Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 28 (6.4.1891)
- Date
- 1891-04-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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531 nicht zur Wahl geschritten werden. Bekanntlich erfolgt diese Wahl von den sechs Conststorial-Mitgliedern unter Beiziehung von sechs Delegirten der hiesigen Gemeinde und des Consistorialsprengels. Welcher Eontrast! Während in politischer Hinsicht das allgemeine Wahlrecht als ein unumgänglich nöthiges Prinzip betrachtet wird, begnügt man sich in religiösen Angelegenheiten mit dem „suffrage restreint". Es sind 12, sage zwölf Wahlmänner, welche über die Entscheidung eines neuen geistlichen Oberhauptes zu entscheiden haben. Ein anderes Ereigniß von höchster Wichtigkeit für das französische Judenthum hat sich Anfangs der Wintersaison vollzogen. Es ist dies die Berufung eines neuen Direktors des Rabbinerseminars an Stelle des verstorbenen Herrn I. Trenel. Einer der hiesigen Iladdins adjoints, Herr I. L e hmann wurde für diesen Posten erkoren. Der Wunsch aller ‘wur midx 'oft» geht nun dahin, daß diese Lehranstalt, welche die Heranbildung der einstigen geistigen Führer der Gemeinden zum Ziele hat, endlich das werde, was man mit Recht von derselben fordern kann, nämlich eine Pflanzstätte echt jüdischen Wissens und Lebens; ein Lehrhaus, das nicht nur Männer mit allen möglichen Kenntnissen und profanem Wissen ausstattet, sondern und namentlich auch das Thorastudium sich zur Hauptaufgabe stellt und überz eugungs treue, für den Glauben begeisterte Rabbiner für ihren künftigen Beruf heranbilde, die in dem Sinne des traditionellen Judenthums zu wirken sich bemühen werden. Dann werden die traurigen religiösen Zustände bei den französischen Juden nach und nach aufhören. Denn bis jetzt werden thatsächlich oft und fast überall im Lande die wichtigsten Gebote und Vorschriften unserer h. Thora als etwas Unwesentliches, Nebensächliches, zuweilen sogar als unzeitgemäß behandelt. Von einer Pflicht des Thora-Lernens naitk hat Niemand eine Ahnung mehr. Der Religionsunterricht in den Schulen, ohnedies wegen Ueberhäufung mit profanen Disckplinen nur mangelhaft ertheilt, liegt im Argen. Unwissenheit und Unkenntniß in Bezug auf religiöse Dinge, Gleichgiltigkeit und Kälte, wonicht Verachtung gegen den ceremoniellen Theil unserer heil. Religion sind die traurigen Früchte hievon. Worin anders, als in der Verkennung der Wichtigkeit des Pflichtiheiles und der Betätigung des jüdischen Lebens müssen und können wir den Rückgang der Gemeinden in religiöser Beziehung suchend Soll daher eine Wendung zum Guten eintreten, müssen vor Allem die Lehrsäle, in welchen die Ausbildung der künftigen Lehrer und Führer der Gemeinden sich vollzieht, die gründliche und eingehende Behandlung des religiösen Lehrstoffes im Auge halten. Es muß das Licht und der Geist der Thora, wie ehedem, dieselben erleuchten und erwärmen, wenn die aus denselben hervorgehenden Rabbiner die ihrer geistigen Obhut anvertrauten Gemeinden für Gottes Lehre und Gesetz wieder gewinnen wollen. Wir sind weit davon entfernt die Thatsache zu leugnen, daß aus gedachter Anstalt Männer hervorgegangen, denen cs hiezu weder an Talent noch an Wissen und Willenskraft mangelt. Im Besitze einer vorzüglichen Rednerbegabtheit, verstehen dieselben meisterhaft die Wahrheiten und Grundsätze des Judenthums von der Kanzel herab darzulegen, und in einer ebenso kunstgerechten als eleganten Sprache dessen erhabene Lehren zu verkünden. Glaubt mau jedoch damit seiner Aufgabe als Rabbiner Genüge geleistet zu haben? Sind doch die Anforderungen, welche an denselben in einem jeder positiven Religion so abhold gewordenen Zeitalter oirp in gestellt werden können, so manigfaltig, so verschieden und so zahlreich. In keinem Jahrhundert der Vergangenheit Israels waren die Pflichten und Obliegenheiten eines nyn so umfassend, so bedeutend und so schwerwiegend als in der Gegenwart; das Wort der Weisen: ntpynn ip’« nion Nicht die theoretischen Auseinandersetzungen, sondern die praktische Ausübung von Gottes Gebot und Lehre muß das Loosungswort des heutigen Seelenhirten sein. Möge unser frommer Wunsch bald in Erfüllung gehen l Dann wird der gesegnete Boden Galliens, wie zu den Zeiten des Mittelalters, als ein würdiges nachzuahmendes Beispiel dienen. Das walte Gott! Amerika. New-Uork, 13. März. Rosa Szönffy oder Kohlmann, die angebliche Esther Solymosi, ist seit 2 Togen aus ihrer bisherigen Wohnung bei Frau Guggenheim verschwunden. Als sie vorgestern Morgen die'„Staatszeitung" gelesen hatte, brach sie in die Worte aus: „Das geschieht meiner Mutter recht! Warum wollte sie mich auch los werden!" Mehr wollte sie nicht sagen, obwohl es die weiblichen Mitglieder der Familie Guggenheim, welche die Worte mit angehört hatten, nicht an Zureden, ihrem Herzen Luft zu machen, fehlen ließen. Rosa ließ ihren Koffer und sonstige Sachen in der Wohnung der Frau Guggenheim zurück und hat damit jedenfalls ihren vorläufigen Zweck erreicht, daß Niemand direkt und augenblicklich auf ihre Absicht, den Schauplatz ihrer bisherigen unliebsamen Notorietät zu verlassen, aufmerksam wurde. Frau Guggenheim und ihre Kinder glaubten nicht daran, daß man in ihrer Kostgängerin die angeblich hingeschlachtete Esther Solymosi wiedergefunden habe. Das Mädchen möge vielleicht ein Geheimniß auf der Seele haben, doch sei das nicht dasjenige von Tiszar-Eszlar. Oftmals sei Rosa in Liefen Trübsinn verfallen und