Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 28 (6.4.1891)
- Date
- 1891-04-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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533 Feuilleton. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben in Galizien vor fünfzig Jahren von Nathan Samuely. «Fortsetzung.) „Was!" rief der Oberst, finster die Stirn runzelnd, „er will die Sache wieder ungeschehen machen? Da liegt ja noch sein Bittgesuch vor!" „Herr Oberst! das ist eine Fälschung, das Werk eines boshaften Menschen." „Hei", schrie der Oberst und sah Jankele mit mitleidigen Blicken an. „Ist nicht mehr zu helfeil, er ist bereits in die Soldatenliste ausgenommen." „Herr Oberst, ich bin Vater," flehte Jankele, „ich habe Familie, diese müßte zu Grunde gehen, wenn ich ihr jetzt entrissen werde." „Armer Mann," sagte der Oberst gerührt, „ich kann Ihnen nicht mehr helfen. Es ist bereits geschehene Sache. Doch tröste er sich, er solls beim Militär gut haben, ich werde ihn befördern lasten." „Aber gnädiger Herr Oberst, meine Familie, meine arme, meine unglückliche Familie!" „Auch ich habe Familie," erwicderte der Oberst theilnehmend, „die ich jetzt verlassen muß!" „Gnädiger Herr Oberst!" „Kein Wort mehr!" unterbrach ihn der Oberst und die Zornesadcr schwoll auf seiner Stirne. „Trachte er, bis in drei Tagen marschbereit zu sein." Gebrochenen Herzens verließen wir das Bezirkskommando. Wie es kam, weiß ich selber nicht mehr, aber wir rannten in unserer Verwirrung zum rothen Regierer, zu unserem Peiniger und Verfolger. Weiß cs das gehetzte Wild, welches den Giftpfeil im Herzen trägt, wohin es die flüchtigen Schritte lenkt? Es läuft zumeist dem Geschosse entgegen, das sein armes, gebrochenes Leben ganz vernichten soll. Den rothen Wölwele fanden wir nicht zu Hause, auch sein Weib war diesnral verhindert, uns mit den klingelnden Schlüsseln zu empfangen, weil sic auf dem Sterbebette lag. Wir wurden von dem Dienstpersonal vor der Thüre abgefertigt. Gerade beim Ausgange des Thores kam uns der rothe Wölwele von der Gasse entgegen; als er mich erblickte, trat er hart an mich heran und zischte mir, wie eine Schlange, die Worte zu: „Die weitere Rechnung ist also auch schon beglichen — wir sind quitt!" Und ohne sich umzuschen, rannte er die Stiege hinauf. Zehntes Kapitel. Es ist nöthig, meine lieben Kinder, daß ich Euch die damaligen Vorgänge schildere, damit Ihr das, was ich Euch soeben erzählt habe und was noch kömmt, besser verstehet. Das Leben in unserem kleinen galizischen Städtchen glich damals einem stagnirenden Sumpfe. Alles hatte seinen kriechenden, schleichenden Gang, ein Tag glich dem andern, und Jahre konnten oft vorüberziehen, ohne daß die trägen Wellen dieses monotonen Lebens von irgend einem Windhauche gekräuselt wurden. Höchstens wenn eine Hochzeit oder ein Leichenbegängniß stattfand, krochen die verschlafenen Leute aus ihren Häusern hervor, um dann wieder in dieselben sich etnzuschließen. Draußen, im großen Leben, zogen oft Stürme vorüber, von denen unser Städtchen ganz unberührt geblieben. Erst einem gewaltigen Organ, der das Gesammtleben mit wüthender Gewalt erfaßte, gelang es, die Leute aus ihrem Schlafe aufzurütteln, und da rannten sie entsetzt, wie ein umgeftürzter Ameisenhaufen, auseinander. Das Städtchen wurde nämlich von einer schrecklichen Neuigkeit überrascht — Krieg, ein Krieg zwischen Oesterreich und Rußland! Wohl erzählten sich schon früher die Klausleute, daß schreckliche „Scharires" im Anzuge sind, allein, zu welcher Zeit haben sich diese Leute nicht von Scharires zu erzählen, wann lasten sie nicht hinter dem Eisenofen der Klaus ganze Regimenter aufmarschiren? Diesmal wurde jedoch das Klausgcmunkel zur erschreckenden, lebendigen Wahrheit. Von der Militärobrigkeit kam cs wie ein Sturmvogel her: Einberufen! Und von hier trug der Wind das Wort nach allen Richtungen der Windrose. Die Urlauber wurden cinberufen, neue Astentirnngen ausgeschrieben, Werbekommissionen entstanden, in den Schenkhäusern ging es toll her, man lockte durch wüste Gelage, die dort ansgeführt wurden, Freiwillige für den Militärdienst an, ja, man zahlte auch Handgelder und gestattete manches tolle Treiben, welches in anderen Zeiten nicht geduldet worden wäre. Das Städtchen glich einem gesprungenen Dampfkessel. Aus den Schenkhäusern und Spelunken tönte wüste Musik. In den Gasten tummelten sich die drei Regierer und das ganze Heer der Gemeindebeamten umher — es galt wieder fette Beute. Der Viertelmeister und feine Häscher kreisten wie die Sturmvögel durch die Gassen, und es fehlte nicht an Greuelthaten. Mitten in diesem Gewühle bewegte sich ein rundliches Männlein, nämlich Stasch, der Barbier, mit seinen blinzelnden Acnglcin und den aus den Hosentaschen heraushängeuden Fingern. Auch er verpaßte den günstigen Augenblick nicht und rührte die fleißigen Hände.