Muth. Doch nicht heute, nicht morgen soll sie es erfahren, sondern in der letzten Stunde. Das Bittere kommt nie zu spät!" Während der folgenden beiden Tage verrieih Jankele nicht durch eine Miene, was in ihm vorging. Er überbot sich gegen Rachele in Zärtlichkeiten und wich keinen Augenblick von ihrer Seite. Am dritten Tage, dem letzten nämlich, an welchem er abmarschiren mußte, verließ er, noch bevor der Tag zu grauen anfing, das Bett und trat zu uns ins Zimmer. „Liebe Eltern", sagte er. „Heute heißt es von dannen ziehen." Diese Paar Worte waren mit einer Stimme gesprochen, die uns das Herz erstarren machte. Darauf durchmaß er mit langen, hastigen Schritten das Zimmer, während Seufzer auf Seufzer sich seinem Herzen entrangen. Mit einemmal blieb er vor dem Schrank stehen, griff nach einer leeren Flasche und entfernte sich mit derselben rasch aus dem Zimmer. Einige Minuten später trat er wieder ein, die Flasche, welche bis zur Hälfte mit Branntwein gefüllt wer, in der Rechten. „Vater," sagte er, indem er mir die Flasche reichte, „trink' zu, Du hast es nöthtg, heute werde ich abmarschiren!" Mechanisch setzte ich die Flasche au den Mund und nachdem ich mir mit dem Inhalte die Lippen genetzt, gab ich ihm dieselbe wieder zurück. Jankele that einen tiefen Schluck, einen zweiten und einen dritten. Das war ich bei ihm nicht gewöhnt, es war das erstemal, daß ich ihn überhaupt trinken sah. „Du wunderst Dich darüber, Vater," sagte er, als ich ihn mit ängstlichen, fragenden Blicken ansah, „doch Berauschendes thut Roth. Gilt es ja, das Härteste zu bestehen, Rachele ... das Geschehene . . . mitzutheilen . . . dazu gehört . . . Muth . . . unendlich viel Muth!" (Fortsetzung folgt.) und „Jrschurun" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und DonnerftagS, jedrsmest in mindesten» S S*gen. Drei» des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für'» Ausland 1s Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alte Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch -ru Buchhandel )U beziehe« bei E. Steinacker, Leipzig, Rastplatz 16. — Inserate 25 Pfennige die dreigefpaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 st. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einIufend«. Inhalt (Hauptblatt): Leitender Artikel: Zur Würdigung der Tagessragen. Von Isaak Hirsch. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Hamburg. Wongrowitz. Aus Oberschlesien. Pforzheim. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. — Frankreich: Paris. — Amerika: New-Pork. — Vermischtes. — Feuilleton: Die Recrutirung. Erzählung von Nathan Samuely (Fortsetzung). Inhalt der Beilage: — Leitender Artikel: Perek Schirah. (Fortges. von Liepm. PH. Prins, Frankfurt a. M.) — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Mannheim. — Frankreich: Paris. — Vermischtes. Inhalt der Extra-Beilage: Spenden-Verzeichnisse. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz.—Expedition des „Israelit" u. „Jeschurun", Schottstr. Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu zwei Beilagen.

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